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Und die Kinder küßten seine Lippen wieder. Eine seltsam heiße Erregung war über sie gekommen. Sie konnten dann die Augen von ihm nicht wenden, und wie nun die orgel- tiefen Töne des Harmoniums den Raum durchzitterten und nach dem kurzen Vorspiel sich Zur Melodie des Liedes fanden, da setzten ihre jungen Stimmen ein und trugen alles, was an heißen: Fühlen ihr Herz bewegte, in zitternder Andacht empor:
„Es ist bestimmt in Gottes Rat,
Daß man vom Liebsten, was man hat,
Muß scheiden... ja muß scheiden..."
Wie wenn drei Seelen hier zusammenflössen im Gebet, erklang das Lied.
Als die letzte Strophe geendet war und es so seltsam still im Zimmer war, daß man nur noch das leise Tönen der nachklingenden Akkorde hörte, sah Herr Gerold nieder auf die Kinder. Seine Augen waren gerötet, Tränen standen ihn: an den Lidern.
Georg sah es. Ein Krampf legte sich ihm um die Kehle. Er mußte schlucken, die Lippen waren ihm wie zugepreßt.
Von nebenan, wo es bisher ruhig gewesen war, erklang wieder so tragend laut Herrn Crispis Stimme:
„Nein, wie ich Ihnen sag', Gnä' Frau: sie hat ein Verhältnis mit den: Erzherzog Johann —"
Herr Gerold sah starr auf die Tasten. Seine Finger Zitterten seltsam. Einen Blick warf er noch auf das Bild
seines toten Buben, das über dem Harmonium hing. „Noch einmal ..." sagte er dann. Die Stimme war heiser, beinahe tonlos, sein Gesicht bleich, als wäre jede Spur von Blut aus ihm gewichen.
Und wieder sangen die Kinder.
Aber da sprang Herr Gerold, wie von raschem Entschluß getrieben, plötzlich von seinem Sitz auf. Ein Tönen noch der Tasten — dann stand er an der Portiere und griff in den Kelim, den er zur Seite riß.
Voll Schrecken hatten sich die Kinder nach ihm umgewendet. Nun starrten sie einander an — da klang ein jäher leiser Schrei von drüben.
Und wie sie wieder nach Herrn Gerold blickten, da hing sein Körper seltsam schwer an jener Hand, die sich mager und weiß im Stoff des Kelims hielt, und gleich darauf sank er in sich zusammen. Dumpf schlug er nieder auf die Erde, und über ihn fiel auch der Kelim und die Messingstange.
Starr vor Entsetzen, wortlos, tränenlos standen die beiden Kinder Hand in Hand.
Drüben lösten sich zwei Gestalten voneinander und eilten zu der Tür.
Da stand Frau Gerold dann, am ganzen Leibe zitternd, bleich, mit verzerrten Zügen. Sie starrte nieder auf den toten Mann, der halb bedeckt von den: schweren Stoffe auf der Schwelle lag. (Fortsetzung folgt.)
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Graue Stunde.
In Schwaden zog der Nebel über das Gebirg,
Grau ringsum lag die Welt, der Ne gen goß endlos. Die jungen Birken zitterten, die hundertjährigen Des Forstes stöhnten; angstvoll ins Geklüft geduckt, Fest sich anklammernd, kauerte der Brombeerbnsch,
An dem des Abends Nebelkleid in Fetzen hing.
Mit nassen Schwingen mühte droben sich ein Falk, Vergebens ringend mit dem Sturm, der klagend uns Das letzte Mort vom Munde riß und weiter trug,
Es rasch verwehend, jenes letzte Mort: „Lobwohl!"
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Erfolge cles Oierexperimenls.
von E. Falkenhorst.
ie unser Herz unermüdlich arbeitet, wie es den Blutstrom durch die Adern treibt und somit alle Organe des Körpers mit dem belebenden Saft versorgt, das ist heute allen bekannt. Wird ja doch schon das Kind in der Schule über den Kreislauf des Blutes unterrichtet. Diese Kenntnis erscheint uns so einfach, so selbstverständlich, daß wir uns kaum in die Zeiten hineindenken können, in denen selbst die berühmtesten Philosophen und hervorragendsten Ärzte von diesen wichtigen Vorgängen in unseren: Inneren keine Ahnung hatten. Ströme von Blut hatte die Menschheit vergossen, schon vor Troja wurde, wie Homer berichtet, der Aderlaß zu Heilzwecken verwendet, unzählige tote Tiere waren zerlegt worden, und trotzdem hatte man von der Verteilung des Blutes im lebenden Körper nur verschwommene, ja grundfalsche Ansichten. Hippokrates, der Vater der medizinischen Forschung, lehrte noch, daß das Blut nur in den Adern oder Venen fließe, die Schlagadern oder Arterien aber mit Lust gefüllt seien. Die Beobachtung am toten Körper zeitigte diesen Irrtum, denn im Tode ziehen sich die Arterien zusammen und erscheinen dann blutleer. Die Kultur nahm auf verschiedenen Gebieten einen glänzenden Aufschwung, es blühten die Künste, die Wissenschaft machte Fortschritte, der Gang der Sterne am Himmelszelt wurde ergründet, Sonnen- und Mondfinsternisse konnte man Voraussagen, aber unerkannt blieb noch immer, wie das Blut in den eigensten Adern des Menschen strömt. Spät erst, im zweiten Jahrhundert n. Ehr., trat der römische Arzt Galenus mit der Behauptung hervor, daß man doch zu
anderen Ergebnissen gelange, wenn man Beobachtungen am lebenden Körper anstelle. Öffne man einen: lebenden Tiere die Pulsader, so sehe man, daß aus ihr nur Blut fließe und keine Luft entweiche. Das war schon ein Fortschritt, aber anderthalbtausend Jahre mußten noch vergehen, bis man der vollen Wahrheit auf den Grund ging. In: siebzehnten Jahr hundert entschloß sich der englische Arzt William Harwey, die schwierige Frage mit Hilfe der Vivisektion zu klären. Er
wählte zu diesen: Zwecke hauptsächlich die widerstandsfähigen Kaltblüter, Fische und Amphibien. Unterband er bei den: Versuchstier eine Arterie, so sah er, daß das Blut sich zwischen der Unterbindungsstelle und dem Herzen staute, und schloß daraus, daß es vom Herzen komme; unterband er aber eine Vene, so merkte er, daß dadurch der Zufluß des Blutes zun: Herzen gehemmt würde. So entdeckte er die Richtung des Blutstromes und in weiteren Versuchen den großen und kleinen Kreislauf und der: Rhythmus der Herztätigkeit. Kurz nach Harweys Tode konnte schließlich im Jahre 1661 Malpighi durch mikroskopische Beobachtung der Lunge eines lebenden Frosches feststellen, wie durch die feinsten Blutkanülchen, die Kapillargefäße, das Blut aus den Arterien in die Venen übergehe. Das war eine grundlegende Entdeckung, ein durchschlagender Erfolg der Vivisektion. Diese Erkenntnis der Wahrheit ist aber nicht nur von rein wissenschaftlichen: Interesse, sondern auch von einer enormen praktischen Bedeutung. Erst von da an konnten die Ärzte sich klare Rechenschaft über die Herzarbeit ablegen und das Wesen der Kreislaufstörungen