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Georg Bangs Liebe.
(2. Fortsetzung.)
Roman von Aarl Rosner.
)uf dem kleinen Hügel, der das Grab bedeckte, darin Hans Gerold, der liebe, frische Bub, den ewigen Schlummer schlief, blühten die Astern und Helle herbstliche Rosen. Gras hatte nicht mehr wachsen wollen auf der frisch geschaufelten, tiefbraunen Erde. Nur hier und da sah ein dünnes Hälmchen zage und schüchtern hervor, und es blieb unscheinbar und welkte ab, als ginge es zugrunde vor Furcht ob seiner Einsamkeit. So sah man gleich, daß es ein frisches Grab war, das hier lag, wenn auch die Astern und die Rosen blühten. Die Hellen Blumen, die, von Menschenhand gepflanzt, hier prangten — die taten's nicht; noch hatte die Natur die Wunde, die ihr dieses kleine Grab gerissen, nicht vernarben können.
Zweimal war Georg Bang nun schon hier auf dem Zentralfriedhof gewesen, am Grabe seines Freundes. Das erstemal damals, mit der ganzen Klasse, als der Sarg an den Tragbändern hinuntergesenkt wurde in die Tiefe, und als die Knaben alle unter der Führung ihres Lehrers dann vorüberschritten an der schmalen Grube und jeder eine Hand voll Erde hinunterfallen ließ. Wie ein Traumbild, seltsam deutlich, und doch, als wäre sie nicht Wirklichkeit, stand die Erinnerung an jene Stunde vor Georgs Seele. Er glaubte noch den Ton zu hören, der von den Blättern all der Kränze aufwärts raschelte, als sich die braune Erde deckend über sie herniedergoß. Er sah noch all die Kameraden aus der Schule, die sich mit ernsten wichtigen Gesichtern vorwärts schoben, und den Lehrer, dessen Augen prüfend und - streng überwachten, daß alles in der rechten Ordnung sich erfülle. Schärfer als alles andere aber sah Georg Bang eine gebeugte, ganz gebrochene Gestalt. Bewegungslos stand Heinrich Gerold, und starr, wie leblos hingen seine heiß entzündeten Augen an seines Buben Grab, bis der kleine Sarg und bis die Kränze immer mehr verschüttet wurden von den Schollen und bis sie endlich unter ihnen ganz verschwanden. — —
Und dann das andere Mal.
Ein Sonntag vormittag war es, mild trotz des Herbstes, ein Tag wie jene, an denen Heinrich Gerold mit seinen Kindern und mit Georg so gern hinausgezogen war ins Freie. Heute saß Georg still bei seinen Schulaufgaben — die sollten vor dem Kirchgang noch beendet werden — vielleicht, daß seine Mutter dann nachmittags mit ihm ein wenig in den Stadtpark oder den Schwarzenberggarten ging.
Da schellte es draußen. Georg fuhr auf und mußte plötzlich an Hans denken. Um diese Zeit hatte der ihn meist ab
geholt. Er hörte seiner Mutter Schritte aus der Küche kommen und hörte, wie sie öffnete und redete. Und neben ihrer Stimme war da eine andere, die er erkannte. Ihm schlug das Herz, daß er das Pochen fühlte: mit vorgestrecktem Kopf, die Feder noch in den Händen, hielt er still und lauschte, ob es denn wirklich möglich wäre.
Da öffnete Frau Bang auch schon die Tür des Zimmers, und mit seltsam gepreßter Stimme, die ruhig bleiben sollte und die sich trotz aller Mühe kaum beherrschen ließ, rief sie den Buben.
„Georg ... so komme doch, schau, wer da ist. Herr Gerold und die kleine Sephi. . . Herr Gerold fragt, ob du mitkommen willst. . . hinaus... zu. . ."
Frau Bang brauchte nicht zu vollenden.
Herr Gerold stand nun neben ihr im Rahmen der Zimmertür, und neben ihm stand Sephi. In ihren Kinderhänden hielt sie mit zager Vorsicht einen frischen Kranz.
„Georg ..."
Der aber rührte sich nicht. Er sah nur die Gestalt von Hansens Vater, ganz schwarz gekleidet, abgemagert und das Gesicht so seltsam bleich und eingefallen.
Da hob Herr Gerold seine Hand. Mit unsicheren Schritten trat Georg näher — jetzt griff er vor und hielt die Hand, die Georg in ihrem schwarzen Trauerhandschuh erschien, als litte sie, als wäre sie ein selbständiges, tiefunglückliches Wesen. Und wie er nun den Zitternden Druck dieser Finger fühlte und in die müden, entzündeten Augen über sich sah, da konnte er sich länger nicht bezwingen. Wie wenn der Tod des Freundes ihn noch einmal träfe, so packte ihn nun, in dem Augenblicke, da er Herrn Gerold seit der Leichenfeier zum ersten Male wiedersah, die schmerzvolle Erinnerung. Er wußte nicht zu sagen, was es war, und es verband sich keine Vorstellung mit seinem Schmerz. Nur daß er weinen mußte, fühlte er. Und plötzlich machte er sich los und flüchtete sich aufschluchzend nach dem Sofa. Tief grub er dort sein Gesicht in die Hände.
Nun war es wieder still bis auf sein Schluchzen.
Ratlos sah Frau Marie Bang auf ihren Buben und dann auf ihre beiden Gäste.
„Mein Gott — der Bub — daß er's halt auch so gar nicht überwinden kann —"
Und dabei zerrte es ihr selbst um Mund und Kehle.
Herr Gerold nickte nur; er sprach kein Wort. Nur zu den: Buben trat er hin und legte seine Hand auf dessen Kopf.
1906. Nr. 16.
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