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verkündete. Herrn Gerold hatte er zuerst nur einen Augen blick gesehen, als er bei ihn: in: Arbeitszimmer war, um ihn zu begrüßen. Freundlich wie immer hatte Sephis Vater ihn auch heute empfangen. Er saß, als Georg eintrat, vor seinen: Schreibtisch über eine Menge vollbeschriebener Blätter gebückt und wies auf die, während er sprach:
„Grüß Gott, Georg! Das ist schön, daß du kommst.
Schau, ich Hab' leider noch zu tun jetzt — -" Er sah
nach der Uhr. „Aber nach dem Kaffee bleib' ich dann bei euch. Weiß d', für uns ist jetzt in der Bank die strenge Zeit — der Jahresabschluß steht bevor. Na — geh nur. Und auf Wiedersehen!"
Den Kindern war die Zeit bis zum „Kaffee" heut ganz besonders lang erschienen. Zweimal war Sephi zwischen Georgs Vorlesung hinausgeschlüpft und hatte die Mama gefragt, ob's denn noch nicht bald Zeit sei zur Jause. Und beide Male war sie zurückgekommen mit dem Bescheid:
„Die Mama hat g'sagt, sie wird's schon sagen, wenn's Zeit is'."
Dann war es so weit. Frau Gerold rief die Kinder.
Als sie hinüberkamen in das Speisezimmer, war auch Herr- Gerold schon da. Man war im Begriff, sich um den Tisch zu setzen, als draußen die Flurglocke tönte und gleich darauf die lebhafte und laute Stimme des Herrn Crispi im Vorzimmer hörbar wurde.
Erst hatten alle einen Augenblick lang aufgehorcht.
Dann war Frau Gerold die erste, die sprach.
-!" sagte sie, und eine Ungeduld, als wäre
ihr der Kommende ein lästiger Gast, ein allzu eifriger Besucher, klang dabei aus dem Ton ihrer Stimme.
Herr Gerold sah auf seine Frau, und nur ein leises Zittern ging um seinen Mund.
Da öffnete sich schon die Tür, und lächelnd, Blumen in der Hand, trat der Herr Crispi ein.
„Stör' ich? G'rad beim Kaffee? O weh! Na — vor allem küss' die Hand, Gnä' Frau! Servus, lieber Freund! — Ah, da is' ja der Schorschel — und die Sepherl — —! Nur ein paar Blümerln, Gnä' Frau, weil Sonntag is' — — wie? — Jn's Wasser stecken, sagen S'? — Is' ja gar net der Müh' wert!"
Seine Stimme und seine laute Art erfüllten den Raum. Lächelnd und lachend wandte er sich bald zu den Kindern, bald Herrn und Frau Gerold zu, und dabei war sein Wesen so sicher und lebhaft, daß es kaum auffiel, wie die anderen alle ruhig blieben.
Frau Gerold war die einzige, die diese Stille neben des Herrn Crispi Stimme zu merken, peinlich zu empfinden schien. Eine nervöse Gespanntheit lag über ihren Zügen und prägte sich in ihren Gesten aus, wie sie jetzt, geflissentlich ruhig, den Gast einlud, den Kaffee mitzutrinken, und wie sie dann zu dem schweren Büfett hinüberschritt und dort, wie sich besinnend, einen Augenblick in Gedanken verloren stand, ehe sie aufwärts in den Schrank des Aufsatzes griff, um noch eine Tasse für den Gast herauszuholen.
Ihre Gestalt in dem losen, eleganten Hausgewande hob sich dabei in wunderschöner Linie von dem dunkelen Holze. Und die Augen des Herrn Gerold ruhten- aus ihr und glitten an ihr nieder, von der weißen Hand vorbei an der üppigen Krone des goldblonden Haares, über den anmutigen Ansatz des Halses und die frauenhafte Grazie des Rückens. Aber die Augen Heinrich Gerolds wurden all dieser Schönheit nicht froh. Sie sahen seltsam traurig drein, und Georg, der in das Gesicht von Sephis Vater sah, der mußte plötzlich an ein Bild denken, das ihnen, im zweiten Jahre ihrer Schulzeit, der Katechet einmal von dem Katheder aus gezeigt hatte. Es war eine Illustration zu der Leidensgeschichte des Herrn, und der Spruch des Evangeliums stand darunter: „Ehe denn der Hahn krähet, wirst du mich dreimal verleugnen."
So wie der Herr auf jenem Bilde nach Petrus blickte, so sahen nun Herrn Gerolds Augen auf seine Frau.
Aber da klang wieder die Stimme des Herrn Crispi:
„Gnädigste — ich mach' Ihnen Umständ' — das is' mir schrecklich — schaun S' . . ."
Sie kam zum Tisch zurück und ordnete mit ruhiger Sicherheit sein Gedeck.
„Aber gar nicht. Was für Umstände macht denn das? Daß ich noch eine Tasse hole? Kaffee ist genug da — wenn wir auch nicht auf Sie gerechnet haben. Und Kuchen auch. Also beruhigen Sie sich!"
Sie lächelte verbindlich und begann die Tassen zu füllen, während die anderen sich nun auf ihre Plätze setzten.
Das Gespräch blieb sprunghaft und äußerlich, so sehr
auch Herr Crispi dafür sorgte, daß keine allzu großen Pausen eintraten. Er erzählte von der neuen Operette,
in deren Premiere er tags Zuvor in: „Theater an der
Wien" gewesen war, kopierte den Girardi, der die Hauptrolle gegeben hatte, und schimpfte auf die „Böhmaken und
Slowaken, die ei'm nächstens noch das Leben in Wien ganz verleiden möchten!"
Herr Gerold nickte nur hier und da, wenn sich sein Gast direkt an ihn wendete. Sonst blieb er ruhig, höchstens daß er ein paar Worte an die Kinder richtete, die seltsam ernst dasaßen, als fühlten auch sie die Schwere, die auf dem ganzen Kreis von Menschen lastete.
Als Herr Crispi sich nach dem Kaffee die Zigarette anzündete, wandte er sich noch einnral an Frau Gerold:
„Sehn S', Gnä' Frau — das is' das Wunderbare in Ihrem Haus! Jedesmal denk' ich mir's wieder! — daß man sich so wirklich wohl fühlen kann bei Ihnen! Sie wissen ja gar nit, was das für unsereinen is'! So a armer Jungg'sell am Sonntagnachmittag, wenn alle Kaffeehäuser voll sind . . . das is' ja was Schreckliche!"
Herr Gerold sah ihn mit seltsamem Lächeln an.
„Sind die Kaffeehäuser jetzt so voll?" fragte er. Ersah noch den verdutzten Blick seines Gastes, dann aber wandte er sich zu Sephi, die seine Hand ergriffen hatte und ihn an dieser zu sich Zog. „Was denn? Was, mein
Kind?"
„Papa -— du hast nach der Jausen mit uns spielen wollen..."
Er nickte ihr zu. „Ja, das will ich." Und dann zu seiner Frau gewendet. „Ich will mit den Kindern ein wenig musizieren — es stört dich doch nicht?"
„Nein ..."
Die Augen der beiden hafteten aneinander.
Dann wandte sich Herr Gerold um und winkte den Kindern, mit ihm nach dem Nebenzimmer zu gehen, in dem das Harmonium stand. Die Flügeltüren waren weit geöffnet, nur eine schwere Portiere, ein Kelim, der
an einer im Türrahmen angebrachten Messingstange lief, trennte die Räume. Herr Gerold schob ihn ein wenig beiseite und trat dann mit den Kindern in sein Arbeitszimmer. Ruhig stand er dort einen Augenblick und sah
vor sich hin ins Leere. Dann schüttelte er den Kopf und lächelte den Kindern zu. „Wir wollen 'was recht Schönes singen! ..."
Aus den: Speisezimmer drang noch die Stimme des Herrn Crispi herüber, auffallend laut und lebhaft: „Nein,
Gnä' Frau, also wenn ich Ihnen sag': der Girardi, und dann die Toilette von der Collin..." Und ihre Frage: „Was hat sie ang'habt?" . . .
Herr Gerold war an das Harmonium getreten und hatte den Deckel geöffnet.
Schon wollte er sich setzen, da sah er die Kinder, die Hand in Hand neben der Bank des Instruments standen.
Der Anblick ergriff ihn seltsam. Er war sich selbst vielleicht nicht klar darüber, was es war. es zog ihn nieder zu den beiden; wie wenn sie Eines wären, schloß er sie in seine Arme und küßte erst Sephi und dann Georg auf den Mund.