Heft 
(1906) 08
Seite
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Die griechische Sprache hatte bedeutsame Eroberungen auch nach Norden auf der Balkanhalbinsel gemacht; von hier aus unterwarf, schon nach dem Sinken des eigentlichen Hellas, durch den großen Alexander das hellenistische Griechentum politisch die gesamte nach Osten hin bekannte asiatisch- ägyptische Welt, hielt sie dann in den Teilreichen der Diadochen für die griechische Kultur und die griechische Weltsprache, diese älteste von allen, fest. Griechische Bildung war viele Jahr­hunderte hindurch Weltbildung schlechthin. Griechische Buch­staben lernte der Kelte, der Etrusker; griechischer Kultur und Sprache wandte sich namentlich auch der Römer des auf­strebenden Stadtstaates am Tiber zu, mit ähnlicher Ehrfurcht und Begeisterung, wie heute der Zu Weltgedanken und moderner Kultur erwachte Deutsche sich auf englische Bücher, Sitten und merkantile Vorbilder wirft. In das griechischeNeue Testament" vereinigte man die Erinnerungsbücher und Apostelbriefe des jun­gen Christentums, und noch eine ganze Reihe fernerer Jahrhun­derte hindurch sprach Griechisch als Vermittlungs- und Bildungs­sprache der gesamte Orient. Es wäre lächerlich gewesen, damals zu meinen, daß die Sprache von Hellas an diesen Stätten je wieder vergessen werden könnte, dort, wo der große Eroberer sein Alexandria" gegründet oder wo man dem hellenisierten Lande der beiden großen Ströme, die Babylon und Ninive vergehen sahen, den Griechennamen Mesopotamien beigelegt hatte.

Die Herrschaft des Griechischen über die damals bekannte Welt haben im Abendlande die Römer, im Orient erst viel später der Islam Araber, nachmals Türken -- ausgelöscht. Aus Griechenschwärmern wurden die Latiner am Tiber, mit dem wachsenden Bewußtsein ihrer Stärke als Waffenvolk, zu selbsteigen stolzen Römern. Nun nannten sie selber, wie einst die Griechen und mit deren Wort, allesBarbaren", was nicht römisch-lateinisch oder griechisch war. Denn mit dem Griechischen im Osten mußte die weltbeherrschende Roma ihre Kompromisse schließen. Im übrigen hatte sie vom Piktenwall in Britannien, von der Zuydersee und der Donau bis nach Tunis und Marokko die Herrschaft nur einer Sprache, der römisch-lateinischen, in Amt, Verkehr und Geschäft aufgerichtet, und wer als römischer Provinziale aus der Tiefe der un­behilflichsten Barbarei ein wenig Herausgucken wollte, der lernte und brauchte schleunigst dieses Latein. Noch über die Grenze der Reichsprovinzen drang das Lateinische vor, das von einem kleinen lateinischen Stadtidiom zur zweiten Welt­sprache geworden war. Lateinisch sprach der Cherusker Arminius mit seinem BruderFlavius" bei dem ergreifenden Wiedersehen an der Weser, ein paar Jahre nach der Varusschlacht; lateinisch schrieben die trotzig freien, aber bildungseifrigen Franken- und Alamannenkönige an den Cäsar Julian. Unzählige römische Lehnworte drangen im Kaufmannsjargon zu den innersten Deutschen ein:Kaufmann" undkaufen" selber, voneuupo" abgeleitet, was eigentlich den Schankwirt und Kleinhändler in der römischen Soldatenkantine bezeichnet. Als danach das

Römerreich in klägliche Trümmer sank, da haben sich die zwei

neuen Zukunftsmächte zusammengetan, die Universalität der römischen Sprache noch ferner aufrecht zu erhalten: das Christentum und das Germanentum. Die römische Kirche tat es und tut es aus dem Gedanken ihrer Einheit über die Nationen hinweg, aus Notwendigkeit und Vorteil ihrer Hierarchie; deswegen bannte sie, so lange sie vermochte, alle aufstrebende Bildung und geistige Betätigung in jenes, nunmehr zur toten Sprache erstarrte Latein der alten Römer. Die erobern­den Germanen der Völkerwanderung aber taten es aus dem

ihnen von je im Blut liegenden Hinstreben zu überlegenen,

älteren Kulturen, womit sich dann leicht auch eine zweck­lose, übers Ziel schießende Fremdtümelei verbindet. Darum gründete der große Gote Theoderich auf den Trümmern des antiken Italien ein latinisierendes Germanenreich; darum organisierte sich das mittelalterliche fränkisch-deutsche Reich als dasrömische" Kaisertum und gab sich zunehmend römische Formen und Norme::; darum stehen wir noch heute mitten in der Bewegung drin, uns von vielhundertjährigem römischen

Zusatz, so weit dadurch gesundes deutsches Eigengut vermochtet wird, erst wieder befreien zu müssen.

Die Herrschaft des toten Latein in Amtsverkehr, Gelehrsam­keit, Literatur und Bildung durchbrach mit ganzem Erfolg zuerst Frankreich, zu den Zeiten des großen Richelieu. Frank­reich wurde stolz seiner Sprache, dieser provinzialen Tochter der römischen Weltherrschaft; und durch den Glanz Ludwigs XlV. gelang es Frankreich, seine Sprache der europäischen Welt als internationale Vermittlerin willkommen zu machen, womit es neue Siege über das Latein erfocht. Genau um dieselbe Zeit, da Leibniz das erste Projekt einer künstlichen Universalsprache entwarf, wurde es zum Erfordernis des gebildeteren Menschen, mündlich und schriftlich die Sprache der Franzosen zu beherrschen, wurde diese das Instrument der Politik, die bevorzugte Verkehrs­sprache an den Höfen, beim Adel und bei allem, was sich vom Bauer und Handwerker zu unterscheiden wünschte, bis zum Haarkräusler und Lakaien. Kurzum, die Ideale einer konventionellen Einheitssprache wurden durch das Französische gutenteils erfüllt, da ja auch Volapük und Esperanto die einheimischen Volkssprachen nicht gerade ausrotten wollen. Es ist recht nachdenklich, daß das Französische, obwohl es viel mehr als eine bloße Chiffre der internationalen Korrespondenz wurde, obwohl es gesprochen, gelesen, literarisch gebraucht wurde, diese noch über 1813 hinaus innegehabte Rolle wieder hat abgeben müssen. Bis auf den Rest, die Diplomatensprache zu sein auch nicht mehr unbestritten, seit Japaner und Russen als Schüler deutscher Bildung deutsch verhandelten. Der Grund für das Erlöschen des Französischen als gebildeter Welt­sprache ist ohne Zweifel nicht der, daß man seine unregelmäßigen Zeitwörter mit bewältigen muß, sondern der, daß es außer in Frankreich und einem Teil der Schweiz eben nirgends bodenständig war und wurde. Diese Bodenständigkeit hatte sich einst das Lateinische im ganzen Abendlande gegeben, sie gab sich immer mehr und mehr das Englische, durch überseeische Eroberung, durch Aneignung, Kolonisation und intensiven Handel. Und zwar dehnt sich auch bei dem Englischen, wie es einst nach Seite der Germanen mit dem Latein geschah, der Mitgebrauch durch Nichtuntertanen Großbritanniens noch über den Gebrauch als territoriales Idiom hinaus. Von allen anderen Frei­willigen abgesehen, wendet mit Vorliebe auch die übrige germa­nische Schifferwelt das Englische an. Und das in chinesischen Sprachorganen mundgerecht gewordene Pitschininglisch (UiäZLn- ^nglmü), vonMZin" anstattdusinesZ" Geschäft, was also gleich eine Sprachprobe ist, gibt einem freilich höchlichst ver­dorbenen und vermengten Angelsächsisch die Funktion, die Bermittlungsprache der verschiedensten Nationalitäten in der Südsee zu sein, ähnlich wie es das Deutsche vom Mittelalter her im kontinentalen Osteuropa ist. Aber der springende Punkt ist doch, im Gegensatz zu Frankreich, daß die englische Kolonial- und Weltpolitik den Kreis derer, die in die englische Sprache hineingeboren werden, so gewaltig und zielbewußt ausgedehnt hat. Auf diese Weise ist England in die einstige Rolle der alten Römer eingetreten, mit der^n hartbewußtem Charakter als Herrenvolk es sich auch sonst mannigfach berührt. Es anglisiert, wie Rom romanisierte, und wenn auch Kanada oder Australien einst selbständige Reiche werden sollten, gleich den Bereinigten Staaten, welche England schon zu Ausgang des 18 . Jahr­hunderts verloren hat, so werden sie doch angelsächsisch sein, so gut wie aus der Auflösung Roms, nach jahrhundertelangen: Bestände, romanische Nationen wurden. Nicht, daß eine Sprache aus noch so wirksamen Gründen oder Bevorzugungen nebenher erlernt und geübt wird wie das Französische, sondern daß sie echte Volkssprache wird, das allein hat bisher ihre Dauer und geschichtliche Entfaltung gesichert.

Und wir Deutschen? Ja, vielleicht ist unsere letzte Zukunft an dem Tage verloren worden, als zur Zeit der nord­amerikanischen Freiheitskämpfe gegen England im Volksrat von Pennsylvanien mit einer Stimme Mehrheit es war die Stimme eines deutschen Eingewanderten zugunsten des Englischen gegen das Deutsche entschieden und damit das