Heft 
(1906) 17
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Noch ein paar Sekunden hielten sie stumm einander gegenüber dann stützte sie sich auf seinen Arm, und sie verließen Schulter an Schulter den Verhandlungssaal.

Es waren die letzten Schritte, die sie gemeinsam tun konnten.

Die Abendblätter brachten bereits den telephonisch über­mittelten Bericht über die Verhandlung. Bei einigen war der redaktionelle Schluß allerdings mitten in der Vernehmung der Baronin von Gamp erfolgt, so daß die eigentlichen Sensationen, die ihre Zeugenaussage geboten hatte, im Bericht noch fehlten. Mit Sperrschrift war in einem Teil der Stadtauflage aber die Notiz dem abgebrochenen Bericht nachgetragen:Wegen drin­

genden Verdachts des Meineides ist soeben die Verhaftung des Zeugen Sixt von Soter angeordnet worden. Der Verdächtigte hat den Justizpalast noch während der Aussage seiner Tochter verlassen. Ein Fluchtversuch soll durch die sofort angerufene Hilfe der Kriminalpolizei verhindert werden."

Eines dieser von der Druckwalze noch feuchten Blätter ge­langte abends um sieben einhalb Uhr zum Kurfürstendamm in Gernots Wohnung und in Sabinens Hände.

Sabine hatte den ganzen Tag über nicht gewagt, das Haus zu verlassen. Sie lauschte jedem Geräusch. Immer hoffte sie, ein Wagen würde Vorfahren und ihren Vater mit Asta bringen. Wenn ein Anruf am Telephon erfolgte, eilte sie erregt zum Apparat. Irgend eine Nachricht von ihrem Vater erwartete sie auf alle Fälle. Sie fand nicht die Muße, die Sammlung, sich mit einer Arbeit, einem Buch zu be­schäftigen. Als die verschiedenen Zeitungen kamen, die ihr Vater hielt, überflog sie auch nur mit halb abwesendem Blick ein paar Spalten. Der Gedanke, daß eines der Blätter schon irgend eine Meldung über den Prozeß ihres Vaters bringen könnte, war ihr noch gar nicht gekommen.

Und da erwischte ihre Hand nun gerade eine der zuletzt hergestellten Abendzeitungen und ein Exemplar des Stadtauf­lagenteils, der den ganzen aufregenden Bericht enthielt.

Sie traute ihren Augen nicht.

Bei der Lektüre war ihr's gar nicht möglich, sich Asta als die Sprecherin all' dieser ernsten, leidenschaftlichen, ja fana­tischen Worte vorzustellen.

. . . Was war nur geschehen? Was hatte diese ungeheuer­liche Wandlung verursacht?

Ihre Spannung, ihre Erregung wuchs, je weiter ihr Blick von Zeile zu Zeile eilte.

Mit der Meldung über Sixt von Soters Verfolgung wegen Meineidverdachtes brach der Bericht ab.

In fieberhafter Ungeduld harrte sie ihres Vaters.

Als kurz nach acht Uhr ein Wagen vorfuhr und draußen hielt, eilte sie aus dem Zimmer nach dem Flur, riß die Vor­saaltür auf und stürmte die Stufen der Marmortreppe hinab.

Gernot war's aber er sah in dieser Stunde geradezu gealtert aus.

Vatting!" schrie Sabine auf.

Mitten auf der Treppe siel sie ihm in die Arme.

Er preßte ihren Kopf an sich, strich mit unsicherer Hand über ihr Haar und zog sie mit sich in die Wohnung. Sein Schritt war müde und schleppend.

Ich Hab' gelesen in der Zeitung . . . O Vatting, Vatting!"

In Sabinens behaglichem Stübchen, das mit so viel sinniger Liebe von Asta eingerichtet worden war, hielten sie inne, ohne einander aus den Armen zu lassen.

Das Schicksal hat mich dafür bestraft, daß ich noch ein­mal die Hand nach Jugend- und Glücksträumen Hab' aus­strecken wollen," sagte er.Das ist nun alles vorbei. Wir bleiben allein beieinander. Wenigstens so lange, bis du mir untreu werden wirst. Aber willst du mich denn auch noch?"

Ihre Augen schimmerten, und sie umarmte und küßte ihn, als ob sie ihn trösten müßte.

Sie sprachen dann nicht mehr von dem, was er am heutigen Tage verloren hatte. Sie sprachen nur noch von Astas Aussage.

In seiner ruhigen Schilderung wuchs das, was sie getan hatte, weit hinaus über die sittliche Kraft, die sie ihr zugetraut hatten. Es lag Größe in ihrem Entschluß dieser Aufschrei aus gefoltertem Herzen war so ehrlich, so zwingend, so mit­fortreißend, daß sie beide vergaßen, wie bitter unrecht sie ihnen getan hatte. *

Gernot mußte sich noch für eine halbe Stunde auf sein Zimmer zurückziehen, um die Erklärung aufzusetzen, die er mit Justizrat Bressentin besprochen hatte und die vor elf Uhr auf dem Korrespondenzbureau sein mußte, von wo sie den Redaktionen der politischen Blätter weitergegeben wurde.

Als er damit fertig war und in Sabinens Zimmer zurück­kehrte, traf er sie nicht an. Aber auf ihren: Schreibtisch lag bei der aufgedrehten elektrischen Lampe ein an ihn gerich­tetes Briefchen.

Er öffnete es beunruhigt.

Sei mir nicht böse, lieber Vater. Ich fahre zu Asta, um ihr die Hand zu drücken und ihr zu sagen, daß ich sie innig bewundert habe in dieser schweren Stunde. Es ist mir gerade jetzt schmerzlich, sie zu verlieren. Aber sie soll wissen, daß ich ihr um ihres großen Mutes der Wahrheit willen all' die kleinen Täuschungen vergeben habe. Und wir wollen als Freunde auseinandergehen. Sabine."

In Sinnen verloren stand Gernot da.

Natürlich mußte er Sabine sofort folgen. Sie durfte sich nicht solchen Aufregungen aussetzen. Wie die Dinge läge::, konnte Sixt von Soters Verhaftung stürmische Szenen in: Gefolge haben.

Aber ihr vornehmer, großherziger Entschluß freute ihn.

. . . Sie war doch ein prächtiger Mensch, seine arme kleine Sabine, die nach der stillen, lieben Mutter nun auch noch ihre graziöse, talentvolle, alle Welt bezauberndeVizemama" verloren hatte. . . (Schluß folgt.)

MermrßLenliste derHartentauöe". Im Anschluß an die in Nr. 47 des vorige:: Jahrganges veröffentlichte Vermißtenliste, lassen wir heute eine Fortsetzung folgen mit dem Wunsche, daß auch diese einen ebenso guten Erfolg haben möge wie die vorhergehenden.

765) Fritz Hilbig, 1871 in Berlin geboren, hielt sich im Jahre 1899 in Sansibar und Jnnerafrika auf. Bei Mafeking gefangen genommen, entfloh er nach Kapstadt und verheuerte sich als Matrose auf ein nach China fahrendes Schiff. Aus Schanghai sandte er in: Juli 1900 die letzte Nachricht an seine Mutter, die, sehr leidend, nach dem ihr allein noch verbliebenen Sohn sich sehnt.

766) Der Schornsteinfeger Wilhelm Bösler, seine Frau Johanna, geb. Peter, und seine zwei Kinder Richard und Jda werden von ihren: Sohn und Bruder Karl Bösler gesucht. Letzterer ist seit seinem Zwölften

I Lebensjahr von seinen Angehörigen getrennt. Bis 1887 haben diese in Kath. Hennersdorf bei Lauban gewohnt und sind dann verzogen.

767) In: August 1904 reiste der Zigarrenmacher Valentin Hueter von Brooklyn nach Deutschland, um seinen Vater in Becht heim zu besuchen. Er Hielt sich in: Hannoverischen auf und erkrankte in Stöcken. Hier wendete er sich an die Polizei und wurde durch einen Bäckermeister August Wemmel nach Hannover zur Polizei ge­fahren, die ihn in ein Spital gebracht haben soll. Näheres ließ sich nicht seststellen, und es fehlt jeder Anhalt über den Verbleib des Mannes. Hueter ist 50 Jahre alt, kahlköpfig, hatte rötlichen Schnurrbart, vom Daumen der rechten Hand fehlte ihm das Vorderglied, und er hatte in seiner Jugend das Nasenbein gebrochen. Frau und Tochter des Ver schollenen bitte:: dringend um Auskunft.

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