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„Ah — du!" rief er aber erleichtert, als eine große, breitschulterige, etwas massige Männergestalt in einem bequemen, doch gutsitzenden Anzug von englischem Stoff hereintrat. „Na, setz dich!" Schon wieder über seine Tafelordnung gebeugt, reichte er dem Ankömmling flüchtig die Hand. „Entschuldige. Bin 'n bißchen im Schuß. Schenk dir ein. Zeitungen" — er schob ihm einen Pack Blätter hin — „hier! Bin bald fertig. Was gibt's denn, alter Junge?"
Der Baumeister Arnold Schmidt berührte im Vorübergehen die hagere, gelbliche Hand des Amtsrichters mit seiner breiten, nervigen Bärentatze, brummte einen undeutlichen Gruß und ließ sich, ohne der Aufforderung des Freundes, zu trinken und Zu lesen, Gehör zu schenken, auf dem Stuhl am Fenster nieder.
Hier saß er eine ganze Weile schweigend, trommelte gegen die Scheiben und spitzte die Lippen, die von einem starken blonden, etwas gekrausten Bart umrahmt waren, zu einem tonlosen Pfeifen.
Er machte vorläufig nicht im geringsten Miene, sich über den Grund seines Besuches auszulassen. Und dem Amtsrichter schien die Schweigsamkeit des Freundes selbstverständlich.
Gleichmäßig kritzelte die Feder übers Papier, und ebenso gleichmäßig trommelte Arnold gegen die Scheibe. Bis Fritz auf einmal seine Gedanken laut werden ließ: „Die Sanitätsrätin? — Wo tu ich die bloß hin?"
„Du!" ließ sich jetzt Arnolds kräftige Stimme vernehmen — das Trommeln hörte aus, und mit energischem Ruck wendete, er den kurzgeschorenen Kopf dem Amtsrichter zu . . „St! — Einen Moment! — Dem Geheimrat Bartels? Nee — geht nicht. Der kriegt ja die Tante Marie. Himmeldonn . . .! Wo laß ich aber bloß diese Sanitäts ..."
„Fritz! — Hör mal ..."
„Was denn, Nolte?"
Dieser zog eine oktavgroße Karte aus der Brusttasche und warf sie auf den Schreibtisch.
„Da habt ihr mir meuchlings was zugeschickl ..."
Fritz sah erstaunt aus, lächelte. „Na ja, selbstverständlich. Die Einladung."
„Selbstverständlich? Na, weißt du . .
„Du kommst doch ..."
„Nein, ich komme nicht."-
Und Arnold Schmidt blickte mit seinen großen, ruhigen blauen Augen so fest und trotzig dem Amtsrichter in das blasse und nervöse Gesicht, daß der ganz überwältigt die Feder niederlegte und langgedehnt, beinah' fassungslos wiederholte: „Kommst — nicht?"
„Nein," klang es zurück -— doch um eine feine Nuance weniger fest.
Fritz schlug mit der flachen Hand auf den Tisch, so daß sämtliche Geräte zitterten und ein kleiner Bronzeamor auf die Nase fiel.
„Na, da hört denn doch Verschiedenes auf!" donnerte er. „Du — nicht zu meiner Hochzeit?"
„Gar nichts hört auf," entgegnete der Baumeister mit schöner Milde. „Sieh mal, alter Junge, wir können das ja gemütlich miteinander abmachen. In eure feinen Gesellschaften paß ich so gut wie das Mastodon in die Puppenkomödie. Tanzen kann ich nicht. Courschneiden kann ich nicht. Essen und Trinken kann ich in so einer moralischen Zwangslage auch .nicht so viel, um die Kosten für die übrigen Kasteiungen herauszuschlagen—."
„Herrgott!" stöhnte der Amtsrichter, sich verzweifelt in die Haare fahrend. „Herrgott! Dieser Mensch, der keinen Unterschied macht zwischen Kohlrüben und Artischocken — der spielt sich auf einmal als Gourmand, als Vielfraß auf —"
„Und dann. . ." unterbrach ihn Arnold Schmidt, „diese Damen!"
„Aha!" rief der Amtsrichter und legte in das kleine Wort alle Bosheit, deren dieser gutmütige Mensch fähig war. „Also die alte Geschichte!"
„Ich bin grundsätzlich nie in Damengesellschaft gegangen —"
„Natürlich nicht. Hast dich gefürchtet! Vor den Töchtern, die dir gar zu deutlich zeigten: ich mag dich! Vor den Müttern, die dir überall Fußangeln und Fallstricke legten! Denn so ein Schwiegersohn — ein Baumensch, von dem ganz Berlins, seine Villen gebaut haben will! — ein Mann, gesund, stattlich, in glänzenden Verhältnissen..."
„Ich bin grundsätzlich nicht in Damengesellschaft gegangen," wiederholte Arnold, der solange vergebens auf eine Bresche in des Amtsrichters Zorneserguß gewartet hatte, mit stillem Eigensinn. „Ihr Hochwohlgeborenen habt ja so allerhand Freimaurerzeichen, an denen ihr erkennt, wer zu eurer Kaste gehört, wer nicht; — Dinge, die einem von der Kinderstube her in Fleisch und Blut übergegangen sein müssen. Und — na, du weißt ja! — meine gute Mutter hat — obgleich sie's als wohlhabende Hausbesitzerin nicht nötig hatte, manchmal den Hof gefegt. Mein Vater trank abends sein Gläschen Bier am liebsten in irgend einen: Sums^. Die vornehmen Lokale, wo die Herren Kellner ihn herablassend behandelten, mochte er nicht. Ich — mit den blauen Strümpfen, die ich immer tragen mußte — einem mir heute noch unverständlichen Prinzip meiner guten Mutter zuliebe — und den kurzen Jacken, an denen merkwürdigerweise immer die Ellbogen durch waren..."
Jetzt sprang aber Fritz puterrot vom Stuhle aus und pflanzte sich, die Hände in den Hosentaschen, breitbeinig vor den Baumeister hin. „So! Und daß du dir diese Jacken hundertmal hast vollhauen lassen, wenn ich dumme Streiche gemacht hatte," höhnte er, „und daß du mir tausendmal aus der Verlegenheit geholfen und, als mir das Messer an der Kehle saß, meine Schulden bezahlt hast..."
„Blödsinn!" donnerte Arnold dazwischen. „Das gehört nicht hierher!"
„Nein, bewahre! Das gehört nicht hierher. Dieser Mensch zerrt seine sämtlichen im Grabe modernden Vorfahren herbei, um mir zu beweisen, daß er nicht auf meine Hochzeit —! Dieser Mensch — Och! — Och!"
„Weil ich nicht Lust habe, dich und mich zu blamieren!" rief Arnold, doch nicht mehr ganz so kräftig wie früher. „Die Weiber — Herrgott! Wenn ich mir vorstelle, daß ich fünf, sechs Stunden lang leeres Stroh dreschen soll mit so einem — einem — Wesen, das mir so unverständlich ist, als sei es eben vom Monde herabgepurzelt —"
„Aha! ein Weiberhasser von der unverbesserlichsten Sorte! Nicht einer, der sie zu gut kennt — nein, einer, der nach ein paar dummen Exemplaren, die ihn — meinetwegen! — vor den Kopf gestoßen haben - nun das ganze Geschlecht in einen Topf tut und drauf schreibt: ,Giftll Mein lieber Nolte ..."
„Ja, mein lieber Fritz ..."
„Lou! Du willst also nicht! Um eines albernen Vorurteils willen mir nicht den Gefallen — die Freude..."
Es knapste etwas über in Fritz Siebmachers Stimme. Er schwieg plötzlich. Mit einem schweren Stöhnen ließ er sich wieder am Schreibtisch nieder, suchte mit leise zitternder Hand die auseinandergestreuten Utensilien seiner Tätigkeit zusammen und begann zu schreiben.
„Und ich Esel hatte mir eingebildet, mein bester, ältester Freund gehörte so notwendig zu meiner Hochzeit wie — na ja, wie die Braut..." murmelte er noch.
Es war ein Weilchen wieder so still im Zimmer wie vor diesem Intermezzo.
Arnold Schmidt guckte aus dem Fenster mit einem wahren Bulldoggesicht; er trommelte an die Scheiben, hatte aber das Mundspitzen vergessen. Im Gegenteil: seine bärtigen Lippen waren so fest geschlossen, als fürchtete er, daß ihnen wider Willen ein Wort entschlüpfen könnte, das ihm nachher leid wäre.
Allmählich aber wendete er leise den Kopf zurück und warf einen verstohlenen Blick auf seinen Freund.
„Na, da können wir also glücklich wieder von vorn anfangen," murmelte der eben und machte einen dicken Strich,