Heft 
(1906) 08
Seite
167
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die verzweifelten Anstrengungen des Steuermannes zu sehen, ihn wieder aufzurichten. Dann war alles zu Ende; unter

den Bruchstücken fand man den zerschmetterten, sterbenden Len­ker. Ohne Zweifel wird auch dieses Ereignis hemmend aus den Gang der Aviatik einwirken, hoffentlich aber nur im Sinne einer größeren, bei den Versuchen zu beobachtenden Vorsicht. Noch besser wäre es freilich, wenn diese Vorsicht auch schon bei der Konstruktion und Erfindung neuer Flugmaschinen mehr als bisher zur Geltung käme.

Es bleibt uns noch übrig, der jüngsten Fortschritte auf einem Seitengebiete der Aviatik zu gedenken, das leider geraume Zeit vernachlässigt wurde, um erst neuerdings wieder mehr gepflegt zu werden.

Es ist die Anwendung der eigentlichen Hilfsmittel des Vogels, der bewegten Flügel, auf den mensch­lichen Flug. Kann man die Verbindung schwebender Gleitflächen mit Schrau­ben und Motoren als den Lilienthalschen Zweig der Aviatik bezeichnen, so hat sich um die Beob­achtung und Anwendung des Bogelfluges vor allen der Physiker Dutten­stedt bemüht, leider ohne in weiteren Kreisen das richtige Verständnis für seine Idee zu finden.

Wir wollen das hier um so mehr betonen, als jetzt nach zwanzig Jahren diese Richtung in England wie­der mehrere Vertreter von angesehenen Namen ge­funden hat und voraus­zusehen ist, daß die alte Buttenstedtsche Theorie der elastischen Antriebskraft des Vogelflügels demnächst aus England als neueste Errungenschaft der Aviatik wieder eingeführt werden wird. Ihr Fundamentalsatz ist der, daß bei jedem abwärts gerichteten Flügelschlage nicht nur eine hebende, sondern vor allem eine von den elastischen Flügelspitzen ausgehende, kräftig ziehende Wirkung auf den Vogelkörper ausgeübt wird, und daß in dieser Wirkung

der Flügel oder vielmehr der Schwungfedern das Hauptgeheim­nis des Vogelflugs begründet ist. Um diese Tatsache experi­mentell zu beweisen, haben die Engländer Frost, Hutchinson und d'Esterre seit 1902 höchst interessante Versuche mit künst­lichen Vögeln angestellt, deren große Flügel durch Elektro­motoren in lebhaft alternierende Bewegungen versetzt werden. Ein solches Modell, an einem kreisförmig beweglichen Arm aufgehängt, 10 Kilogramm schwer und mit ^ Quadratmeter Flügelausdehnung, wurde durch einen Elektromotor von Vio Pferdekraft in lebhaft rotierende Bewegung versetzt, wobei sicher noch 75 v. H. der Energie durch Reibung verloren gingen und auch die starren, getrockneten Flügel weit entfernt waren

von der Elastizität einer lebendigen Bogelschwinge. Die Experimentatoren ha­ben alsdann ein ähnliches, verbessertes Modell eines Riesenvogels (Abb. 8) von 6 Metern Spannweite, 6 Ouadratmetern Flächen­ausdehnung und, ein­schließlich des 3 pferdigen Motors und der mechani­schen Einrichtungen, von reichlich 100 Kilogramm Gewicht hergestellt, mit dem die Versuche noch nicht abgeschlossen sind. Dieses Modell hebt sich bei jedem Flügelschlage, deren der Motor 100 in der Minute Hervorbringen kann, um 50 bis 60 Zentimeter, wird auch gleichzeitig lebhaft in horizontaler Richtung fort­gezogen; doch sind die mit größter Vorsicht getroffenen Bersuchsanordnungen noch zu unvollkommen, um ein ungetrübtes Bild der Lei­stungen dieses Modells entstehen zu lassen.

Auf welchem von allen diesen Wegen wird nun das hohe Ziel, die Atmosphäre frei zu beherrschen, erreicht werden? Wer wird der Sieger in diesem großen Ringen bleiben? Wer von uns Lebenden wird noch Zeuge dieses Sieges sein? Das sind alles Fragen, deren Beantwortung wohl noch in ferner, ferner Zukunft liegt.

Abb. 8. Ein riesiger Versuchsvogel.

Der Damenfeind.

Erzählung von Gertrud

ie Einladungen zur Hochzeit waren verschickt, und nach kurzer Zeit stellte sich das betrübende Resultat heraus, daß nur fünfzehn der Geladenen verhindert waren.

90 - 15 75 . Blieben also nach Adam Riese immer noch 75 Personen!

Amtsrichter Fritz Siebmacher, der junge Ehemann in spo, brütete tiefsinnig über der Tafelordnung. Ein oberflächliches Schema dieses hochwichtigen Dokuments, das mit Hilfe von Braut und Schwiegermutter und unter Assistenz sämtlicher weib­licher Anverwandten zustande gekommen war., gab ihm wenigstens in großen Zügen die Direktive. Herta, die gute Seele, hätte am liebsten bei ihrer eigenen Hochzeit auch gleich ihre sämt­lichen Freundinnen unter die Haube gebracht. Und besagte sämtliche Freundinnen rechneten ihrerseits seit Monaten mit diesem Tage, wie ein Losinhaber mit der Ziehung rechnet.

Franke-Schievelb ein.

Es war im August und sehr heiß. Fritz Siebmacher hatte den Rock abgeworfen, trank einen leichten, eisgekühlten Mosel­wein und rauchte eine seiner feinsten Zigarren, um wenigstens in gewisser Hinsicht sich schadlos zu halten für die Leiden, mit denen er sich seinen Himmel erkaufen mußte.

Manchmal ertappte er sich aber doch auf einem inbrünstigen Fluche. Warum konnte er seine kleine Herta nicht frisch von: Flecke freien? Warum mußten sämtliche Leute, mit denen die beiden Familien versippt, verschwägert, bekannt und befreundet waren, feierlich dazu aufgeboten werden?

Wie ein Alarmsignal scholl plötzlich der schrille Ton der Flurglocke in seine ärgerlichen Gedanken hinein. Jetzt Störung! Wo er sich eben mühsam ein bißchen hineingearbeitet hatte!

Mit gerunzelter Stirn, festgeschlossenen Lippen, hinter denen allerlei Grobheiten lauerten, blickte er nach der Tür.