Heft 
(1906) 08
Seite
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derBürgerzeitung" stets an ihm gerühmt hatte. Bleibtreu­straße 10, III eine ganz gewöhnliche Mietskaserne ohne Zweifel damit nahm er's noch auf.

Elender! schalt er sich gleich darauf und wurde vor sich selber rot. Protz, elendiger!

Ja, ausgetauscht war er heut. Sich selber kannte er

nicht wieder. Und das alles machte diese diese. . .!

Ingrimmig schlug er mit der Faust an seine Brust, wo in der Joppentasche das Riesenformat der blechartig harten und steifen Einladungskarte sich blähte.

Noch vierzehn Tage Galgenfrist, die er gewissenhaft Zählte.

Jeden Morgen erwachte er aus seinem gesunden Tiefschlaf mit dem beklemmenden Gefühl, daß etwas Schweres auf ihm läge. Und wenn er sich dann mühsam ermunterte und sich

besann, was es sei, so ging's ihm immer wie eine leichte

elektrische Entladung durch die Glieder. Und die Kraft dieser elektrischen Schläge, statt sich durch die Gewohnheit ab­

zuschwächen, nahm Zu, je mehr er sich dem verhängnisvollen Termin näherte.

Und endlich war er da, der Tag, den Arnold so innig verwünschte, wie sein Freund Fritz ihn herbeisehnte.

Nach einer schlaflosen Nacht erwachte er aus einem kurzen, unruhigen Morgenschlummer schon in aller Frühe. Sein Herz dämmerte, sein Haar war feucht. Geträumt hatte er o, so entsetzlich! Verworren ist ihm noch aus all den schauer­vollen Einzelheiten in der Erinnerung geblieben, daß er sich in der Gesellschaft befindet, der Hochzeitsgesellschaft, die immer mehr anschwillt Menschenmengen, die der Saal nicht fassen kann.

Und er ganz allein inmitten dieser Menge, die einen Kreis um ihn bildet einen leeren Raum, die vor ihm zurückgewichen ist wie vor einem Aussätzigen. Aller Augen ruhen auf ihm, mit Spott, Abscheu, Schadenfreude; die Hinter­stehenden recken die Hälse er sieht an sich hinunter und entdeckt, daß er statt der eleganten Lackstiefel Pantinen an den Füßen hat! Holzpantinen und blaue Strümpfe zu dem Frack mit den Ordenssternen, der weißen Binde, der tief­ausgeschnittenen, schneeigen Weste!

Arnold Schmidt fühlte sich so elend und zerschlagen an allen Gliedern, daß er sich mit gutem Gewissenwegen Un­päßlichkeit" hätte entschuldigen und gemütlich zu Hause bleiben können. Aber er dachte stoisch: Halt's durch. Ein paar Stunden auch dieser Tag hat ja nicht mehr als 24 und alles ist vorüber.

Erst auf dem Bau und im Bureau bei der Arbeit wurde ihm wie immer wohl und frei. Da vergaß er alles, was ihn drückte, und als einer seiner Auftraggeber, ein reicher

Industrieller, mit allerlei Wünschen und Plänen an ihn heran­trat, verhandelte er mit ihm in der angeregtesten Weise. Er begann sogleich Berechnungen anzustellen, zu zeichnen, herrliche Ideen kamen ihm, ganz wundervolle, originelle Ideen. O, diese Villa im Grunewald würde eine Perle werden das Beste, was ihm je geglückt!

Bis ihn auf einmal das Schlagen einer Uhr aus seinem Künstlerrausch herausriß. Er horchte. Halb Drei? Unmög­lich! Und um vier Uhr ist die Trauung? Und er hat noch von Kopf bis Fuß Toilette Zu machen! Um halb Vier muß er in der Bleibtreustraße sein, mit seinem Blumenstrauß, seine Dame abholen!

Rasch Droschke zum Bahnhof. Armer Gaul! Der gebotene doppelte Fahrpreis macht deinen Herrn und Lenker gefühllos. Dann hinein in den Zug, der sich schon in Bewegung setzt.

Nach kaum zehn Minuten sprang Arnold Schmidt die Freitreppe seiner Villa in der Fasanenstraße mit einem einzigen kühnen Satz empor, rannte an seiner Wirtschafterin, sie beinahe überrennend, vorbei und verschwand in seinem Zimmer.

Göttchen, Göttchen, Herr Baumeister!" rief die gute Ostpreußin ihm ganz entsetzt nach. Erbarm' dich! Ganz wild

hatte er sie angesehen, mit rollenden Augen, sie beiseite geschoben, so rücksichtslos, als wär' sie ein alter schwerfälliger Großvater­stuhl, der ihm im Wege gestanden hätte, und nicht seine ihn liebevoll umsorgende Ludowike Schmälzlein!

Aber es war ja auch schon höllisch spät! Sie sah nach der Uhr. Wenn er nur fertig wurde! Ein Glück, daß sie ihm Stück für Stück zurechtgelegt hatte zum Anziehen. Er brauchte bloß zuzugreifen. Ja, die Männer! Wenn er sie nicht gehabt hätte!

Aber sie blieb in der Nähe, jeden Augenblick bereit zuzuspringen, wenn er etwas brauchte. Und ängstigte sich ab, die gute Seele, daß ihr ganzes Gesicht glühte und die weißgestärkten Haubenbänder unter ihrem Doppelkinn in ein nervöses Zittern gerieten. Zu spät kommen bei einer Trauung, das wär' doch eine schlimme Vorbedeutung!

Und dabei rückte der Zeiger weiter und weiter.

Der Wagen kam vorgefahren das Eleganteste von einer Mietskutsche, was man sich denken konnte. Der Kutscher knallte mit der Peitsche, knallte knallte kein Bau­meister erschien.

Endlich hielt sie es nicht länger aus. Sie klopfte an seine Tür.Herr Baumeister ach du liebes Göttchen, der Wagen . . !"

Herein!" rief es drinnen, so laut, so donnernd, wie sie es noch nie aus seinem Munde gehört hatte. Herzklopfend, ganz verschüchtert öffnete sie einen kleinen Spalt, guckte hindurch und stieß einen Hellen Entsetzensschrei aus.

Allmächtiger! Da steht er vor dem Rasierspiegel, noch in Hemdärmeln, ein nasses Tuch in der Hand, und tupft, und tupft und das Blut tropft aus einem tiefen Schnitt aus seinem Kinn. Wie ein rotes Bächlein rieselt es über seinen Hals und macht auf dem gestickten Brusteinsatz des Hemdes einen großen dunkelen Fleck.

Frau Schmälzleins hoher, schriller Schrei bringt den Bau­meister um den letzten Rest seiner bis dahin heldenmütig bewahrten Fassung.

Heftpflaster!" schreit er, kommandiert er, schnauzt er der sonst immer rücksichtsvoll bittende, gütige Herr. Und als sie, vor Angst und Diensteifer zitternd, ihm ein Päckchen bringt und er's mit einer Hand aufreißt die andere sucht das Vlutbächlein am Kinn aufzuhalten und sich's herausstellt, daß sie in der Hast das falsche, das schwarze gegriffen hat da Allmächtiger! geschieht das Fürchterliche, Unvergeß­liche: der Baumeister nennt die treue Hüterin seines Hauses eine alte Gans"!

Das ging über die Kräfte dieser aufopferungsvollen Seele! Die Tränen, die bei ihr so locker saßen wie überreife Holunder­beeren am Stiel, purzelten und kollerten ihr stromweis aus den Augen. Ein Schluchzen, das ihr das Herz abstoßen wollte, überfiel sie, und blind vom Weinen, aber erhobenen Hauptes, jeder Zoll eine beleidigte Wohltäterin, tastete sie sich stolpernd aus dem Zimmer und überließ ihren undankbaren Herrn seinem Schicksal.

Mochte er doch nun zu spät kommen! Ihm geschah ganz recht, dem Tyrannen, dem Grobian! Sie rührte keinen Finger weiter. Wenn er seine diensteifrige Helferin so tödlich beleidigte!

Und mit einer diabolischen Genugtuung malte sie sich's aus, wie verzweifelt ihr Baumeister jetzt unter seinen reichen Linnenschätzen wühlen, ein Staat, diese feine, blendendweiße Wäsche, ein Prinz konnte sie nicht schöner haben! wie er nach einem neuen Oberhemd suchen würde! Wie er das Oberste zu unterst bringen, die Servietten und die Handtücher durcheinanderwerfen kurz, eine greuliche Verwüstung an- richten denn ein Mann im Wäscheschrank, das ist ja wie ein Kalb im Tanzsaal und den Wald vor Bäumen nicht sehen würde. Hundert- und hundertmal hatte sie's ihm schon einstudiert, wo die Sachen lagen. Er begriff's nicht, bei aller seiner Gescheitheit.

Das war nun seine Strafe.Eine Gans"! Sie eine alte Gans"! Von neuem erglühte sie in Empörung.