362
verstehen. Dadurch wurden sie aber instand gesetzt, wichtige Mittel für die Verhütung der Überanstrengung des Herzens anzuwenden und Maßregeln zur Heilung der verschiedensten Kreislaufstörungen zu ergreifen. Die Behandlung der Herzleiden wurde allmählich in neue, Zweckmäßige Bahnen gelenkt. Diese Errungenschaften sind recht bedeutsam gerade in unserer Zeit, da die Herzkrankheiten in starker Zunahme begriffen sind. Wenn die ärztliche Kunst es möglich macht, Tausenden und Abertausenden von Herzleidenden Linderung zu schaffen, sie bis in hohe Altersjahre noch lebensmutig und arbeitsfähig zu erhalten, so haben wir diese Wohltat im Grunde Harweys Versuchen zu danken.
Unser Zeitalter wird rühmend auch als das Zeitalter der Elektrizität genannt. Der elektrische Strom vollbringt in ihm Wunder, er treibt Maschinen und Bahnen, bringt Kraft und Licht in unsere Behausungen, übermittelt Nachrichten über Länder und Meere. Gewiß hätte man diesen Strom auf verschiedenen Wegen entdecken können, die Tatsache bleibt aber unbestritten, daß der italienische Arzt Luigi Galvani ihn am Ausgang des achtzehnten Jahrhunderts zum ersten Male beobachtet hatte, als er mit Fröschen experimentierte. Was nun der Versuch am lebenden Tiere in diesen: Falle dein menschlichen Geiste offenbarte, wurde bald von Physikern und Technikern aufgegriffen und bis zur heutigen Vollendung ausgebaut. Weitere Tierexperimente gewährten aber neue Einblicke in die wichtige Rolle, die die Elektrizität im tierischen und menschlichen Körper spielt, und führten zuletzt zur Anwendung der Elektrizität als Heilmittel, dem schon so Viele Besserung und Beseitigung ihrer Leiden verdanken und dem noch eine große Zukunft bevorsteht.
Die genaueste Kenntnis des gesunden Körpers ist die unentbehrliche Grundlage für alle Maßnahmen der Gesundheitslehre und die Erkenntnis der krankhaften Veränderungen. Auf ihr erst baut sich die wahre Heilkunde auf; wer auf sie verzichtet und dennoch zu heilen versucht, ist aufs Raten angewiesen; ein glücklicher Zufall mag ihm einmal zu einer nützlicheren Leistung verhelfen, sonst aber bleibt er ein Kurpfuscher, der seine Mitmenschen schädigt. In dieser Hinsicht hat gerade die Vivisektion die wichtigsten und tiefsten Einblicke in den verwickelten Mechanismus der lebenden Wesen ermöglicht. Nur ein Beispiel sei hier erwähnt. Im Verlängerten Mark, den: obersten Ausläufer des Rückenmarks der höheren Tiere und auch des Menschen, befindet sich eine sehr kleine, eng umgrenzte Sselle, die den Namen „Lebensknoten" erhielt. Sie ist ein Zentrum, von den: aus die Atmung geregelt wird. Zerstört man diese Stelle, so hört die Atmung sofort auf, und das Leben erlischt. Wir hätten gewiß niemals die Kenntnis von diesen:
wichtigen und wunderbaren Organ erhalten, wenn sein Entdecker, der französische Physiologe Flourens, nicht am Gehirn und Rückenmark lebender Tiere seine weitgehenden Versuche angestellt hätte.
Aber auch in einer anderen Form ist das Tierexperiment für das Heil der Menschen von größter Bedeutung. Indem der Arzt Tiere künstlich krank macht und wieder zu heilen versucht, gewinnt er die wertvollsten Einblicke in die Entstehung und Behandlung der menschlichen Krankheiten. Unsere Zeit hat mit Nachdruck den Kampf gegen die ansteckenden Krankheiten, die verheerenden Volksseuchen ausgenommen, die verschiedene Länder oft schlimmer als ein wilder Krieg heimsuchen. Die erste Vorbedingung für eine glückliche Durchführung dieses Kampfes ist die genaue Kenntnis der Natur dieser Krankheiten. Lange Zeit hatte man vermutet, daß diese Seuchen durch winzige mikroskopische Lebewesen verursacht werden; aber der Streit der Meinungen wogte hin und her. Erst als man
lernte, Reinkulturen der Bakterien darzustellen, und mit diesen Bakterien Tiere impfte und bei ihnen mit Sicherheit dadurch die betreffenden Krankheiten erzeugte, war das Jahrtausende lang umstrittene Rätsel gelöst. So hat Pasteur in seinen grundlegenden Arbeiten durch Überimpfung der Reinkulturen des Hühnercholerabazillus den Nachweis erbracht, wie eine Seuche sich verbreitet; so hat Koch durch Impfung des von ihn:
entdeckten und reingezüchteten Tuberkelbazillus auf verschiedene Tiere gezeigt, daß dieser Spaltpilz der Erreger der Schwindsucht ist, die an dem Mark der Völker zehrt. Die Bahn war gebrochen, und nun jagte eine Entdeckung die andere. Aus diesen Arbeiten, in denen der Versuch am lebenden Tier eine so hochwichtige Rolle spielt, hat die Menschheit schon vielfachen Nutzen gezogen. Zunächst kommt die Verhütung der ansteckenden Krankheiten in Betracht. Wir wissen heute, wo wir die Hebel ansetzen sollen, wir kennen die Schleichwege, auf denen die Seuchen sich verbreiten. Für die Versorgung der Städte mit gesunden: Trinkwasser sind festere Grundsätze ermittelt worden, durch Abkochung verdächtigen Wassers und der Milch dämmen wir die Ausbreitung der Epidemien; die Desinfektion der Wäsche, der Kleidungsstücke, der Wohnungen ist in rationelle Bahnen gelenkt worden. Wer kann da zusammenzählen, wieviel Krankheits- und Todesfälle dadurch verhütet wurden. Und wenn nach Hunderten die Tiere Zählen, die man zur Erforschung einer Seuche in den Laboratorien der Wissenschaft geopfert hat, so zählen nach Tausenden und Abertausenden die Menschen, von denen dadurch ein schweres Ungemach abgelenkt wurde. Doch weiter noch entwickelte sich dieser Zweig der Forschung — durch Tierexperimente wurde das Wesen der Immunität und der Schutzimpfung geklärt; in: Tierexperiment gewann man ferner die Heilsera gegen die Gifte der Krankheitserreger.
Da ist zunächst die seltene, aber schwere, schreckliche Erkrankung, der Wundstarrkrampf oder Tetanus, zu nennen. Die Medizin kannte dagegen kein Heilmittel, da gelang es Behring, durch Tierversuche ein Heilserum zu gewinnen, das in der Tat in vielen Fällen rettend gewirkt hat.
Noch furchtbarer ist die Hundswut, die durch den Biß toller Tiere auf den Menschen übertragen wird. Als nichtig haben sich alle die Heilmittel bei näherer Prüfung erwiesen, in deren Besitz zu sein, sich dieser und jener rühmte. Da begann Pasteur seine unermüdlichen Versuche; er impfte das furchtbare Gift anderen Tieren, namentlich Kaninchen, ein; er sah, wie das Gift verstärkt werden konnte, und fand, wie man es abschwächen durfte. Und diese mühevolle, auch für den Forscher höchst gefährliche Arbeit wurde schließlich von Erfolg gekrönt. Die Schutz- und die Heilimpfung wurden möglich, und in den meisten Kulturstaaten wurden Pasteur-Institute gegründet. Wo sie bestehen und benutzt werden, dort ist, wie die Statistik lehrt, die Zahl der Todesfälle infolge der Hundswut unter den Menschen sehr bedeutend gesunken. Auch das ist ein Erfolg des Tierexperiments.
Die liebende Mutter, deren Teuerstes und Liebstes plötzlich die Diphtherie, der Würgengel der Kinderwelt, bedroht, atmet erleichtert auf, wenn sie sieht, wie unter dem Einfluß des Diphtherieheilserums die Krankheit so oft ihre lebenbedrohenden Wirkungen verliert. Sie möge dann aber auch bedenken, daß ohne das Tierexperiment die Entdeckung des Heilserums niemals zustande gekommen und auch seine Erzeugung gegenwärtig nicht möglich wäre.
Die Schlange ist eine uralte Feindin des Menschengeschlechts, nach vielen Tausenden zählen alljährlich die Menschen, die den: Biß giftiger Schlangen zum Opfer fallen. Trotz aller Mühen war es nicht möglich gewesen, gegen dieses Gift ein wirksames Gegengift zu finden, bis zuletzt das moderne Tierexperiment die Wege dazu wies. Schon heute haben wir ein Heilserum, das, rechtzeitig angewandt, selbst bei schwersten Verletzungen lebensrettend wirken kann.
So sehen wir, wie auf den verschiedensten Gebieten der Medizin das Experimentieren mit lebenden Tieren sich fruchtbringend gezeigt hat. Es ist nur schade, daß die Geschichte der Heilkunde so wenigen bekannt ist. Würde das Volk die großen Forscher, die die Geheimnisse des menschlichen Leibes allmählich entschleierten, ebensowohl kennen wie die sagenhaften Helden der Vorzeit, Feldherren in großen Kriegen oder Entdecker am Sternenhimmel, dann würde die Zahl derjenigen zusammen- I schrumpfen, die da meinen, daß die medizinische Wissenschaft