Heft 
(1906) 17
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Wandernde Zigeunersippe.

Halse schmettert, und die vorsorgliche Bäuerin schaut darauf eifrig nach ihrem Geflügel und lockt es auf das Gehöft, denn das Stehlen liegt den: Zigeuner nun mal im Blut, und sie weiß aus Erfahrung, wie leicht es ist, einer Henne den Hals umzu drehen.

Gleichzeitig prickelt sie aber die liebe Neugierde nach .

der zukunftskundigen ^

Wahrsagerin, die ^ " ' '

im Ansehen steigt, je älter und häß­licher sie ist.

Kurz vor dem Dorfe oder viel­mehr hinter ihm, um den Weiter­weg frei zu ha­ben, wird das primitive Zelt aufge­schlagen, und nach kurzer Rekognoszierung geht jeder seiner Tätigkeit nach. Die Beschäftigungen der Zigeuner sind recht mannigfaltig und zerfallen

in offizielle und inoffizielle. Leider Gottes muß es gesagt werden, daß die nichtoffiziellen mit viel mehr Liebe be­trieben werden als die anderen, so z. B. das Betteln,

Stehlen und Wahrsagen, das wohl auch einträglicher ist als das ehrsame Schmiedehandwerk, das der Zigeuner mit ange­borener Geschicklichkeit außerdem ausübt.

Eine nicht zu verachtende Einnahmequelle ist das Betteln der Kinder. Von frühester Jugend an darauf dressiert, erlangen sie bald eine solche Virtuosität und Ausdauer darin, daß der neapolitanische Lazarone neben ihnen feinfühlig und schüchtern erscheint. Gnade Gott demHerrn", der in die Nähe eines solchen Zeltlagers gerät! Im Nu ist er von den ebenso hübschen als schmierigen Kerlchen umringt, und selbst der Gutmütigste, der mit den Nickeln nicht allzu sparsam ist, sieht sich schließlich genötigt, sich durch einige Stockhiebe freie Bahn zu schaffen.

Je mehr Geld man ihnen gibt, desto aufdringlicher werden sie, und das anfängliche Wohlgefallen an den derbgesunden, verschmitzten Buben- und Mädchenköpfen macht bald einem heftigen Widerwillen Platz. Die vollkommenste Scham- und Gefühllosigkeit wird allzu sichtbar.

Noch einträglicher, nach dem Maße ihres bescheidenen Lebens­bedarfs, ist das Wahrsagen. Die Weiber, seltener auch die Männer und dann gewöhnlich nur die Alten, statten unter prahlerischen Betonun­gen ihrer Unfehlbarkeit entweder den einzelnen Gehöften ihren Besuch ab oder warten, die Attribute ihrer Künste in der Hand, auf einem Weg­steine sitzend, geduldig auf das frei­willige Nahen ihrer Kundschaft. Wer die ungeheuerliche Leichtgläubigkeit der slawischen Landbevölkerung kennt, die von Dümmeren, als ausgekochte Zigeuner es sind, geprellt werden, wird sich leicht vorstellen können, zu welchen Ausartungen ihr Hokus­pokus oft führt. An Menschen­beobachtung gewöhnt, erkennt der Zigeuner und vorzüglich die Zigeunerin sehr bald, wesi' Geistes Kind sie vor sich haben, und ist der Bauer auf dem Felde

und die Bäuerin mit ihrer Dummheit allein, Wahrsager.

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geht's arg an ihren Geldbeutel. Einer der üblichsten Tricks besteht darin, daß die Zigeunerin der Hausfrau einen Knäuel Garn in die Hand gibt und sich einen größeren Geldbetrag auf den Tisch legen läßt, der natürlich nur zur Verstärkung der Zauber- formeln dienen soll. Liegt dieser da, so wird ein Ende des Knäuels an das Tischbein gebunden, und die Bäuerin muß das Garn, mit abgewandtem Gesichtvorwärts- schreitend, ab- wickeln. Im sel­ben Augenblick, in dem die gläu­bige Bäuerin das Zimmer verlassen hat und sich auf dem Hofe befindet, steckt die Wahrsagerin natürlich die schönen, blanken Gulden in die

Tasche und verduftet auf Nim­merwiedersehen. Das Rezept ist plump, aber Jahr für Jahr fallen Dutzende darauf hinein, ebenso wie auf die zigeu­nerischen Kurpfuscher, die sich oft drolliger Rezepte bedienen. So erlebte ich es einmal, daß nach den Anweisungen einer solchen Naturärztin Rotwein mit Siegellack gegen eine leichte, zur Obstzeit nicht seltene Darmkrankheit angewendet wurde.

Das Wahrsagen und die damit zusammenhängenden Schwindeleien sind aber, wie schon gesagt, die Domänen der Frauen. Die eigentlich männlichen Beschäftigungen der Zigeuner sind Musik, Pferdehandel und das Schmiedehandwerk. Als

Musikanten genießen sie einen derartigen Weltruf, daß es

Eulen nach Athen tragen hieße, wollte man des längeren darüber reden. Weniger bekannt aber ist ihre Befähigung zum Pferdehandel. Wer diese Befähigung allerdings einmal am eigenen Leibe kennengelernt hat, vergißt sie nie wieder. Man sagt den braunen Brüdern nämlich nach, daß sie selbst die schäbigste Schindmähre für

den Markttag so aufzuputzen ver­stehen, daß sogar k. u. k. Militär­roßärzte geneigt sind, ihr Pedigree bis auf die Stute des Propheten zurückzuführen. Wenn dabei auch ein bißchen Übertreibung ist,

so ist es doch sicher, daß der Zigeuner, der überdies der geborene Tierquäler ist, selbst die verwerflichsten Mit­tel anwendet, um seiner Ware wenigstens vorüber­gehend ein vorteilhaftes Außeres zu geben. Nicht nur im Märchen, sondern auch im Leben ist es schon vorgekommen, daß Rappen mit einemmal im neuen Stall sich in Schimmel ^ verwandelten und junge Prachtrosse in krumm­beinige Krippenbeißer.

E. Das Schmiedehandwerk ist

die reellste Beschäftigung, die von Zigeunern in größerer Zahl betrieben wird. Aber auch darin bevorzugt