Heft 
(1906) 17
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einer möglichst schonenden und Schmerzen ersparenden Vivi­sektion und in weiterem Sinne des Tierexperiments überhaupt entraten konnte und entraten kann.

Übrigens ist es nicht der Mensch allein, der aus diesen Untersuchungen Nutzen zieht. Im Dienste der Menschen und unter seinem Schutze stehen zahllose Haustiere. Auch unter diesen Scharen wüten die Seuchen, auch unter ihnen stellen sich

Leiden aller Art ein. Der barmherzige Mensch will auch dort eingreifen und lindern und Helsen. Nun sind aber Medizin und Tierarzneikunde zwei Schwestern, und oft ergänzen sich ihre Fortschritte. Die Tatsache sei doch hervorgehoben, daß die Erfolge des Tierexperiments auch der bunten Patientenschar in Stall und Geftügelhof den kranken vierbeinigen und ge­flügelten Genossen im Zimmer Heil bringen.

Zigeunerleben.

Von G. Busse-Palma.

^hne Zigeuner läßt sich das Leben in einem Dorf oder in einer kleinen Landstadt kaum denken. Jeder, der auf den: Lande auf­gezogen wurde, wird sich gewiß noch entsinnen, welchen starken Eindruck der erste Trupp durch­wandernder Zigeuner auf seine kind­liche Phantasie ausübte. Groß und klein springt auf, und wer dem geräu­migen, mit schmutziger Leinwand überdachten Wagen nicht nach­rennt, macht zum mindesten am Fenster runde, verwunderte Augen.

Sie sehen auch seltsam aus, diese Kinder Ahasvers! Schwarzes, häufig lockiges Haar umrahmt die braunen Ge­sichter, in denen stechende Augen funkeln und die Nasen haken­artig gekrümmt hervorspringen. Der Bartwuchs der Männer ist voll und üppig, die Lippen sind fein gespalten, die Zähne blendend weiß. Die Mädchen sind in der aufblühenden Jugend oft von vollendeter Schönheit, die leider nur allzufrüh ent­artet und sich im Alter zu abschreckender Häßlichkeit verkehrt.

Auch der ungeübte Blick erkennt sofort die Fremdlinge, die weder in den Ländern, noch in der Kultur Europas heimisch sind.

Vor einem halben Jahrtausend tauchten sie in Mittel­europa auf und wurden sofort von einen: Schwarm phan­tastischer Sagen über Ursprung und Heimat umgeben. Lügner aus Notwendigkeit und von Geburt, waren sie selber deren Urheber, und oft genug mögen sie sich ins Fäustchen gelacht haben über die Leichtigkeit, mit der sich durchlauchte Fürsten und ehrbare Ratmannen zum besten haben ließen. Gewöhn­lich stellten sie sich als Vertriebene ausKlein-Ägypten" vor, die religiöser Verfehlungen wegen eine Reihe von Jahren wandern müßten, um Absolution zu erhalten. Als solche werden sie auch in den ersten Schutzbriefen erwähnt, die ihnen von verschiedenen Herrschern ausgestellt wurden. Ihre An­führer wurden allen Ernstes Grafen, Herzöge oder gar Könige genannt, und manche Stadt und manche reiche Familie machte ihnen ansehn­licheVerehrungen".

Es ist nicht zu verwundern, daß diese anfängliche Gast­freundschaft sich schon nach kurzer Zeit in ihr Widerspiel, in Haß und Verfolgung, ver­kehrte. Der vollkommene Man­gel an fast allen ethischen Em­pfindungen, der die Zigeuner damals ebenso auszeichnete wie heute, entkleidete sie bald des romantischen Nimbus, und außer den Juden gibt es wohl kein Volk der Welt, das sich gegen einen solchen Hochdruck gewalttätiger Beeinflussungen wehren mußte wie die Zigeuner. Sie Überstunden Zeltzigeuner.

MW.

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aber alles, und das einzig sichtbare Ergebnis aller Bedrückun­gen, die zunächst gegen ihre Existenz schlechtweg und dann gegen ihre Unstätigkeit gerichtet waren, ist die Spaltung in Zelt­oder Wanderzigeuner und in die an­sässig Gewordenen, die der Freigeblie­bene, der Kortorär, verächtlich Glete- eore, d. h. Spracharme nennt. Wahr­scheinlich ist aber auch diese äußerliche Spaltung vorbedingt gewesen durch so viele Gegensätze, die noch in den Kastenunterschieden ihrer in neuerer Zeit erkannten Urheimat in Indier: wurzeln.

Der überwiegende Teil des Zi­geunervolkes hat seine Adoptivheimat in Siebenbürgen, Ungarn und den benachbarten Ländern, so z. B. auch in Galizien, aus dessen Gegenden die Bilder stammen, die wir der: ...

Lesern hier zeigen.

Während die Zigeuner vor knapp hundert Jahren noch durch­gängig stamrnweise, d. h. mehrere hundert Köpfe stark, umherzogen, hat die sehr gerechtfertigte Unduld sarnkeit der Behörden und der Bevölkerung sie jetzt auf die Sip­penwanderung beschränkt. Eine solche Sippe, wie wir sie auf dem « oberen Bilde der folgenden Seite sehen, besteht gewöhnlich aus zwölf bis dreißig Personen und einer dement sprechenden Wagenzahl. Die Männer, durchweg hohe, stämmige Gestalten in s bestaubten Röhrenstiefeln, die Kinder,

« mit denen Zigeunerfamilien reichlich gesegnet sind, in selten ^ so genügender Kleidung, wie es hier dargestellt ist (größten­teils halbnackt), die Weiber, mit blitzenden Metallscheiben auf den schmierigen Röcken und im .Haar, bilden zusammen neben den struppigen Gäulen und selt­samen Wagen ein Bild, das sich von dem majestätischen Ernst der Karpathenwälder wirkungsvoll abhebt.

Wenn die aufsteigen­den Staubwolken den: Nächstliegenden Dorf dann ihre Ankunft ver künden, entsteht für den ersten Augenblick fast immer ein kleiner Auf­ruhr.Die Zigeuner kom­men!" ist eine Meldung, die der vorspähenden Bauernjugend nur so aus den:

H - ?

Streifende Zigeunerin.