geworden. So kam es, daß sie am anderen Morgen in größerem Trupp zu dem Hauptausflugspunkt, dem „Trippstein", emporpilgerten.
Asta war auf dieser kleinen Bergwanderung sehr zerstreut. Sie zitterte innerlich, wenn sie Wyschnewski mit Sabine allein sah. Und es fiel nicht nur ihr, es siel auch den anderen auf
— die sich mehrmals in neckenden Anspielungen darüber ergingen
— daß der Marineoffizier jede Gelegenheit wahrnahm, um sich mit Fräulein Gernot von dem allgemeinen Trupp abzusondern.
Das Bild, das die beiden Damen abgaben, war allerliebst. Asta sorgte stets dafür, daß ihre Toiletten gut zueinander stimmten. Immer wirkten die beiden Berlinerinnen schick, und stets kanr jede von ihnen zur Geltung. Astas geschmackvolle Toiletten wurden nicht nur von den Herren, sondern sogar auch von den weiblichen Hotelgästen von Tag zu Tag bedingungsloser anerkannt. Sie bildete auch sonst ein ungemein interessantes Gesprächsthema. Aus Berlin, wo ihr Name so sehr bekannt war, schon durch die Basare, Wohltätigkeitsveranstaltungen und Reiterseste, hatte man bereits dies und das über sie erfahren. Brennend gern hätte man näheres über ihre Scheidungsgeschichte gehört, und vor allem eine Bestätigung des Gerüchts, das über sie und den bekannten Reichstagsabgeordneten Doktor Gernot neuerdings in Umlauf war.
Auch Wpschnewski war dies in Berlin zu Ohren gekommen, wie schon so manch anderes vorher. Es hatte ihm daher geradezu einen Stich ins Herz gegeben, als er bei einem Besuch am Kurfürstendamm vom Hausfräulein erfahren hatte: das gnädige Fräulein, das nach dem „Weißen Hirschen" nach Schwarzburg abgereist war, weilte auch dort wieder in der Gesellschaft der Baronin von Gamp.
Eines Tages siegte die Sehnsucht. Und so war er im V-Zug nach Rudolstadt gefahren und hatte in seiner Ungeduld, seine liebe, sinnige Freundin endlich wiederzusehen, an die ihm jetzt peinliche Begegnung mit Frau Asta kaum mehr gedacht.
Es lag auch an diesem warmen, strahlenden Frühlingsmorgen eine so zauberhafte Weihe über der stillen Waldlandschaft mit den Durchblicken über verschwiegene, wilddurchhuschte Täler und nach fernen, blauen Bergen, daß der Berliner Klatsch keine Gewalt über seine Stimmung bekam. Und irgend etwas Überzartes, Hilfloses, das sich Zuweilen in Sabinens Blick und Ton ausprägte, weckte seine ganze Ritterlichkeit.
Er erzählte ihr auf der Wanderung von seinen Fahrten zur See. Viel Neues ging Sabine dabei auf. Vor allem rückte es seinen Charakter in eine ihr ganz neue Beleuchtung. Sie hatte sich das Leben der Seeoffiziere sehr unruhig, sehr lebhaft und anregend vorgestellt, und nun erfuhr sie, daß es keinen zweiten Beruf gab, dessen Angehörige so von grenzenloser Einsamkeit heimgesucht würden.
„Ja, als Knabe hatt' ich auch noch Ihre Vorstellung vom Seeleben," sagte er lächelnd. „Die Welt sehen, Orient und Okzident, alle Wunder der Erde kennen lernen, das war wie ein Rausch der Phantasie. Aber was man wirklich zu sehen bekommt, das sind eigentlich nur ein paar Häfen. So bleibt nran immer an der Schwelle stehen, ohne ins Reich der Sehnsucht hineinzukommen. Und die einzige fremde Stimme, die zu einem spricht, außer der der Kameraden, ist die des Meeres."
„Einsamkeit!" Tiefaufatmend wiederholte Sabine das Wort. Sie blieb stehen. Es war, als ob sich ihr Blick nach innen richtete.
„Es ist ein Begriff, den Sie in Ihrem glänzenden Leben wohl kaum kennengelernt haben," meinte er.
„O, ich kenne ihn. Nach dem Tod von Mama lernte ich ihn kennen. Und dann starb auch bald nach ihr Tante Gerda. Da wurde es mit eins sehr, sehr still bei uns."
„Aber Sie hatten doch immer Ihren Vater."
„Ja. Wir waren wie zwei gute Freunde."
„Ich Hab' es in Berlin oft gesehen. Und damals hat mich's geradezu gerührt. Und ein bissel neidisch gemacht!" setzte er zögernd hinzu.
„Neidisch?"
„Ja, es mag seltsam klingen. Ich habe noch beide Eltern, Hab' Schwester, Schwager, nette kleine Neffen, überhaupt eine große Verwandtschaft —"
„Die Sie gewiß als den weitgereisten Vetter sehr verzieht, wie?" schaltete sie lächelnd ein.
„Wenig, gnädiges Fräulein. So recht herzlich stehe ich mit keinem, keinen:."
„Aber doch mit Ihren Eltern?"
Er schüttelte nur stumm den Kopf.
„Ja, aber — mit Ihrer Mutter? Wie? Sie ist doch eine so charmante Frau!"
„Charmant. Ja, das ist sie." Er sagte es mit einem seltsamen, sie befremdenden Beiklang.
„Und alle Welt mag sie!" setzte sie hinzu.
„Ja, alle Welt."
„O — so dürften Sie das aber nicht sagen."
Nach kurzem Schweigen fragte er: „Kann man tiefe, innerliche Beziehungen zu jemand haben, der gegen alle Welt charmant ist?"
Dunkel, ganz dunkel stieg in ihr die Erinnerung an die letzte Unterredung mit ihm auf. Sie war damals als Rekonvaleszentin noch so weich und empfindsam gewesen. Es fiel ihr wieder ein, daß seine Verwandten sich über Asta so absprechend geäußert hatten. Und allerlei, was damit zusammenhing.
„Ich wollte aber keine trübe Stimmung aufkommen lassen, gnädiges Fräulein," sagte er. Und noch etwas leiser setzte er hinzu: „Sie sollten dem nur entnehmen, daß für mich der Begriff Heimat nicht mehr so recht mit dem Gedanken ans Elternhaus verbunden ist."
„Ist das aber nicht sehr, sehr traurig?" fragte sie, nur schwer gegen die Bangigkeit ankämpfend, die sie plötzlich wieder zu bedrücken anfing.
„Vielleicht ist es das Natürliche, gnädiges Fräulein."
„Wenn ich mir vorstelle, ich sollte Papa eines Tages verlieren . . . nicht durch den Tod, nein..." Sie bedeckte für ein paar Sekunden die Schläfen und starrte geradeaus. In demselben Augenblick wandte sich Asta nach ihnen um. Es war Sabine aber nicht möglich, ihren freundlichen Gruß ebenso zurückzugeben.
„Haben Sie sich denn noch nie mit dem Gedanken vertraut gemacht, gnädiges Fräulein, daß Sie einmal sein Haus verlassen würden, um — nun, um einem fremden Mann zu folgen?" fragte er unsicher. .
Ein leichtes Rot stieg in ihre Schläfen. „Aber ein Stück Heimat — ein Asyl der Seele, möcht' ich sagen — das müßte man doch immer noch bei den Seinen wissen!" gab sie ebenso unsicher, ein wenig bedrückt zurück.
„Vielleicht fänden Sie dann draußen eine neue Heimat, Fräulein Sabine," sagte er leise und bittend. In: langsamen Weiterschreiten berührte dabei seine Hand die ihre, erfaßte und drückte sie.
Eine Strecke Wegs gingen sie schweigend so nebeneinander. Sie fühlte: in diesen schlichten Worten sprach sich seine Werbung aus. Eine unendliche Weichheit überkam sie. Der wunderbare Morgen, die Helle:: Lichter, die durch den dunkele:: Wald blitzten, die tauige Frische der ganzen Landschaft, die fröhlichen Farben der heiteren, viel lachenden Gesellschaft, die vor ihnen vorausschritt, — alles wirkte zusammen. Noch nie war ihrem
Empfinden ein Mann so nahegetreten wie der junge Seeoffizier, dessen tiefes Gemüt ihr Töne verraten hatte, die ihr so seltsam verwandt und vertraut waren.
Leise, etwas verträumt lächelnd, sagte sie: „Ich hatte bisher noch nie so recht im Ernst daran gedacht."
„Wirklich nicht?"
„Das sag' ich nicht aus Koketterie. Ich fühlte mich so geborgen bei Papa. Da kan: der Gedanke ans Weggehen gar nicht auf. Das lag für mich alles noch in so weiter Ferne."