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so daß die Spritzflecke nach allen Seiten uncherstoben. „Also Baumeister Schmidt — vakat! Bleibt die Ursula übrig, der Herta ihre Beste. Uon! Kann ja heiter werden!"
Stöhnen, Achselzucken, Grollen. Allerlei neue Namen entrollten den Lippen des Amtsrichters, dem sich die Milch der frommen Denkart in gärend Drachengift verwandelt hatte; denn er konnte sich nicht genugtun in satirischen und boshaften Bemerkungen über die unglücklichen Opfer seiner tisch ordnerischen Tätigkeit.
Arnold Schmidt kam sich wie ein herzloser Barbar vor, daß er dem Freunde so die Freude verdorben hatte. Aber es half nichts. Was er einmal gesagt hatte, das stand bombenfest! Daran war nicht zu rütteln!
Teufel! Er war doch keine Wetterfahne! So gern er auch Fritz den Gefallen ...
Aber eigentlich, wenn man's so bedenkt: Recht hatte der ja. „Sein bester Freund," hatte er gesagt. Na ja. Das stimmte auch.
Hm! — Und Hochzeit ist bloß einmal . . . Und wie wild er geworden war!
Arnold Schmidt lächelte bei dem Gedanken. Leise und verstohlen drehte er sich nun vollends herum.
Ja, da saß der Fritz — in Hemdärmeln — so ein schlankes, distinguiertes Gewächs „aus guter Familie". Selbst vom Rücken sah man's ihm an: hochwohlgeboren. Fein erzogen, beste Manieren. Und solch ein Gewicht legte der drauf, daß er, der Handwerkersohn, bei seiner Hochzeit nicht fehlte! Hübsch von ihm! Wirklich!
Je mehr Arnold den verbissen Schreibenden betrachtete, der geflissentlich keine Notiz von ihm nahm, desto zärtlichere Gefühle stiegen in ihm auf. Alles, was er von ihm erspähen konnte, das verlorene Profil mit dem starken Schnurrbartzipfel, das dunkele, glattgescheitelte Haar, das hübsche, frauenhaft zierliche Ohr, die feine, gelbliche Hand, erfüllte ihn mit heftiger Zuneigung, mit Stolz, beinahe mit Rührung.
Mein Freund! dachte er. Und diesem Freund erschwere ich eine so verantwortungsvolle Pflicht—und so kurz vor der Hochzeit, wo alle Welt Rücksicht nimmt und, wo sie kann, Steine aus dem Weg räumt!
Und warum? —
Ein wilder Groll stieg in ihm auf. Er haderte mit dem Geschick, das ihm eine gute Dosis Wohlgefallen am Weibe in die Wiege gelegt, ihm aber grausam die Fähigkeit versagt hatte, sich dem schönen Geschlecht angenehm zu machen. Wie höhere Wesen erschienen sie ihm in ihren feinen Kleidern, mit ihrer zierlichen Sprache, der schlagfertigen Sicherheit, vor allem in ihrer unbegreiflichen, nie erreichbaren Kunst, über ein Nichts zu plaudern!
Was für ein Stockfisch war er dagegen! Ewig schüchtern und verlegen, bei jedem Anlaß die Farbe wechselnd, nie sicher, ob er nicht eine große Taktlosigkeit oder einen groben Verstoß beginge!
Ach, dies Entsetzen, als er einmal bemerkte, daß er der einzige war, der den Fisch mit dem Messer schnitt! Diese tödliche Verlegenheit, als die Frau Major, an deren rechter Seite er in völliger Harmlosigkeit dahinschritt, ihm sehr pikiert bedeutete, daß ihm dieses nicht zukäme. Und wie ihn jede kleine gesellschaftliche Sünde noch in der Erinnerung gequält, ihm wochenlang nachher noch die Glut ins Gesicht, den Angstschweiß aus den Poren getrieben hatte!
Er hatte es bald heraus, daß die Männer leicht hinwegsahen über seine kleinen Verstöße, die er übrigens von Jahr zu Jahr mehr ablegte, und daß er bei ihnen etwas galt. Die Frauen aber . . .
Eine Herzenserfahrung, bei der er sich schon am Ziel glaubte, um dann hören zu müssen: „Ihre Familie — und so allerlei — nein, ich komm nicht drüber weg!" hatte ihm ein paar der schönsten Jugendjahre verbittert. Kraftvoll aber hatte er sich endlich wieder Zu freudiger Lebensbejahung durchgerungen. Nun war er frei, lebte ganz seiner Arbeit, las
viel, ging gern ins Theater und in gute Konzerte und hatte sich's geschworen, sich nie wieder auf die abschüssige Bahn zu begeben.
Und in dies von behaglichen Gewohnheiten durehflochtene Junggesellenleben platzte die Einladung zu Fritz Siebmachers Hochzeit wie eine Bombe hinein. Gleich in: ersten empörten Schreck war Arnold spornstreichs zu dem Attentäter gelaufen, um ihn zur Rechenschaft zu ziehen. Die Sache war erledigt. Er konnte gehen. Aber er saß wie angeleimt auf seinen: Fensterplatz.
Das zwickte und zwackte, Zerrte und quälte.
Der Fritz könnte ihn: das ja nie vergessen!
Und — am Ende — den Kopf kostete es ja nicht.
Wenn er sich mal ein paar Stunden kasteite.
Natürlich —- irgend eine ältere Dame, die kein Mensch mochte . . .
Als dieser Gedanke in seinem Hirn auftauchte, murmelte Fritz eben zerstreut: „Meine Schwiegermutter — hur?" . . .
Da sprang Arnold Schmidt wie elektrisiert auf, so plötzlich und geräuschvoll, daß Fritz entsetzt zusammenfuhr.
„Die gib mir!" rief Arnold begeistert. „Dann komm ich!"
„Mensch!" Der Amtsrichter schüttelte mitleidig den Kopf. „Die kriegt ja selbstverständlich mein Alter. Nein, du mußt die Ursula nehmen, sonst reißt mir die Herta den Kopf ab."
„In Gottes Namen denn!" murmelte Arnold Schmidt mürbe und resigniert, und Fritz Siebmachers Jubel weckte nur ein mattes Echo in seiner Brust.
Auf dem Vorplatz, bis wohin Fritz ihm das Geleit gab, entrang sich Arnold noch eine bange Frage: „Sag mal, die bewußte Ursula, wie ist denn die ungefähr?"
Fritz nahm einen Anlauf, sich in feuriger Beredsamkeit zu ergießen. Aber ein Blick in Arnolds gespanntes und verdüstertes Gesicht mahnte ihn zur Vorsicht.
„Nett," sagte er deshalb so obenhin.
Bloß „nett"? Das machte Arnold Mut.
„Und hoffentlich —- nicht mehr jung?"
„Hm" — Fritz zögerte ein wenig. „Jedenfalls kein Backfisch mehr."
„Gott sei Dank!" atmete der Baumeister aus. „Und hoffentlich — häßlich?"
„Ich — hm — ich kenne Häßlichere," äußerte Fritz diplomatisch unbestimmt. „Jedoch das ist Geschmacksache. Ich hoffe, lieber Nolte, das Opfer, das du bringen wirst — ein paar Stunden neben ihr zu sitzen — wird nicht allzu- schwer sein."
Arnold Schmidt lächelte melancholisch. „Hast du sonst noch Wünsche?"
„Lieber Junge ^ entschuldige — aber — du weißt doch, daß du deine Dame im Wagen abholen, ihr Blumen bringen und mit ihr zusammen zur Kirche fahren —? Aber Nolte — um Himmels willen — was ist dir?"
Arnold war zurückgetaumelt, daß er sich am Türpfosten halten mußte. Aber er ermannte sich. Der schöne, hohe Opfermut kam wieder über ihn, und stark und fest fragte er: „Die Adresse?"
„Ursula Faber, Charlottenburg, Bleibtreustraße 10, 111."
Arnold Schmidt notierte sich alles genau. Dann war die denkwürdige Unterredung beendet, und er stieg die Treppe hinab.
Einen Trost trug er in sich. In gesetzten Jahren — und, wie es scheint, gerade keine Schönheit — denn das kau: recht kleinlaut heraus.
Und dann: Faber! Der Name heimelte ihn an. Wer so viel Bleistifte braucht wie ein Baubeflissener, für den hat der Name etwas beinah verwandtschaftlich Intimes, Vertrautes.
Und Bleibtreustraße? — Hu: —
Und III? — Hm, hm!-
Mit einem Gefühl der Erleichterung dachte er an seine stilvolle Villa, die bis aufs Streichholzbüchschen hinab den Schwung seiner „persönlichen Linie" zeigte, den die Kritik, besonders aber der gestrenge und hochangesehene „U. F." von