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Sehr erfreulich ist der zigeunerische Charakter also keineswegs. Diebisch, verlogen, kriecherisch und ohne jeden Pflichtbegriff, ist der Zigeuner innerhalb Europas das letzte Überbleibsel aus der Kindheit menschlicher Kultur, das letzte uns vor Augen stehende Beispiel echten Nomadenlebens. Das ist auch die innere Ursache, warum wir dieses seltsame Volk immer mit einer beinahe liebevollen Aufmerksamkeit betrachten.
Sein instinktiver Widerstand gegen die den Einzelnen doch
Lager.
unfrei machende Kultur, gegen die Seßhaftigkeit, die uns § Nüchternste kaum ihrem
abhängig macht von dem Boden, den wir bebauen, von dem Haus, das uns schützt, das erinnert uns, oder doch unser Blut, an die eigene Urgeschichte. Das ist es auch, was geistreiche Leute veranlaßt hat, sich selber Zigeuner, Bohemiens, zu nennen. Die Unabhängigkeit von jeder gesellschaftlichen Organisation kommt dadurch aufs treffendste zum Ausdruck.
Überdies spielt bei der Mehrzahl aller Menschen die Freude am Malerischen eine große Rolle, und wenn wir eine ganze Sippe von Zigeunern neben ihren Zelten versammelt sehen, wird sich selbst der eigenartigen Reiz entziehen können.
Paradiesvogel.
( 16 . Fortsetzung.) Roman von Paul Oskar Äöcker.
unkt drei Uhr hatte die Sitzung wieder begonnen. Als Zeugen wurden zunächst noch ein paar frühere Gestütsangestellte vernommen. Auch ihre Aussagen boten keinerlei Handhabe gegen den Freiherrn von Gamp.
Die Spannung, ihn endlich selbst dem Richtertisch gegenüber zu sehen und seine Darstellung der Sache zu hören, wuchs von einem Aufruf zum anderen. ,
Während der ersten Vernehmungen nach der Pause weilte der Kläger nicht im Saale. In den wieder dichtgefüllten Reihen des Zuschauerraums erörterte man flüsternd den Grund: es hieß, die Freifrau von Gamp befände sich noch nicht wieder im Hause.
Der Nuntius kam jetzt herein und wechselte ein paar Worte mit Sixt von Soter, der sofort aufstand und den Saal verließ.
„Wir kommen nur: zur Vernehmung der Zeugin Freifrau von Gamp!" erklang's vom Richtertisch her.
In der erwartungsvollen Unruhe, die sich daraufhin erhob, vernahm man nicht, was der Nuntius den: Vorsitzenden meldete. Eine kurze Erörterung fand zwischen Justizrat Vressentin und dem Amtsrichter statt. Gernots Rechtsanwalt erklärte, die Frau Zeugin wäre vom langen Warten in dem überfüllten Zeugenzimmer derart angegriffen gewesen, daß sie sich an die frische Luft hätte begeben müssen, um überhaupt noch vernehmungsfähig zu bleiben.
„Aber ich kann deshalb doch unmöglich eine abermalige Vertagung eintreten lassen. Es ist jetzt gleich halb vier Uhr. Ein Irrtum über die Dauer der Vertagung war doch ausgeschlossen."
Bressentin schlug vor, zunächst noch einige andere Zeugen zu vernehmen.
„Ich habe aus ganz bestimmten prozessualen Gründen diese Reihenfolge festgesetzt. Es tüte mir leid, wenn ich die Frau Zeugin wegen ihres unerlaubten Fernbleibens in eine Disziplinarstrafe nehmen müßte."
Es trat eine Pause ein, der Nuntius ward noch einmal zum Aufruf hinausgeschickt. Auch der Justizrat verließ nun den Saal. Als er erfuhr, daß sein Klient die Treppe hin untergegangen wäre, folgte er ihm hastig.
Sixt von Soter schloß sich ihnen an.
„Unbegreiflich! Mir ganz unbegreiflich!" sagte er unterwegs. Eine wachsende dunkele Besorgnis erfüllte ihn. Erhielt sich am Geländer fest, während er die Treppe hinabschritt. Bestimmt hatte er darauf gerechnet gehabt, in der
Pause mit seiner Tochter wenigstens ein paar Worte reden zu können. Nun überlegte er, wie er sie an: knappsten noch einmal vermahnen und gleichzeitig orientieren könnte, ohne daß Gernot es wahrnahm. Denn sie mußte doch erfahren, daß Theo — entgegen ihrer Annahme — bis jetzt noch nicht aufgerufen worden war.
„Da ist sie!" hieß es plötzlich von: Tor her.
Eine Anzahl Neugieriger blieb sofort auf der Treppe stehen. Einzelne glaubten, es handelte sich um einen Flüchtling.
Gleich darauf bahnte sich die Gruppe aber schon ihren Weg durch das Gewühl auf dem oberen Gang.
Bressentin hatte Asta den Arm gereicht. Gernot blieb an ihrer Rechten.
„Mir ist — so elend!" brachte Asta mühsam hervor. Sie vermochte sich kaum auf den Füßen zu halten.
„Wo warst du? Du bist nicht im Wagen zurückgekommen?"
Sie schüttelte, nur matt den Kopf.
„Sehen Sie, Frau Baronin, es ist, wie wir's Ihnen sagten. Solche Aufregungen erfordern Vorsicht. Der leere Magen rächt sich."
„Soll ich den Gerichtsarzt rufen lassen, Asta?"
„Nein — nein — es wird schon gehen — es muß ..."
Soter suchte Astas Hand zu gewinnen. „Wenn du nicht vernehmungsfähig bist, Asta, dann muß eben gewartet werden, zum Deibel!"
„Laß mich! Laßt mich!"
Sie standen jetzt dicht vor den: Eingang zum Saal. Neugierige hatten sich hinzugedrängt und starrten sie an. Angstvoll ließ sie ihre Blicke umherschweifen. Plötzlich Zuckte sie jäh zusammen.
„Mein Gott — was ist dir nur?" fragte Gernot in größter Besorgnis.
. . . Durch eine Lücke zwischen den sie umdrängenden Gesichtern, die ihr wie Masken erschienen, hatte sie Theo erspäht. Er war ein paar Schritt weit von seinem Fensterplatz auf die Gruppe zugekommen. Nur eine Sekunde lang brannte sein Blick in dem ihren. Aber der Ausdruck, mit dem er sie ansah, erschütterte sie geradezu, machte ihr Blut erstarren. Es lag Verachtung in seinem Blick.
Bressentin zog sie mit sich fort. Im nächsten Augenblick hatte sie die Schwelle überschritten.