Paradiesvogel.
(7.Fortsetzung.) Roman von Paul Oskar Locker.
err von Wyschnewski wurde von den Damen in dem kleinen Salon empfangen, dessen Tür zu der am ganzen Stockwerk entlang führenden Terrasse offenstand.
Der Helle Frühling lachte von dem romantischen Waldtal in das behagliche, sonnige Stübchen herein.
Sabine freute sich so herzlich und unbefangen über den Besuch, daß gleich von Anfang an eine gute Stimmung aufkam. Nur Zwischen Asta und dem jungen Marineoffizier wollte sich eine gewisse Gezwungenheit durchaus nicht legen. Die Unterhaltung fand auch größtenteils zwischen den beiden Jüngeren statt.
„Ich bringe Ihnen die frischesten Grüße von Ihrem Herrn Papa, gnädiges Fräulein. Mitte der Woche Hab' ich ihn zuletzt gesprochen."
„Wie geht es ihm? Es soll schon so heiß in Berlin sein? Er schreibt so selten. Wir waren schon recht in Sorge um ihn."
„Ja, es ist Heuer eine schwere Reichstagssession mit viel hitzigen Debatten. Aber es sind stets glänzende Tage, wenn er auf der Rednerliste steht. Ich Hab' ihn erst vorgestern
gehört."
„Teilen Sie eigentlich seinen politischen Standpunkt?"
„Ehrlich gestanden: im wenigsten!"
„O, das ist aber garstig!"
Der Marineleutnant lachte. „Ja, wenn er sich so einen von den Halbfremden langt, wie z. B. vorgestern den Herrn Sczuls aus der deutschen Provinz Posen, dann ist das für mich natürlich Manna. Haben Sie's gelesen? Der Jubel, als er den Herrn so Punkt für Punkt abführte!"
„Hör mal, Asta, es ist unverantwortlich, wie einseitig wir Frauenzimmer wieder sind. Sprechen da die ganze Zeit bloß über Kirchenspitze, Point de lace und allerlei solchen Krimskrams! . . . Hast du eine Ahnung von dieser Polensache?"
Asta nickte. „Gewiß. Das ist doch sein Hauptgegner in allem: Herr Felicyan Sczuls."
„Geschrieben S, c, z, u, l, s," ergänzte Wyschnewski, den Finger hochhebend. „Ein Deutschenfresser reinsten Wassers. Sein Herr Großpapa soll sich ja allerdings noch schlicht und bieder Schulz mit Sch und z geschrieben haben."
„Und um was handelte sich's vorgestern?"
„Zur Debatte sollte der Antrag für ein Reichsgesetz über Gestütwesen gestellt werden. Man ist darüber aber zur Tagesordnung übergegangen, weil das doch bis jetzt noch Sache der verbündeten Regierungen ist. Aber die paar Zwischenreden zur Geschäftsordnung, die waren geradezu klassisch und höchst amüsant."
„Sie haben jetzt natürlich starkes Interesse für alle equestrischen Dinge?" fragte Sabine lächelnd.
„Gewiß. Und ich bewunderte die Kenntnisse Ihres Herrn Vaters auch auf diesem Gebiet."
„Papa beherrscht jedes Thema. Sie müßten aber auch sehen, wie gewissenhaft er sich immer vorbereitet. Eine ganze Literatur stöbert er durch, um sich zu informieren. Gelt, Asta, wir haben ihn doch manchmal noch um Mitternacht aus seiner Studierstube herausgeholt?"
Wyschnewski mußte ihnen dann noch ausführlicher über die Reichstagsverhandlung vorplaudern.
„Ja, er wußte darin über alles bis ins letzte Detail Bescheid: Pferdezucht, landwirtschaftliche Interessen, Sportzwecke, Remonten, Totalisator, Gestütbücher, Import, Export. Herr Sczuls kam absolut nicht gegen ihn auf. Als Armeegegner ist der natürlich auch ein grundsätzlicher Bekämpfer aller Zuschüsse, die der Staat für Pferdezuchtzwecke leistet. Da kam nun also ein kleines Raketenfeuer zustande."
„Aber Papa hat schließlich doch noch das Feld behauptet?"
„Unter dem Beifall der Mehrheit des ganzen Hauses. Ich hätte am liebsten von der Zuschauertribüne auch mit hinuntergerufen: Bravo!"
„O hätten Sie's doch! — Asta, die Verhandlung müssen wir lesen!"
„Sie sind auf einer längeren Wanderung durch Thüringen?" fragte Asta dann.
„Nein, ich habe mich nur für heute vormittag freigemacht. Morgen am Sonntag ist ja kein Dienst. Da dacht' ich mir: du willst doch einmal sehen, wie sich das Fürstentum Schwarzburg- Rudolstadt an so einem halbgeraubten Feiertag ausnimmt."
Sabine lächelte. „Und es gefüllt Ihnen hier?"
Er hatte seinen Blick Zärtlich in den ihren versenkt. „Mächtig. Himmlisch. Ganz einzig. Das heißt -— gesehen Hab' ich ja von Schwarzburg-Rudolstadt noch fast nichts."
Die Stimmung gewann durch seine frische Art mehr und mehr.
„Was meinst du, Asta, ob wir Herrn von Wyschnewski zu einer kleinen Bergkraxelei auffordern?"
Der junge Seeoffizier war entzückt. „Noch heute?"
„Oder wollen Sie gleich weiter?"
„Ich? Durchaus nicht. Wenn Sie mir nicht böse sind: ich gedachte erst morgen abend mit der allerallerletzten Gelegenheit nach Berlin zurückzukehren ..."
„Also wandern wir morgen früh. Nach der Fasanerie oder dem Schild. Nicht wahr, Asta? Aber da heißt's: zeitig heraus, nicht verschlafen!"
„Wenn Sie befehlen, bleib' ich über Nacht gleich wach."
„So grausam sind wir nicht. Stellen Sie sich in aller Frühe, etwa um neun Uhr, ein — dam: sind wir bis zu Tisch zurück."
Wyschnewski amüsierte sich natürlich darüber, daß die Damen diese Stunde „zeitig" nannten. „Wenn die Vorbereitungen für diesen Gewaltmarsch keine allzugroße Schonung erfordern, dann möchte ich mir nur noch eine einzige Gnade von Ihnen ausbitten."
„Und die wäre?"
„Daß ich heute abend mit Ihnen speisen darf."
Die Damen hatten sich bisher noch niemals abends im Restaurant gezeigt. Sabine warf ihrer Freundin aber einen so herzlich bittenden Blick zu, daß Asta sofort einwilligte.
Und so kam es denn abends zu ein paar lebhaften, amüsanten Stunden. Der Kreis ward ziemlich groß, und Asta fand wieder wie stets, wenn sie bei guter Stimmung war, die allergrößte Sympathie. Sie trug an diesem Abend ein Kostüm Louis' XL. in champagnerfarbenem Tuch. Gleich Sabine hatte sie einen der modernen Gazeschals um Schultern und Arme gelegt — Geschenke Gernots, die ein paar Tage zuvor eingetroffen waren. Asta entwickelte eine besonders graziöse Kunst, im Geplauder die Fingerspitzen mit den duftigen Schalenden spielen zu lassen. „Ganz Pariserin!" lautete das bewundernde Urteil auch hier wieder.
So eifrig sich Wyschnewski übrigens mit seiner Nachbarin beschäftigte: Asta entging es nicht, daß er auch sie ziemlich eingehend studierte. Sie empfand das als lästig, aber es zwang sie dazu, sich fortgesetzt selbst zu beobachten. Das meiste, was sie sagte, und auch die Art, in der sie's sagte, war mehr für ihn als für die weitere Umgebung bestimmt. Es war ihr fester Wunsch, sich bßi ihm wieder ins beste Licht zu setzen. Denn sie ahnte, nein sie wußte: sie hatte bei ihm ein Mißtrauen zu besiegen!
Als es bekannt wurde, daß die beiden Damen endlich einmal wieder einen Ausflug unternehmen würden, fehlte es weder an Vorschlägen noch an Führung und Begleitung. Sie waren die Lieblinge — „der Verzug" — der Hotelgesellschaft