Heft 
(1906) 21
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selbständiges Wirken im Nahmen seines Berufes. Schon 1860 , ein Jahr nach dem Erwerb der Druckerei, gründete er eine Verlagsbuchhandlung, die erst volkstümliche und belle­tristische Werke, dann aber auch Jugendschriften und Pracht­werke herausgab. Schritt für Schritt in eiserner Beharrlich­keit förderte er seine Unternehmen, schuf er sich Achtung, An­sehen und Verehrung im Kreise seiner Berufsgenossen. Und so war aus dem jungen und bescheidenen Anfänger gar bald ein Großer und ein Führender geworden, um den sich immer enger Freunde und Anhänger scharten.

An die Spitze desBörsenvereins der deutschen Buch­händler" berufen, hat er durch lange Jahre mit seinen: großen Organisationstalent zur Festigung dieses bedeutenden Kultur­trägers unendlich viel getan; als unerschrockener Vorkämpfer gegen die Schleuderei hat er dem Sortimentsbuchhandel die Grundlage gedeihlicher Entwicklung geschaffen, und in allen großen Fragen, die das Wohl und Weh des deutschen Buch­handels berühren, steht heute noch Adolf Kröner als unent­wegter Kämpe in erster Reihe auf dem Platz.

Wie Kröner sein großes Können und seine schier unermüd­liche Arbeitskraft in den Dienst der Allgemeinheit stellte, so hat er als Verleger nicht nur durch dieGartenlaube" unserem Volk unvergängliche Gaben deutscher Wissenschaft und Kunst vermittelt, sondern auch als Inhaber der Cottaschen Verlags­

buchhandlung der Öffentlichkeit ein Werk zugänglich gemacht, das als das teuerste Vermächtnis des großen Kanzlers nicht allein in unserem Vaterland, sondern in der ganzen gebildeten Welt heilig gehalten wird. Es sind dieGedanken und Er­innerungen" von Otto Fürst von Bismarck, und es ist kein Geheimnis, daß Adolf von Kröner durch seinen persönlichen Einfluß den Entschluß des Alt-Reichskanzlers zur Herausgabe dieser Bücher erst zur Reife und Vollendung gebracht hat.

Jahrelang war Adolf Kröner der geistige Leiter und fleißigste Arbeiter in dem großen Verlag derUnion Deutsche Verlagsgesellschaft" Zu Stuttgart, bis er sich 1903 auch von ihr zurückzog, um ganz allein dem Ausbau des Cot­taschen Verlages sich zu widmen. Die jüngsten groß an­gelegten Schöpfungen des altberühmten Klassikerverlages die neuen Goethe- und Schiller-Ausgaben Zeigen am besten, wie reich die Erfolge von Kröners Schaffen auch hier wiederum sind.

Wenn daher heute, wo Adolf Kröner auf siebzig Jahre eines mühevollen und erfolgreichen Lebens zurückschaut, ihm so mancher warme und volltönende Glückwunsch entgegenrauscht, so hat er ihn ehrlich verdient. Möge ihm, dem treue

Arbeit im Dienste einer guten Sache stets der beste Teil des Lebens war, noch manches Jahr ungeschwächten Schaffens beschrieben sein! t.

Unser Wille nn- seine Erziehung.

Von Professor Di-. Max Paushofer.

^^ein tierisch ist im Menschen das Begehrungsvermögen, das auch kleine Kinder, Geisteskranke und sonst der ^ Überlegung unfähige Menschen Zu Äußerungen eines Verlangens und zu Handlungen antreiben kann. Zum Wollen wird das, Begehren erst, wenn es sich vereinigt mit dem Nachdenken über die Erreichbarkeit des Begehrten. Weist der prüfende Verstand die Unerreichbarkeit des Begehrten nach, und ist das Begehren dennoch zu stark, um Zu verschwinden, so bleibt es im Menschen als Wunsch.

Der Wunsch ist ein traumhafter schwärmender Begleiter des nüchternen wachen Willens; sein Gegner und sein Freund zugleich.

Er ist sein Gegner, weil er den Menschen erfüllt mit Sehnsucht nach Hohem und Unerreichbarem, statt ihn beständig hinzulenken auf das Erreichbare und ihn in jene Bahnen zu bringen, die zwar zu kleineren, aber wirklichen Erfolgen führen. Der Wunsch erschließt dem Menschen farbenreiche schimmernde Himmel, die aber immer wieder zerfließen; er läßt die Seele fliegen, aber nur um sie stets wieder aufs schmerzlichste fühlen zu lassen, daß dieser Flug Traum und Täuschung war. Der Wille dagegen läßt den Menschen zwar nur schreiten, aber unablässig und nach feststehenden Zielen hin.

Und dennoch ist der Wunsch auch ein starker und spornender Freund des Willens. Denn das, was einmal unerreichbar ist, bleibt es nicht immer; es kann unter anderen Verhältnissen erreichbar werden. Und oft genug hat das im ganzen Un­erreichbare einen oder den anderen erreichbaren Teil. Inden: der Wunsch den Menschen an das Unerreichbare hinanführt, erweitert er ihm da und dort die Grenzen des Erreichbaren. Der Wille ohne Wunsch bleibt zu nüchtern und kühl, um das Größte zu wagen, um den leuchtendsten Zielen zu folgen.

Wünsche brauchen nicht erzogen zu werden. Die erwachsen im Menschen von selbst, als ein Erzeugnis des Begehrungs­vermögens und der Phantasie, aber auch des Nachahmungstriebes. Schön und vornehm sind sie, wenn die Phantasie vor­nehm ist; niedrig und gemein, wenn die Phantasie im Ge­meinen sich bewegt; Alltagsausgeburten, wenn die Phantasie nicht eigenartig ist. Nein, Wünsche brauchen nicht erzogen zu werden. Sie durchgaukeln das Dasein genügend mit der

berückenden Leichtigkeit ihrer Entstehung und den schmerzlichen Enttäuschungen ihres Zerflatterns.

Aber der Wille, dieser besonnene Genosse des Wunsches, kann und soll erzogen werden.

Der Wille an sich ist bloß eine Kraft, die sich entweder tätig und schaffend oder duldend und ausharrend erweisen kann; eine Kraft, die beständig der Überlegung bedarf, um geleitet zu werden, von der Gutes oder Böses ausgehen kann je nach dem Punkt, auf den sie gestellt, und nach dem Wege, auf den sie geleitet wird. Um diese leitende Überlegung aber handelt sich's hier nicht, sondern bloß um die Erziehung der Willenskraft.

Die Ausstattung der einzelnen Menschen mit Willenskraft ist von Hause aus verschieden, um so verschiedener, je höher die Kulturentwicklung. Aus dem Schoße einer und derselben Familie können willensstarke und willensschwache Kinder hervor­gehen. Es ist aber eine Eigenschaft des stärkeren Willens, daß er sich, mit und ohne Überlegung, auf Kosten des schwächeren noch immer weiter stärkt. Der stärkere Wille wird zum Führer und zum Verführer, Zur Stütze und zum Halt des schwächeren; und dadurch gewinnt er immer mehr an Kraft.

Die Erziehung der Willenskraft erfolgt teils durch andere, teils durch denjenigen selbst, um dessen Willenskraft es sich handelt. Die erste Aufgabe der Erziehung der Willenskraft liegt darin, daß dem Menschen ein Urteil beigebracht wird über die Frage, ob seine Willenskraft schwächer oder stärker ist als die derjenigen Menschen, mit denen er zumeist ver­kehrt. Heranwachsenden Kindern bringt schon ihr Instinkt dieses Urteil bei: bei ihren Spielen und Unternehmungen übernimmt der stärkste Wille die Führung; die anderen leisten Gefolgschaft. Häufig genug kommt es dabei vor, daß dem stärkeren Willen des einen die höhere Begabung des anderen gegenübersteht. Dann siegt wohl einmal die höhere Begabung, oder der stärkere Wille folgt ihrem Rat, aber für die Dauer bleibt er der Herr.

Die Erziehung des Willens durch andere bildet einen Teil der Erziehungslehre. Letztere hat sich in der Pädagogik zu einer eigenen, reichen, wissenschaftlichen Disziplin ausgebildet, auf deren Ergebnisse hinsichtlich der Willenserziehung hier nicht