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„Weißt du, was ich mir gedacht Hab' jetzt?" Sie lächelte und sah ihn an.
Er sagte nichts. Nur seine Augen fragten. Aber das Herz begann ihm plötzlich so stark zu schlagen, wie er in das Gesichtchen blickte, das ihm, von Hellem Rot ganz übergossen, so schell und heimlich entgegensah.
Und jetzt bewegte Sephi wieder ihre Lippen. „Ich Hab' gedacht, daß, wenn ich einmal groß bin und wenn ich Heirat', ich keinen anderen Mann haben möcht' als dich!"
Georg sah immer noch auf sie. Seine Hände fuhren zitternd über den Einband des Buches, das er in Händen hielt. Ein Gefühl weihevoller Freude erfüllte ihn. Und doch zuckte es ihm um die Augen, und seine Züge blieben ganz ernst. Nur blässer waren sie geworden, und seine Augen strahl!eil.
Und ganz ernst, unfähig auch nur ein Wort zu sprechen, nickte er mit dem Kopfe.
Bon Georgs jungem Herzen, der, so gefällig allen Wünschen Sephis, früher so manches Mal im Spiel als Vater ihrer Puppen und als ihr Mann hatte mittun müssen, war in den: Augenblicke ein Reif gesprungen. Ein Samenkorn in seiner Brust hatte die Hülle aufgesprengt, in der es bisher schlief — die Liebe wollte werden.
Wie Glück und Schmerz zugleich war es in ihm.
Das heiligste Mysterium des Lebens zitterte zum ersten Male durch das Dasein des Knaben . . .
Von dieser Zeit ab ging ein Wandel vor sich in Georg Bangs Gefühlen.
Die neue Welt in seinem Innern, die durch das kindliche, keusche Werde-Wort der kleinen Sephi erstanden war, erhellte nun sein ganzes Wesen mit neuem Lichte.
Gedanken kamen ihm, die ihm bisher ganz fremd geblieben waren, und Fragen tauchten in ihm auf, zu denen er sich keine Antwort wußte. Was bisher Träume waren, das wurde ihm zu Sehnsucht und zu Wünschen, das stieg nun nieder aus dem Reich der Phantasie und faßte Wurzeln in dem Reich der Erde.
Nicht, daß sich Georg Bang bewußt geworden wäre, wie sehr das Erlebnis sein ganzes Sein durchdrang. Er spürte nur, wie tief ihn das liebende Vertrauen der Freundin mit Glück erfüllte, daß er ihr näher war als früher. Und auch das war kein Vorgang, über den er sich klar war, sich Rechenschaft gab. Was er sah und was ihn glücklich machte, das war nur immer wieder das Bild des Augenblickes: das zarte, scheu und froh zugleich ihn: zugewendete Gesichtchen, der Blick der Augen und das feine Rot, das über Wangen,. Stirn und Schläfen lag, bis zu dem Hellen blonden Haar. Dazu noch ein Paar Lippen, weich wie zwei Rosenblätter, die sich im Sprechen sacht bewegten.
Und dieses neue Glück nahm ihn so völlig ein, daß er die Dinge um sich nun auch in seinem Scheine Heller und froher sah. Ihm war's, als hätten die Kastanien im Hof des alten Hauses noch nie so voll belaubt, so reich geschmückt mit großen Früchten die dunkelen Häupter in die Sonnenluft gehoben, ihm war's, als wäre ihn: die Schule nicht mehr so drückend und beklemmend wie wohl sonst, als wären die Räume weniger kahl, die Lehrer freundlicher und weniger streng in ihrer ganzen Art. Das Menschliche in ihnen trat ihm näher, und sie, die fühlten, daß sich jene Scheu und Zagheit lüftete, die ihn bisher gleich wie mit Schleiern umschlossen hatte, kamen in der Tat dem Buben entgegen. Besonders einer nahm sich gern seiner an und fand in dieser Zeit zuerst den Weg zu Georgs Seele, der Lehrer der Geschichte, Doktor Rieger.
Mit dieser Freude, die Georg so erfüllte und mit den kleinen Erfolgen, die er in der Schule errang, wuchs sein ganzes Wesen. Ziele erstanden vor seiner Seele, die weiter draußen lagen, als sein Blick bisher gesehen hatte. Er wollte alles tun, um sich im Leben fortzubringen, er wollte arbeiten soviel er konnte, Sephi sollte sich seiner einmal nicht schämen dürfen!
Gesprochen hatte er niemals zu jemand über sein Erlebnis. Auch im Gespräch mit Sephi kam er nie darauf zurück. Und selbst der Mutter, der er bisher noch nie im Leben etwas verborgen hatte, konnte er das nicht sagen.
Nur einer war's, dem er es anvertraute, des Abends, wenn er, die Hände auf der Bettdecke gefaltet, im Dunkel lag: Gott.
Heiß war es ihm an jenem ersten Tage herangedrängt, als er sein Nachtgebet beendet hatte: Herr, gib, daß wir uns bekommen, die Sephi und ich!
Und von da ab kam es täglich und war die letzte Bitte jedes seiner Tage.
Wohl merkte Frau Marie Bang das zarte Blühen ihres Buben, wohl sah sie, daß die blassen Wangen röter waren und daß die Augen oft in träumerischein Glanz erstrahlten. Allein sie fragte nicht und dachte nicht ans Fragen. Sie fühlte es nur als ein Glück, daß Georg jetzt besser gedieh; in ihrem schlichten Mutterherzen aber, das in dem Buben immer noch das Sorgenkind von einst erblickte, regte sich niemals ein Gedanke an das, was diese Knabenseele heiß erfüllte.
Mit Stolz hatte sie einmal auch Herrn Franz Schneeberger davon gesprochen, wie Georgs Wesen und Gesundheit sich nun kräftigten.
Und der hatte zu ihren Worten hastig und mit väterlicher Fürsorge genickt. „Dös war auch nötig, war auch dringend nötig! Denken S' doch selbst, Frau Bang, zwei Jahr' noch, und der Bua kommt aus der Schul'. Zwei Jahr' noch, und er muß ins Leben! Bis dahin muß er Kräften haben . . und überhaupt, man wird doch nächstens schon d'ran denken müssen, sich klar zu werden, was der Bua dann werden soll . . . Na, wissen S' Frau Bang, ich Hab' da so meine Gedanken - - Ich ., . na . . .F er räusperte sich laut, drehte dann aufmerksam an seiner Pfeife herum und lächelte ein wenig vor sich hin.
Frau Marie Bang aber sah zu Georg hin, der still über ein Buch gebeugt saß, und dachte mit Schrecken: Zwei Jahre noch — nur noch zwei Jahre . . . Ihr war's in diesen: Augen blicke, als wäre die Zeit noch gar nicht so sehr ferne, da sie das Kind in schlummerlosen Nächten auf ihren Armen leise singend stundenlang getragen hatte. Und nun sollte das Leben draußen schon bald ein Recht an ihn gewinnen, ihn von ihr nehmen?
Sie merkte nicht, wie Herrn Schneebergers Lippen ein paarmal um das Mundstück seiner Pfeife zuckten, als wollte er zu dem, was er gesprochen hatte, noch mehr hinzufügen, sie sah nur ihren Georg drüben über seinen: Buche und konnte nur das eine denken: Zwei Jahre nur — nur noch zwei Jahre — —
Als der Herbst ins Land kau: und die Blätter sich verfärbten, ging's wieder schlechter mit Herrn Gerold. Als hätte sich das große Welkei: in der Natur auch ihn: auf das Gemüt gelegt, daß all die zage Freude wieder starb, die in: Sommer schon erstehen wollte, so war es nun um ihn. Die Augen lagen wieder matt und tief in ihren Höhlen, die Falten um den Mund waren voll Oual und Bitterkeit, und öfter wieder als sonst in der letzten Zeit trieb es den armen Mann hinaus auf den Zentralfriedhof zun: Grabe seines Buben.
Auch das Harmonium, das in den Sommermonaten nur wenig benutzt worden war, zog ihn jetzt wieder an, und seine Phantasien flössen nun wieder durch die Räume und sprachen von den Leiden einer müden Seele. Sehnsucht und Schmerz waren in ihnen, doch nicht wie früher klangen sie in tränenmüden Akkorden aus. Jetzt klagten sie mit wehen Stimmen, jetzt rangen sie nach Ruhe und Befreiung und brachen oft in Tönen der Verzweiflung ab.
Und Frau Malwine Gerold, die im Nebenzimmer saß und stickte oder in einem Buche blätterte, die stand dann wohl in unruhvoller Hast von: Tische auf und ging ans Fenster oder in die Kinderstube, damit sie diese Melodien nicht mehr hörte. Sie haßte dieses Instrument; das Klagen seiner Töne griff sie