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Flüstern, Rauschen, Murmeln, Scharren und Stühlerücken verrieten die allgemeine Spannung.
Asta sah den dunkelgrün verhangenen Tisch — die Gesichter der Richter, der Anwälte, der Berichterstatter — das sich erregt drängende Publikum jenseit der Schranke -- die hohen Fenster —- über dem dunkelen Paneel, das die Wände des Saals bekleidete, das mächtige Bild der Justitia. Alles sah sie scharf und klar — aber die Stimmen, die sprachen, hörte sie nur wie aus weiter Ferne.
Justizrat Vressentin wirkte für sie die Vergünstigung aus, daß sie sich setzen durste. Der Nuntius brachte ihr einen Stuhl an den kleinen Zeugentisch, der zwischen den beiden Parteien stand, genau dem Richtertisch gegenüber. Ihre Personalien wurden durchgenommen. Sie antwortete tonlos.
„Von einer Vereidigung nehmen wir Abstand, Frau Zeugin. Aber wir sind der Zuversicht, daß Sie Ihre Aussagen gleichwohl nach bestem Wissen und Gewissen geben werden."
Sie hielt sich mit einer Hand am Stuhl fest. Das
Zittern in ihren Knien war so stark geworden, daß sie kaum mehr aufrecht zu stehen vermochte.
„Sie können Platz nehmen, Frau Zeugin."
Erschöpft setzte sie sich.
Vressentin hatte aus einer auf seinem Tisch stehenden Flasche Wasser in ein Glas geschünkt und brachte es ihr. Sie schüttelte zuerst den Kopf, dann nahm sie's aber doch entgegen und tat einen Zug. Als sie das Glas auf den Teller niedersetzte, merkte man, daß auch ihre Hand zitterte.
„Es ist begreiflich, Frau Zeugin, daß die Erinnerung an die gewiß unglückliche Epoche der Scheidung Ihrer Ehe Sie erregt. Gleichwohl müssen wir auf einzelne Datei: zurückgreifen. Das Scheidungsurteil liegt uns vor. Es ist für uns aber von Wichtigkeit, zu erfahren, wann Ihr Gatte Ihnen seinen Entschluß, nach dem Ausland zu reisen, mitgeteilt hat. Wollen Sie sich darüber äußern?"
Sie saß schwer atmend da. Die Hände hatte sie auf den: Tisch gefaltet. Aber die Blicke ihrer groß geöffneten Augen irrten durch den Saal — von Vressentin zu Gernot, dann zur Partei des Beklagten. Ein flehender Ausdruck lag in ihren Zügen.
Der Vorsitzende wiederholte seine Frage.
Noch immer antwortete sie nicht. Sie schluckte ein paarmal — es war, als versagte ihr die Stimme.
Eine lange, erwartungsvolle Stille.
„Wollen Sie mir die Frage nicht beantworten?" mahnte der Richter noch einmal.
„Ja!" kan: es nun tonlos, einem Hauch gleich, von ihren Lippen. Aber gleich darauf lief ein schreckhaftes Zucken über ihre Gestalt. Sie preßte hastig die gefalteten Hände gegen ihren Mund, und ein wimmernder Laut ward hörbar.
„Ruhe — nur Ruhe, gnädige Frau!" beschwichtigte Vressentin.
Endlich ließ sie die Anne schlaff sinken. „Ja," flüsterte sie noch einmal, „ich will Ihnen alles sagen - die ganze — volle — Wahrheit!"
Und mit einem entschlossenen Ruck stand sie auf.
Sie sah die Bewegung nicht, die hüben und drüben in den Parteien entstand, sie hörte nicht das plötzlich im Zu schauerraum wieder einsetzende und anschwellende Geflüster. Ihr Blick klammerte sich an das ruhige, ernst forschende Gesicht des Vorsitzenden. Und es verwandelte sich für sie: es schien ihr plötzlich die Züge Wyschnewskis anzunehmen.
„Ich habe jahrelang die Last mit mir herumgetragen," sagte sie, noch immer tonlos, „aber heute will ich sie von mir werfen. Ja — hier. Ich bin so müde, so erschöpft, ich . . . ich kann nicht anders."
Es klang hilflos und kindlich, wie sie das vorbrachte. Und doch merkte man ihre tiefe Erschütterung heraus.
Im Saal wagte man kaum zu atmen.
„Sprechen Sie sich ganz ruhig aus, Frau Zeugin. Lassen Sie sich auch Zeit. Setzen Sie sich, wenn das Stehen Sie angreift."
Sie schüttelte den Kopf. „Ich will mich von einer schweren Schuld befreien. Ich habe seit der Trennung von meinem Mann eine Lüge mit nur herumgetragen, eine so schimpfliche, feige Lüge ..." Ein plötzlicher Weinkrampf erfaßte sie. Sie ließ sich in den Stuhl sinke!: und warf sich mit beiden Armen auf den Tisch, das Antlitz darauf pressend.
Die Erregung in: Saale war mächtig angewachsen. Im Zuschauerraum erhoben sich die meisten. Gernot hatte sich gleichfalls aufgerichtet. Staunend blickte er seine Verlobte an. Zwischen Doktor Heinroth und seine!: Anwälten wurden ein paar hastige Wechselreden geführt.
Die Glocke des Vorsitzenden ertönte. Bei diesen: kurzen, schrillen Laut schrak Asta wieder empor.
„Was meinem Mann vorgeworfen wird, die Schuld da inals, die trifft nicht ihn, sondern uns — jawohl, ganz allein mich und meinen Vater!" Sie sprach jetzt in viel klareren! und festerem To::. Ein großer innerer Entschluß gab ihr die Kraft. „Wir beide habe:: ihn dazu getrieben, Schritt für Schritt, die Schuld auf sich zu nehmen. Wir haben ihm keinen Ausweg gelassen. So ist es gekommen. Und wo er endlich an: Abgrund stand — wehrlos, in unsere Hand gegeben — da haben wir ihn unbarmherzig ... da habe:: wir ihn hinuntergestoßen . . . Wir! Jawohl, wir beide!"
„Ruhe, Ruhe doch!" mahnte der Richter. Denn wieder schien Asta eine Nervenschwäche anwandeln zu wollen. Der Vorsitzende hatte sich von seinen: Platz erhoben, von der überraschender: Wendung persönlich mit ergriffe::, gleich den Beisitzer::, gleich aller: in: Saal Anwesenden.
„Sie solle:: alles erfahren. Hier ist die Stelle, wo ich's sagen muß. Der Plan zu der Täuschung damals stammte nicht von meinem Mann. Er ging von meinem Vater aus. Mein Gatte hat sich gesträubt, gewehrt, er wollte es nicht dulden, er wollte es noch in letzter Stunde unmöglich machen . . . Aber wir hielten ihn mit Drohungen, mit Vorstellungen . . . Und die Hände waren ihn: gebunden . . . Ja, das muß ich mir endlich von der Seele wälzen, ich muß ..."
„Also geben Sie zu, daß damals statt der Lethel ein anderes Pferd nach New Port hinübergeschickt worden ist?"
„Ja — die Minka!" ,
Wie ein Aufatmen ging's durch den Saal.
„Wann entstand der Plan dazu bei Ihren: Vater?"
„Er hatte die Lethel an Patterson schon fest verkauft, noch bevor mein Mann darum wußte. Die erste Zahlung war bei::: Abschluß fällig gewesen. Er hatte sie hier in Berlin bei der Bank erhoben. Eile tat Not, er mußte rasch zu Bar geld kommen, denn die Gläubiger drängten, und alle anderen Hilfsmittel waren erschöpft. Sein Gehalt war mit Beschlag belegt. Meine Ausstattung war ausgeklagt. Während mein Mann auf dem Übungsritt mit der Lethel unterwegs war wollte nun: schon pfänden . . . Immer wieder hatte mein Vater die Leute damit hingehalten, daß er allen Verpflichtungen Nachkommen könnte, sobald die Lethel verkauft wäre . . . Aber da kan: mein Mann plötzlich mit der Ungliicksbotschaft aus Palzarone an: die Lethel war eingegangen!"
Wieder das Raunen und Flüstern im Saal. Es saß jetzt niemand mehr auf seinen: Platze. Die Mehrzahl der hinten Stehenden erhob sich auf die Fußspitzen.
„Entsinnen Sie sich noch des Tages?"
„Ja. Es war ein Sonnabend - der 19 . Juni. An: selben Tage noch reiste mein Vater mit Theo ab. Nach
den: Gestüt, um wenigstens die Minka gut an Patterson Zu verkaufen."
„Und Ihr Mann brachte dann die Minka nach Hamburg und lieferte sie dort an Mr. Bright ab?"
„Hingeführt hat er sie. Aber nicht an Mr. Bright, sondern an meinen Vater hat er sie abgeliefert."
„So. Ihr Vater war inzwischen also nach Hamburg gefahren?"
„Ja. Während mein Gatte die Minka einritt, um sie Mr. Bright vorzuführen. Und mein Vater war in Horn bei