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an, daß sie sich ganz nervös und krank von ihnen fühlte. Drüben bei den zwei Kindern aber, bei Sephi und bei Georg, sprach sie dann laut und lebhaft. Sie fragte Georg nach der Mutter und nach seinem Lernen — nach Dingen, die ihr sonst doch so ganz fern zu liegen schienen — sie nestelte an Sephis Kleidern und suchte alles mögliche hervor, um länger in der Kinderstube zu verweilen, zu der die Töne des Harmoniums nur leiser mit ihren letzten Wellen drangen.
Eins fühlte Georg Bang aus all dem Treiben: es lag zwischen Herrn Gerold und der schönen Frau ein dumpfes Schweigen. Herr Gerold hatte aufgehört ihr so zu dienen, so alles von den Augen abzulesen, wie es im Frühjahr und auch noch während der Sommerzeit gewesen war.
Und als Sephi einmal zu ihm sagte: „Du, Georg,
gestern war Herr Crispi auch schon wieder da — der kommt jetzt wieder alle Augenblick'!", da mußte er an all die Trauer denken, wie sie im Antlitz seiner Mutter stand, damals, als sie durch stille winterliche Gassen von hier nach Hause schritten. Da kam ein heißes Mitleid mit Herrn Gerold über ihn, ein Mitleid, dessen letzten Grund er nicht erfaßte, doch das ihn trieb, sich doppelt liebevoll dem Vater Sephis anzuschließen.
In einer solchen Stunde, da der Bub still an der Seite seines väterlichen Freundes saß, da war es auch, daß dieser das lange Schweigen unterbrach und aufsah zu dem Bilde Hansens an der Wand. Er nickte, und dann sprach er leise vor sich hin — für Georg — doch nicht zu ihm, sondern in den Raum:
„Ich Hab' heut' nacht wieder von meinem Hans geträumt. Ich träume jetzt so oft von ihm, und es ist seltsam
— ich träum' dabei jedesmal denselben Traum. Er steht vor mir — so wie er hier im Leben war — du weißt es ja, in dem Matrosenanzug mit dem Hellen Strohhut in der Hand. Er schaut mich freundlich an und lächelt. Ich selbst empfinde dabei nur ein Glücksgefühft daß ich ihn sehe — nichts von Erschrecken oder Angst. Als ob das ganz natürlich wäre, ist es mir. Und ich will ihm die Hand Hinstrecken und sage dabei: ,Komm —so komm doch, Hansll da schüttelt er den Kopf
— dreimal — und lächelt immer noch zu mir herunter. Und
dann sagt er mit seiner lieben Stimme, ganz deutlich, daß ich noch den Klang im Ohr' Hab': Said — bald werden wir
wieder ganz beisammen seinll Und dann ist an der Stelle, wo er noch eben stand, ein Heller Fleck. So ist er heute nacht zum drittenmal im Traum zu wir gekommen..."
Herr Gerold schwieg und schaute auf das Bild.
Und Georg, den bei diesen Worten die Macht des Übersinnlichen, die Seltsamkeit des Traumes als Schauer fast ergriffen hielt, fand nun erst, da Herr Gerold geendet hatte, sich selber wieder.
Zum ersten Male stieg in ihm ein Ahnen auf, was alles er verlieren würde, wenn dieser Mann, den er wie einen Vater liebte und verehrte, von ihm gerissen würde. Er schmiegte sich an ihn und faßte mit den beiden Händen nach seiner Hand. Er wollte etwas sagen, das seinen väterlichen Freund auf andere Gedanken bringen sollte, er wollte sich die eigene Angst verscheuchen, die plötzlich über ihn gekommen war, so jäh und heiß, daß sie ihn überwältigte. Wie eine Lähmung lag es über ihm. Er dachte nur: Das kann nicht — — das darf nicht sein! Und hastig, zitternd stieß er ein paar Worte hervor, die sich ihn: auf die Lippen drängten:
„Das sind Träume, Herr Gerold -— nein, Sie dürfen das nicht denken — Sie müssen bei uns bleiben-- !"
Dann aber kam es, daß er selbst erschrak über das, was er sagte, und so verstummte er.
Herr Gerold aber strich ihn: über die erglühten Wangen und sah ihm lange in die Augen.
„Ich muß? Mein lieber Bub, ich werde bleiben, so lang' mich mein Schicksal bleiben heißt. Und wenn's mich abberuft, dann muß ich eben gehen. Einsam bin ich auch dorten nicht, wohin's dann geht --"
Er lächelte traumhaft vor sich hin. Es war, als ruhte sein Schmerz auf dem Gedanken, der vor ihm stand. Und ohne daß sein Blick ein neues Ziel gefunden hätte, gütig und still, sprach er dann weiter:
„Ich lasse, wenn ich gehen muß, zwei güte junge Seelen hier — die kleine Sephi und dich. Vergessen wird mich keines von euch beiden, und mit euch wird auch das erwachsen und erstarken, was ich euch habe geben können .... was ich von mir in euch gepflanzt habe. Wahrhaftig scheidet nur der Mensch, der keine Kinder hat — oder der selbst so arm ist in der eigenen Seele, daß er den Kindern nichts von ihr hat geben können. Ein solcher kann noch leben — und doch schon tot für seine Kinder sein. Ich, Georg" — und er griff die Hand des Buben fester — „schau, ich glaube, daß ich bei euch bleiben werde, in Sephi und in dir — auch wenn ich nicht mehr lebend auf der Erde bin . . ." —
Wochen waren dahingegangen, seitdem Herr Gerold diese Worte zu Georg Bang gesprochen hatte. Und das Gemüt des Buben, das damals aufgewühlt war bis ins Tiefste, war wieder ruhiger geworden. Die Nächte, da er stundenlang sinnend und grübelnd über das, was er vernommen hatte, in: Dunkel lag, waren vorüber. Die Mutter hatte, als er sie wenige Tage nach dem Vorfall fragte, ob es das gäbe, daß man des Nachts Gestorbene erscheinen sehe und daß man auch mit ihnen spreche, den Kopf geschüttelt. Dann hatte sie gefragt, woher er solche seltsame Gedanken habe. Und als sie mit Herrn Schneeberger am Abend von des Buben Frage sprach, da hatte der des langen hin und her geredet, von Einbildungen und lebhaften Träumen.
Still hörte Georg zu, bis Herr Schneeberger, der bisher in leisem Brummeln vor sich hin gesprochen hatte, nun auf ihn blickte.
„Hast du denn so etwas geträumt?"
Der Georg schüttelte den Kopf und wurde rot.
„Ich nicht — ich Hab' nur so gefragt. Weil's Leute gibt, die doch auf Träume etwas halten."
„Eh — Unsinn!" Und er sah den Buben mit sichtlichem Mißtrauen an. Es war, als zweifelte er an der Wahrheit von Georgs Antwort und mochte ihn doch nicht der Lüge zeihen.
Und Georg fühlte diesen Zweifel. Er kränkte sich darob und schwieg doch still. Er wußte, daß Herr Gerold dem Traum doch tiefere Bedeutung beigemessen hatte, und hätte nun, nach diesem schroffen „Unsinn!" den so verehrten Mann um alles in der Welt nicht preisgegeben. . .
Er selbst suchte sich seitdem zu beruhigen. Was konnte auch ein Traum Bedeutungsvolles haben! Herr Gerold war leidend und trauerte um Hans so tief — das mußte es gewesen sein, was ihn an diesem Traum so sehr ergriff.
So suchte Georg über jenes Gespräch, das ihn so nachhaltig erschüttert hatte, hinwegzukommen. Und doch, die lebhafte Erinnerung daran wich nicht von ihm, und sie ward stets aufs neue lebendig und nahm sein Fühlen ein, wenn er Hern: Gerold sah. Gleich einem heimlichen Verstehen war es seitdem zwischen diesem und dem Knaben, als hätten sie gemeinsam ein Geheimnis, ein stilles Wissen, das sie hüteten und pflegten. Bisweilen kam es vor, daß im Gespräche ein Wort fiel, das an ihr geheimes Wissen mahnte. Dann lächelte Herr Gerold leise, daß sich die bleichen Züge .um den Mund bis in das spärlicher gewordene Haar des Bartes verschärften. Sein Lächeln erschien müde und teilnahmlos; wenn aber seine Augen dann über Georg streiften, dann las der Bub in ihnen die Gedanken, die ihm Herr Gerold damals ausgesprochen hatte.
Sie wußten, daß sie beide jener Stunde dachten. — —
Und wieder war es ein Sonntag, und Georg war bei Gerolds.
Bis zur Jause hatte er mit Sephi im Kinderzimmer gesessen, ihr Geschichten vorgelesen aus ihren Büchern und auf die kleinen Berichte gelauscht, die sie mit großer Wichtigen