Heft 
(1906) 17
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doch am schönsten. Auch zu Hause gab sich Frau Gerold in dieser Zeit bedeutend mehr als früher mit Sephi ab. Sie saß bisweilen im Kinderzimmer, sah zu, wenn Georg und das kleine Mädchen zusammen spielten, und spielte wohl auch selbst für ein paar Augenblicke mit den Kindern.

Ein Spielen freilich, wie es der Herr Gerold kannte, war das nicht. Die Kinder blieben seltsam ungeschickt dabei, sie gaben sich nicht frei und ungezwungen.

Herrn Crispi sah Georg wahrend aller dieser Wochen nicht. Ein einziges Mal noch war er dort gewesen nach jenem Abend, da Herr Gerold mit seiner Frau vor Georgs Mutter von ihm gesprochen hatte. Dann blieb er weg, und auch sein Name wurde nicht genannt.

Enger denn je vorher wurde in dieser Zeit, die nun kam, der Anschluß der beiden Kinder aneinander.

Das kleine, zierliche Ding, die zarte Sephi, die Georg früher immer wie ein feines Elsenwesen, als etwas so weit über ihm Stehendes erschienen war, erschloß sich ihrem Freunde wie niemand sonst. Was sie dem Vater, der nun seit Hansens Tod doch so viel ernster, stiller und wortkarger war als früher, nicht sagen konnte und der Mama nicht sagen mochte, weil diese doch nur lächelnd oder mit einen: raschen Wort darüber hinging, das wurde nun dem Georg anvertraut. Altklug und wichtig suchten sie zusammen die Lösung für so manchen un­verstandenen Vorgang, den das Leben ihnen zeigte, die Antwort auf so manche Frage, die sie nicht zu enträtseln wußten.

Sephi ging nicht zur Schule. Ursprünglich hatte sie gleich ihrem Bruder nur die zwei untersten Schulklassen Zu Hause durchmachen sollen, und so wie den kleinen Hans, so hatte Herr Gerold auch sie selbst in die ersten Schwierigkeiten des Lernens eingeführt bis zu der Zeit von Hansens Tod. Dann hatte er die Ruhe, die Sammlung dazu nicht mehr finden können. Es hatte ihn nicht mehr gelitten vor diesem Tische, diesen Heften und Lesebüchern. Die Dinge alle, die ihm die Erinnerung an Stunden, die er in gleicher Tätigkeit mit seinem toten Buben hingebracht hatte, fortwährend in lebendiger Frische wachriefen, ließen ihn fühlen, daß er hier nicht mehr zum Lehrer taugte. So wurde eine Lehrerin für Sephi angestellt, ein Fräulein, das alle Tage vormittags für zwei Stunden kam. Auch von den: Vorsätze, das Kind nach den zwei ersten Jahren zur Schule zu schicken, war Herr Gerold nun abgekommen. Er fürchtete nach all dem Leid, das ihm an seinem Buben widerfahren war, die Schulkrank­heiten allzusehr. So sollte Sephi auch für später der Schule ferngehalten werden, er wollte ihr ihre ganze Ausbildung zu Hause geben lassen.

Dadurch kam es, daß das kleine Mädchen auch kaum mit Altersgenossinnen in Berührung kam. Georg, der einzige Kamerad, den sie hatte, war ihr Ersatz für allen Umgang sonst. Er war ihr Freund, Freundin und Bruder. Mit ihm konnte sie über alles sprechen, was ihr gerade durch das Köpfchen lief, mit ihm konnte sie alles spielen, und er verstand auch alles, was sie tat und dachte. Er war nicht so wie andere Buben, die immer nur herumhetzten, die nur im Raufen, Boxen und Schreien Vergnügen fanden. Er war auch sicher viel gescheiter als alle diese anderen dummen Buben! Wenn er das auch den Lehrern nicht so zeigte. Er war eben ein stiller Bub aber mehr wert als diese anderen alle; das hatte ihr auch der Papa einmal gesagt. Und ihr war es damals gewesen, als hätte er das von ihr selbst behauptet. Ganz verlegen war sie geworden in ihrer stolzen Freude.

Für Georg aber war Sephi ein Kindeswesen, das er still und abgöttisch verehrte. In weißen Spitzenkleidchen hatte er sie einst in seinen Träumereien vor sich gesehen, auf feinen Seidensesseln, so zart und kostbar, wie sie seine sehnsuchtsvolle Knabenphantasie sich damals nur ausmalen konnte. Jetzt wußte er, daß sie nicht immer Spitzenkleidchen trug und daß bei Gerolds wohl viel schöne und kostbare Dinge waren, wenn auch nicht Seidensessel, wie er einst geträumt. Aber die Wirklichkeit hatte, wenngleich sie ihm also ein wenig Alltag in

den Wein seiner Träume gegossen hatte, sein Herz doch nicht enttäuscht. Was in des Knaben Phantasien so hoch gestanden hatte, so weit und fern, daß er nicht gewagt hätte, sich ihm Zu nahen, das stand ihm in der Wirklichkeit nun näher, als er es jemals sich erträumen konnte. Die kleine Sephi war, so wie nur je zuvor, der Inhalt seiner Träume doch sie war mehr jetzt, sie erfüllte auch sein Leben. Dem Buben, den: aus all den Dingen, die er gemeinsam mit Sephi unter der Führung des Herrn Gerold sah und kennenlernte, der beste Zuwachs seines junger: Lebens wurde, der in den Feier­stunden seines Daseins die Kleine stets an seiner Seite sah, verband sich das Gefühl der Andacht, das er dann stets em­pfand vor dem, was ihm erschlossen wurde, mit dem Bilde des zarten Kindes. So war sie ihm die Kameradin, die Freundin und doch mehr. Ein Hauch des Höheren blieb stets an ihr, mochte das zierliche Gestaltchen auch noch so harmlos, zwanglos sich bewegen. Und wenn die kleinen Hände manchmal als müßten sie nachholen, was sie irr trauervollen Zeiten und in einsamen Stunden versäumt hatten kindische Spiele trieben und der zarte, blasse Mund auch manche kleine Torheit schwatzte was Georg Bang an ihr verehrend liebte, ward dadurch nicht berührt. Für ihn lag um das blonde Köpfchen allzeit gleich einer H eilig en- ckrone der Abglanz seiner eigenen Dankbarkeit. Was in den vielen Tagen jeder Woche an stillem Sehnen nach der kleinen Freundin in ihm wuchs, das löste sich dann sonntäg­lich in Glücksgefühl.

Manchmal im Spiele war es, als fühlte Sephi, daß sie die Übermacht über den Freund in Händen hatte. Er war der ältere und fügte sich doch jedem ihrer Wünsche. Da war es dann, als ob sie sich an diesem Gegensätze freute. Doch wenn sie ihn so eine Weile nach ihren Launen hatte quälen können, dann brach die Reue über dieses Tun ganz jäh aus ihr her­vor. Dann konnte sie sich kaum genug tun, ihn: zu zeigen, daß sie auch unter seiner Führung sich seinen Wünschen unter­ordnen könnte.

Als der Sommer gekommen war, nahm Herr Gerold die ge meinsamen Ausflüge in die Umgebung Wiens mit den beiden Kindern wieder auf. Und bei einen: solchen Ausflug geschah es, daß ein heftiger Regen die kleine Gesellschaft überraschte.

Wenn sie auch gleich nach Hause eilten und wenn der Sephi dann auch dort sofort trockene Kleider angezogen wurden die Erkältung, die ihr Vater für das Kind gefürchtet hatte, ließ sich dadurch doch nicht mehr bannen. Schon tags darauf bekam sie leichtes Fieber, mußte ins Bett, und obgleich die Erscheinungen der Krankheit nach wenig Tagen wieder ganz behoben waren, so traf Georg, als er am nächsten Sonntag des Nachmittags zu Gerolds kam, die Freundin doch noch in den Kissen. Im Bett sollte sie auch noch in den nächsten Tagen bleiben. Zu ihrem Bette aber war ein Tisch geschoben, und dort saß nun Georg, plauderte mit ihr und las ihr aus dem neuen Buche vor, das sie aus Anlaß der Erkrankung von dem Papa bekommen hatte.

Manchmal blickte er auf und sah zu ihr hinüber; das zarte Köpfchen, das von blondem Haar umrahmt, still in den Kissen ruhte, war ihm zugewendet. Die Augen sahen träumend

in die Ferne, ein lieblich ernstes Sinnen lag ln ihnen.

Wie seine Stimme schließlich schwieg, schien Sephi aus dem wachen Träumen erst zu sich zu kommen.

Nun lächelten ihn ihre Augen an.

Schon aus?" fragte sie.

Er nickte.Hübsch nicht?"

Sie blickte vor sich nieder, und in die Wangen stieg ihr ein feines Helles Rot. Die zarten Händchen aber fuhren in leisem Streicheln zwei-, dreimal über die Decke hin.

Und Georg, der dem Spiele dieser Finger mit den Augen folgte, fragte:Hast du nicht zugehört?"

Jetzt schüttelte sie ihren Kopf ein wenig.

Du, Georg ..."

.Ja?"