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Hamburg mit Mr. Bright zusammengetroffen, dem er sagte: die Lethel wäre unterwegs."
„Ihr Mann wußte zu dieser Zeit also noch nicht darum, daß diese Unterschiebung geplant war?"
„Nein. Er erfuhr davon erst, als der Handel schon fest abgeschlossen war. Als er am Morgen nach seiner Ankunft in Hamburg das Hotel verließ und sich im Stall einfand, um nach dem Pferd zu sehen, war es schon an Bord."
„Demnach hätte es Herr von Soter selbst an Mr. Bright abgeliefert?" Der Vorsitzende richtete an den Jockey eine Zwischenfrage, die der Dolmetscher übersetzte.
Mr. Bright zuckte die Achsel. Menschenphysiognomien könnte er sich nicht auch noch Jahre lang merken, sagte er. Der Verkaufsvertrag hätte aber die Unterschrift des Freiherrn von Gamp getragen, das könnte er beschwören.
Suchend wanderten die Blicke der Mehrzahl durch den ganzen Saal, um Sixt von Soter zu erspähen. In dem dichten Gedränge an der Tür war er nicht zu ermitteln. Auch der Vorsitzende hatte sich schon mehrmals umgeblickt. Nun winkte er den Nuntius heran und gab ihm mit halblauter Stimme eine Weisung. Der Gerichtsbote verschwand darauf.
„Sie sagten, Ihr Gatte hätte sich gegen die Unterschiebung gesträubt?"
„Es ist in Hamburg zwischen den Herren zu einem erbitterten Streit gekommen. Aber mein Vater blieb Sieger, weil er sagte: mein Schicksal wär's, um das sich's handelte. Noch am Mittag verließ mein Gatte Hamburg. Nachmittags um fünf Uhr traf er bei mir ein, um die Sache mit mir zu besprechen."
„Er hoffte, Sie würden ihm beistehen?"
„Ja. Es waren noch zwölf Stunden bis Zum Abgang des Schiffes. Er schlug mir allerhand Pläne vor. Er wollte seinen Abschied nehmen, damit wir uns einschränken könnten. Nur den Betrug sollten wir nicht auf uns laden. Er forderte von mir, daß ich sogleich mit ihm zurückführe nach Hamburg, daß ich meinem Vater erklärte: ich verzichte auf den erlogenen Glanz."
„Sie folgten ihm nicht?"
„Nein. Ich war zu feig. Es graute mir vor der Ungewißheit. Vor dem Elend. Und ich gab ihm die letzte Wahl. . . Wenn er meinen Vater bloßstellte, dann wär's zwischen uns aus, sagte ich ihm. Und darauf erst willigte er in alles ein. Denn er liebte mich." Sie ließ den Kopf sinken und setzte unter einem schmerzlichen Lächeln hinzu: „Er liebte mich mehr, als ich's verdiente. Ich war ihm alles, sein Abgott, und Hab' ihn doch — zugrunde gerichtet..."
Wieder überwältigte sie die Erinnerung, und sie schluchzte in die gegen ihr Antlitz gepreßten Hände.
„Und als dann die Nachricht herüberkam, daß die Pseudo- Lethel beim ersten Rennen versagte, entfloh Ihr Gatte?"
„Er nahm seinen Abschied, so lang' er ihn noch in Ehren erhalten konnte. Er zweifelte nicht daran, daß alles herauskommen und daß er dann gleich meinem Vater vor Gericht gestellt werden würde."
„Aber Ihr Vater ließ es darauf ankommen?"
„Ja. Und als Theo weg war, meinte er: ein Opfer genügte."
„Also wendete er's hernach so, als trüge sein Schwiegersohn die Schuld allein?"
„Er sprach es nie aus. Aber er widersprach auch nicht."
„Und Sie, Frau Zeugin? Haben Sie einmal den Versuch gemacht, seine Ehre zu retten?"
„Ich habe nicht den Mut gehabt. Ich schwankte oft. Aber immer wieder sagt' ich mir: du zerrst deinen eigenen Vater vor den Richter, wenn du die Wahrheit sagst. Und so spielte ich das verlogene Spiel mit — trotzdem es mich peinigte, trotzdem ich von seinen Leiden hörte . . . Ich war in einem Taumel, in einem wilden, wirren Taumel, auf der Glücksjagd, mit dem heißen Lebensdurst . . . Und als man mir die Hand bot, aus den häßlichen Ver
hältnissen hinauszukommen, in eine reine, klare Sphäre, da — da . . . Ich schwankte noch bis zum heutigen Tage, bis zu dieser Stunde, bis ich vorhin dieses Haus wieder betrat. Draußen im Gang begegnete ich meinem Mann
— dessen Unglück wir verschuldet haben — ich sah ihn an, wie er mich bemitleidete, wenn nicht verachtete . . . Und da schrie's in mir auf ..." Ihre Stimme war in erschütterndes Schluchzen übergegangen. „Ich fühlte, daß ich ihn noch immer liebe — und daß für meinen Vater nichts in meiner Brust mehr lebt als Zorn — ja vielleicht Haß!"
Eine mächtige Bewegung war durch den ganzen Saal gegangen. Asta hatte sich in den Stuhl sinken lassen. Vor sich hinweinend, blieb sie fast unbeweglich sitzen. Überall, auf allen Bänken, erhob sich nun Geflüster und Gemurmel.
Durch die Gangtür trat der Nuntius ein und stattete dem Vorsitzenden, der sich in eifrigem Gespräch mit den Beisitzern befand, eine Meldung ab.
„Herr Zeuge Sixt von Soter!" rief der Richter laut in den Saal hinein.
Niemand meldete sich.
„Ist der Zeuge vielleicht im Zuhörerraum?"
„Zu Beginn der Vernehmung der Baronin von Gamp stand er hier an der Tür!" meldete ein Herr von der Tribüne.
„Ich ordne die sofortige Festnahme des Zeugen Sixt von Soter an wegen dringenden Verdachts des Meineides!"
Asta erhob jetzt den Kopf und sah sich hilflos um.
Aller Blicke hefteten sich an Gernot, der mit umdüsterter Miene — fassungslos über das Geschehene — neben seinem Rechtsvertreter stand. Er wendete sich nun dem Vorsitzenden zu und sagte langsam, fast schwerfällig, so, als bereitete es ihn: Mühe, die Worte zu finden:
„Nach den Erklärungen, die wir soeben gehört haben, ziehe ich meinen Klageantrag zurück. Ich erkenne an, daß meinem Prozeßgegner der Wahrheitsbeweis für seine Behauptungen geglückt ist."
Die Mehrzahl der Anwesenden fühlte sich in ihren Erwartungen enttäuscht, geradezu um eine besondere Sensation gebracht: man hatte dem Auftreten Gamps mit größter
Spannung entgegengesehen. Aber die Verhandlung selbst war nun rasch erledigt. Doktor Heinroth wiederholte, daß ihm die Absicht einer persönlichen Ehrenkränkung des Abgeordneten Doktor Gernot ferngelegen hätte. So war denn die Streitsache erledigt, und der Richter verkündigte, daß der Kläger die Kosten des Verfahrens zu tragen hätte.
Während die Anwälte der beiden Parteien noch verhandelten, hatten zwei telephonisch herbeigerufene Kriminalbeamte eine kurze Unterredung mit dem Vorsitzenden gehabt. Eilig verließen sie jetzt den Saal, vom Nuntius begleitet. .
Noch immer hielt das Publikum auf den Bänken aus. Es wollte durchaus noch mit ansehen — mit erleben — was nun weiter würde.
Gernot war auf seine Verlobte zugetreten und sprach zu ihr. Sie blickte aber nicht auf, hörte auch nicht zu weinen auf.
Nun näherte sich der Richter dem Zeugentisch und redete ebenfalls auf sie ein. Was er sagte, vernahm sie nur wie aus weiter Ferne. Er bot ihr an, in das anstoßende Richterzimmer mit einzutreten, um sich dort erst wieder zu sammeln. Er wollte ihr, da sie zu schwach schien, um ohne Stütze zu gehen, sogar den Arm bieten. Aber schreckhaft wich sie vor ihm zurück. Das eine furchtbare Wort, das er über ihren Vater ausgesprochen hatte, kam ihr wieder ins Gedächtnis.
Schließlich sagte Gernot in ruhigem, gefaßtem Ton: „Wie immer sich unsere Wege von jetzt an gestalten, Asta, den Weg von dieser Stelle aus müssen wir gemeinsam zurücklegen. Du hast hier deine schwere Pflicht getan. Die meine ist's, an deiner Seite zu sein, um dir beizustehen."
Sie blickte ihn hilflos an, unter einem schmerzlichen Lächeln. „Ich war schlecht gegen dich, Erich."
Er erwiderte nichts — er preßte die Lippen fest zusammen.