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„Und jetzt —?" fragte er zögernd.
„Ich glaube, ich — ich stehe jetzt vor der gleichen Einsamkeit wie Sie."
Wieder blieb er stehen. Seine Hand hielt immer noch die ihre fest. Fragend sah er sie an. „Und die würde Ihnen dann den Wunsch nach einer neuen Heimat nahebringen?"
„Ja. Vielleicht."
„Fräulein Sabine —!"
Sie löste ihre Hand aus seiner Umklammerung. „Ich — verliere Papa ja bald!" stieß sie tonlos aus.
„Sie verlieren ihn?"
Heftig nickte sie. „Er wird sich wieder verheiraten. Ja. Mit Asta. Mit Frau von Gamp."
Es war geradezu Schreck, was sich in seinen Zügen aus/ prägte. „Mit — der Baronin von Gamp?!"
„Es ist noch nicht veröffentlicht worden. Aber im Herbst soll die Hochzeit sein. Sie rüsten eifrig. Asta schmückt in Gedanken ihr neues Haus schon aus. Und in dem — bleibt natürlich für mich kein Platz."
Zwei einsame Tränen standen in ihren Augen, ohne daß ihre Stimme die äußere Ruhe verloren hätte. Nur eine ergreifende Hilflosigkeit prägte sich in ihren Zügen aus.
„Sabine", sagte er leise und bittend, „wenn ich dann versuchte, Ihnen eine neue Heimat zu schaffen?"
Die Gesellschaft war soeben rechts in den Pavillon abgebogen, von dessen breiten offenen Fenstern man die schöne Aussicht über das Schwarzatal genoß. Man hörte noch ihr Lachen. Sonst war es ganz still und traumverloren hier. Die Vögel sangen, ein Specht hackte, im Laub raschelte es. Und die Sonnenlichter tanzten in dem noch jungen, hellgrünen Laub, funkelnde Reflexe im Moostau hervorrufend.
„Liebe, liebe Sabine!" sagte er noch einmal.
Nun weinte sie. Es zwang sie in der Kehle. Sie fühlte sich so tief bewegt, daß es ihr eine Erlösung war, ihren Tränen freien Lauf zu lassen.
Er nahm ihr beide Hände vom Gesicht und küßte ihre Finger, die ganz kalt geworden waren.
„Sagen Sie's doch mit einem einzigen, lieben, kurzen Wort, Sabine!" bat er. „Ja? Wollen wir zueinander halten?"
Allmählich trat ein Lächeln hervor. Es war ihr so wundersam, daß dies nun eine große Schicksalswendung für sie bedeutete. Sie mußte immer dem Gezwitscher lauschen und dem entfernten Durcheinander der Gesellschaft. Seine Stimme konnte so zart zu ihr sprechen; es war wie eine Liebkosung. Als sie den Blick zu ihn: aufschlug, in dein eine solche Innigkeit lag, brauchte er die Versicherung des gesprochenen Wortes nicht mehr. Einen Moment lang sahen sie sich tief ins Auge — dann umfaßten seine Hände ihren Kopf, und seine Lippen fanden die ihren in einem langen Kuß.
Selig hielten sie so eine Weile und schwiegen.
Erst das Näherkommen und Lauterwerden der Stimmen schreckten sie aus ihrer Versunkenheit. Sabine rückte ihren Panamahut zurecht, der ihr ganz in den Nacken gesunken war. Auf die neckenden Zurufe der Gesellschaft hin, die sich über ihr langsames Nachkommen aufhielt, beschleunigten sie das Tempo.
Als sie mit heißen Gesichtern und leuchtenden Augen in den Pavillon eintraten und bei dem ersten Anblick der wunderbaren Landschaft, die sich vor ihnen ausbreitete, sofort unwillkürlich einander die Hand reichten, wußte Asta, die sie still beobachtete: daß das entscheidende Wort zwischen ihnen gefallen war.
Sie atmete tief auf, von einer Sorge befreit.
Daß zwischen den beiden jungen Menschen ein Einverständnis bestand, merkten alle, denn Wyschnewski wich den ganzen Tag kaum von Sabinens Seite. Als er sich kurz vor Abgang des letzten Zuges verabschiedete, richtete es Asta so ein, daß sie das Paar unauffällig für ein paar Augenblicke allein lassen konnte.
Sie war der festen Überzeugung, daß Sabine ihr hernach gleich mitteilen würde, wie es zwischen ihr und dem jungen Seeoffizier stand. Aber Sabine war schweigsam, vielmehr still verträumt, innerlich glückselig, und fragte man sie, dann schien sie wie abwesend. Asta nahm ihr's nicht übel. Sie vertröstete sich auf den anderen Morgen. (Fortsetzung solgt.)
Weltsprachen.
Von Professor
a wo der flutende Verkehr der Stadt Paris durch thermopylenhafte Engpässe hindurchgezwungen wird, am Durchgang vom Louvre in die Rue de Rivoli oder am Ausgang der Rue Richelieu auf die großen Boulevards, sah man vor zwanzig Jahren einen Sommer und Herbst hindurch je zwei Männer stehen. Sie riefen, der eine in sonorer Bruststimme, der andere in dazu gestimmter durchdringender Oktave, in pausenloser Abwechslung: „Im lanZuo universelle, la
Ammmaire Volapük, viuZt eeutimes!" Das Geschäft ging rasend; und wenn jemand ein neues Haarfärbemittel oder ein neues Buch durch Straßenplakate bekannt machen wollte, so setzte er ganz sinnlos darüber: „Volapük N dann blieben die
Leute stehen. Paris hatte seine zwei Emotionen, die nationale und die internationale, die zwei Sterne der Zukunft, an die der einzelne, je nach seiner allgemeinen Richtung, glaubte: den neuen Vonaparte, General Boulanger, den baldigen Besieger Deutschlands und Hersteller der französischen Führung, und — das gegen den alten Rang der französischen Sprache aufmarschierte, aus Deutschland kommende Einheitsidiom der friedlichen Völker, das Volapük! Ein paar Wochen lang gab es in Paris einen Volapüktaumel; denn es macht ja nicht zum wenigsten die Liebenswürdigkeit des französischen Charakters aus, mit so viel Geist und feiner Würde zusammen auch so viel sanguinische Kindlichkeit in sich beherbergen zu können.
Vorigen Herbst fragte ich einen Pariser Buchhändler nach dem Volapük. Er mußte sich besinnen, dann antwortete er
vr. Ed. Äeyck.
mit der zugespitzten Drastik, die der französischen Sprache eigen ist: ,,^K, Nonsiour: il a existo, mais il n'existo plus!" Aber
er gab mir dann die Grammatik des „Lsperauto", die zu kaufen ich eigentlich kam.
Seit Jahrhunderten haben Geister von verschiedener Bedeutung, darunter so große wie Leibniz oder wie der erste Urheber einer naturwissenschaftlich sich begründenden Geschichtsphilosophie, Condorcet, sich mit dem Gedanken einer ausgleichenden Weltsprache getragen. Einer universalen Verkehrssprache, namentlich für die Handelskorrespondenz, die als eine künstliche Schöpfung erstlich den nationalen Eifersüchteleien die Spitze abbrechen und zweitens den praktischen Vorzug knapper, leicht erlernbarer grammatischer Regeln haben würde, also nicht mit Ausnahmen und unregelmäßigen Verben beladen sein sollte. Bis heute sollen über 150 solcher Systeme im ganzen schon erdacht worden sein, womit also auch wieder auf dem Gebiete der Einheitssprache für eine babylonische Sprachverwirrung gesorgt wäre, beträchtlich ärger noch, als sie durch den Wettbewerb der Systeme leider auf dem Gebiet der Stenographie besteht.
Eine eigentliche, ansehnlichere Werbekraft hat aber von ihnen erst das Volapük entfaltet, das um 1879 von dem badischen Pfarrer Joh. Mart. Schleyer erfunden wurde.. Er stellte eine Auswahl englischer, lateinisch-romanischer, deutscher und anderer Wurzelstämme zusammen, brachte sie auf eine einfache, phonetische Schreibweise und gab eine möglichst übersichtliche und sparsame, systematisch erdachte Grammatik dazu.