Schüchtern war nun auch Sephi herangetreten. Der Kranz, den sie noch immer sorgsam hielt, hemmte das Kind und inachte seine Bewegungen Zaghaft und unfrei. Nur mit der einen Hand konnte sie nach dem Arm des Freundes greifen, sie wollte, daß Georg sein Gesicht freigübe, daß er aufhörte
zu weinen. Und wie sie seinen Arm nicht lösen konnte und
sein Schluchzen so ungemindert klang, da schob sie plötzlich die von Mitleid heißen Wangen ganz knapp an seine, da drängte sie ihm mit dem blonden Kinderköpfchen die Hände weg und küßte ihn auf die verweinten Augen.
„Georg — nicht weinen! — Schau, der Papa sagt, daß er jetzt in: Himmel ist — !"
Und diese kleine, warme Stimme, die trösten wollte, klang selbst so rührend hilflos.
Da nahm sich Georg mit ganzer Kraft zusammen. Er
trocknete die Tränen und wurde nach und nach auch ruhiger, daß ihn das Schluchzen nicht mehr stieß. Und als Herr
Gerold ihn nach einer Weile leise fragte: „Willst du mit uns gehen — ihn besuchen?" da nickte er nur stumm und machte sich in Eile fertig. Fast schämte er sich nun, daß er das Weinen früher nicht mit Gewalt bezwungen hatte.
Unten, wenige Schritte von dem Hause, nahm Herr Gerold einen Fiaker. In seinem ganzen Leben hatte Georg Bang noch nicht in einem solchen Wagen gesessen. Wie ein schöner, ferner Traum war es ihm früher oft geschienen, daß er in einem eleganten Wagen fahren könnte — nun, da er die Erfüllung dieses Traumes genoß, war ihm das Herz schwer zum Zerspringen. Aber er hielt tapfer aus.
Herr Gerold saß in: Fond des Wagens an der rechten Seite. Links saß der kleine Bang und zwischen ihnen Sephi. Der Kranz lag auf dem Rücksitz vor den Augen der drei, die schweigend durch das Helle Sonntagstreiben der Stadt hinaus zum Totenacker fuhren. Sie sprachen wenig. Hier und da warf Sephi ein paar Worte hin, wenn draußen auf der Straße ein Vorgang ihre Aufmerksamkeit fesselte. Wie scheues Vogelzwitschern war ihr Sümmchen, und es verstummte immer wieder, wenn es nur ein gar stilles, müdes Lächeln, ein Nicken, einen leisen Händedruck und höchstens ein paar zustimmende Worte von ihrem Vater als Antwort fand. Hand in Hand mit Georg saß sie da.
Herr Gerold aber schien versunken in träumerisches Denken. Die Augen sahen wie nach einem fernen Ziele, und bei der Schmerzlichkeit und Wehmut war's manchmal wie ein Heller Schimmer in den zerquälten Zügen: gewiß — er fuhr ja nun hinaus zu seinem Buben, er sollte ihm ja nun wieder ein wenig nahe sein. — Manchmal auch, wenn ihm das Bewußtsein des Augenblickes sein Sinnen unterbrach, beugte er sich wohl vor und nestelte liebkosend an den Blumen des Kranzes 'oder er sah auf die beiden Kinder und versuchte zu lächeln. Einmal aber schob er auch seinen linken Arm hinter dem Rücken Sephis durch, griff Georg um die Schulter und zog die beiden so für einen Augenblick an sich.
„Wir drei," sagte er dabei nur, „nicht wahr, wir drei . ."
So kamen sie hinaus vor den Zentralfriedhof. Der Wagen fuhr nun längs der kahlen vom Grün der Trauerweiden und der Silberpappeln überragten Mauer hin und hielt vor dem breiten Tore. Viele andere Wagen standen schon hier, auch viele solche, deren dunkele Pferde schwarz geschirrt waren und deren Kutscher Trauerkleidung trugen. Und drinnen, auf dem breiten Platz, wo man einst auch den kleinen Sarg Hans Gerolds von dem kranzgeschmückten Wagen gehoben hatte, da hob man eben, trotz der frühen Stunde, einen anderen nach seiner letzten Fahrt zum letzten Gange nieder, da schluchzten andere Menschen in neuem Trennungsleid..
Still war Herr Gerold stehen geblieben, und die Kinder, die er nun zu beiden Seiten führte, hielten sich scheu bei ihm.
Nun trug man dort die Kränze von dem Wagen. Und wie die schwarz gekleideten, in ihrem Schmerz gebrochenen Gestalten in einem jener friedenvollen ernsten Gänge verschwanden, die von Zypressen überschattet und von den weißen Steinen
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ernster Totenmaler geleitet waren, da fuhr auch schon ein neuer Wagen durch das Tor. Er brachte wieder einen Menschen, der von den Tränen seiner Lieben hergeleitet, in dieses letzten Gartens Ruhe zog.
Da nickte Herr Gerold leise und führte die beiden Kinder mit sich fort. Und zu Georg sagte er im Gehen: „So löst einer den anderen ab. Kein Schmerz ist ewig — jeder findet Ruhe. Ist einer jung, so findet er die Ruhe hier. Denk daran, wenn du mich einmal auch so herausbegleitest."
Mit trüben Augen, die ziellos in die dunkle Ferne der Gräberreihen sahen, lächelte er ein wenig zu den letzten Worten. Georg jedoch vermochte nichts zu sagen. Nur seine Finger griffen fester um Herrn Gerolds Hand, wie sie nun weiter nach dem kleinen Hügel schritten, auf dem das Gras nicht mehr gewachsen war und nur die Astern und die Hellen Rosen blühten. . .
Als Heinrich Gerold und Sephi nach dieser stillen Fahrt zu Hansens Grab sich vor dem Tor des alten Hauses von Georg trennten, standen sie da noch ein paar Augenblicke still. Den Hut in Händen hielt sich der Bub zum Abschied bereit; aber Herr Gerold drückte ihm mit leiser Gewalt den schwarzen Filz wieder aufs Haar.
„Du bist immer viel zu artig, Georg — mit meines armen Hans einzigem Freund will ich nicht auf so gar höflichem Fuß verkehren."
Er lächelte ein wenig, sah gütig in die großen Augen, die da mit stillem Fragen zu ihm aufschauten, und strich dem Buben nun über die Wange.
„Und meinst du nicht — wir wollen's machen, als sei Hans bei uns, so wie er ja auch heut' bei uns gewesen ist. Du kommst zu uns, so oft du magst, auch Sephi braucht dich ja, und jetzt noch mehr als früher, denn ich bin ein recht schlechter Spielkamerad geworden in dieser Zeit . » . Willst du?"
Georg nickte nur und griff aufs neue nach dem Hute. „Dann komm gleich heut' nachmittag, wenn deine liebe Mutter dir's erlaubt, und wenn sie mir nicht böse ist, daß ich dich ihr so für den ganzen Sonntag nehme. Sag' ihr, mir wär' es leichter, wenn ich den Freund von meinem Buben bei mir hätte. Und grüße sie mir sehr!"
So gingen sie dann auseinander.
Des Nachmittags jedoch war Georg Bang aufs neue in Herrn Gerolds Haus. —
Von da ab kam er wieder regelmäßig zu den Menschen, die er so tief verehrte und liebte, und immer fester wurde das Band, das ihn an Heinrich Gerold und an Sephi fesselte . . „Wir wollen's machen, als sei Hans bei uns."
Das Wort, das Heinrich Gerold zu Georg vor dem Tore gesprochen hatte, klang leise nach an allen diesen Tagen, die der Bub bei dem Vater seines toten Freundes verbringen konnte.
Denn es war seltsam still geworden in Herrn Gerolds Haus. Leise spielten die beiden Kinder, mit gedämpften Stimmen sprachen sie miteinander, und immer wieder gingen ihre Blicke dabei zu Herrn Gerold hinüber, der an den Tagen, wenn Georg da war, sich beinahe ausschließlich mit den Kindern beschäftigte. Es war, als sollte dieser Mann den Schmerz, den ihm der Tod des Söhnchens verursacht hatte, gar nicht verwinden können.
Eine tiefe, träumerische Traurigkeit lag über ihm. In sie versenkte er sich, ohne ihr zu widerstehen, dem Heimgegangenen Kinde galt ein Kult, den er in stiller, liebevoller Wehmut trieb. Auf seinem Schreibtisch standen immer frische Blumen bei dem Bilde Hansens. Ein anderes Porträt des Kindes hatte er sich vergrößern lassen. Es hing im breiten Trauerrahmen im Speisezimmer. Und es hing so, daß Herr Gerold es von seinem Platze aus gerade vor Augen hatte. Und nicht nur Hansens Bilder, auch viele Kleinigkeiten, die dem Kinde einst nahegestanden, die ihm lieb gewesen waren, mit denen es gespielt hatte, stellte er sich nun so vor Augen, daß sie ihn immer wieder an das Söhnchen mahnten.