Heft 
(1906) 21
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weiter eingegangen werden kann. Hier soll es sich ja nur um die Frage handeln, ob der Mensch, der der Erziehung durch die Familie und durch die Schule schon entwachsen ist, im­stande sein wird, an der Erziehung seines Willens zu arbeiten; welche Mittel und Richtlehren ihm dafür an die Hand gegeben werden können.

Aus der Erziehung, die er durch die Familie und durch die Schule genossen hat, nimmt der in die Kämpfe des Lebens eingetretene Mensch wohl nur in seltenen Fällen eine klare Einsicht in die Stärke seiner eigenen Willenskraft mit. Dort ist er in einen bestimmten Kreis von Pflichten eingezwängt worden; es wurde mehr Gehorsam als selbsttätige Willenskraft von ihm verlangt; manche Willensanstrengungen werden ihn: auch erspart durch das Bewußtsein, unter fortwährendem Schutze zu stehen. Tritt er aus diesem schützenden Kreise aber hinaus in die Stürme des Lebens, so treten auch ganz andere, neue Anforderungen an ihn heran. Nun gilt es, sich ein Einkommen, Achtung und Geltung im Kreise der Mit­lebenden zu schaffen, seinen Bildungsschatz selbständig zu ver­mehren, geistige und körperliche Fähigkeiten zu entwickeln und zu stählen, geduldig das abzuwarten, was nach vernünftigem Ermessen nicht zu beschleunigen ist, körperliches und seelisches Leid mit Würde zu ertragen und heranschleichenden Ver­suchungen, die auf üble Wege führen könnten, zu widerstehen.

Das Richtige in Hinsicht auf Lebensführung zu erkennen, ist nicht schwer; dazu erhält der Kulturmensch genügende Anweisung, wenigstens in der Regel. Es ist auch nicht schwer, das Richtige zu wollen, sofern dabei keine über­durchschnittlichen Anforderungen an die Willenskraft gestellt werden. Die schweren Aufgaben für die letztere kommen erst, wenn Ungewöhnliches von ihr geleistet oder ertragen werden soll.

Die Selbsterziehung der Willenskraft hierfür muß damit beginnen, daß man die vollständige und treueste Erfüllung der Alltagspflichten und die klaglose und ruhige Erduldung des kleinen alltäglichen Ungemachs als etwas ganz Selbstverständ­liches ansieht; daß man diese Durchschnittsleistungen der Willenskraft geradezu als das mindeste betrachtet, das sie ausüben muß, um nicht einzurosten.

Nur wer dieser Äußerungen seiner Willenskraft völlig sicher ist, kann dann darangehen, ihr größere Aufgaben zu stellen. Aber nur die wenigsten, im Schoße des Wohl­standes gebetteten, mit Gesundheit und Bildung reich aus- geftatteten Menschen sind genötigt, ihrer Willenskraft zu deren Ausbildung künstlich Aufgaben zu suchen. Für die übergroße Mehrheit der Menschen stellen die Gelegenheiten Zur Übung und Erziehung des Willens ganz von selber sich ein. Diese Gelegenheiten lassen sich in drei Gruppen scheiden. Sie bestehen erstens in jenen Berufspslichten, die dem Menschen einen gewissen Rahmen für stärkere oder schwächere Willens­anstrengung lassen; es ist zweitens das kleine und große Mißgeschick des Lebens, das mit mehr oder weniger Ruhe und Würde getragen werden kann, und es sind drittens die Lebensgenüsse, auf die man mit mehr oder weniger Gleichmut und Großherzigkeit verzichten kann.

Von keinem Menschen verlangt das Schicksal eine immer gleiche Anstrengung seiner Willenskraft. Vielmehr lassen sich gerade in Hinsicht auf die Dauer der Willensanstrengung die größten Verschiedenheiten beobachten. Wenn auch die Sitte der Kulturvölker einen Sonntag und neben ihm sechs Werk­tage geschaffen hat: das ist eine Schablone, in die das Leben der breitesten Schichten gepreßt ist. Wer nicht zu den breitesten Schichten gehören, sondern über sie hinauf steigen will, der muß vor allem begreifen, daß sein Leben sich nicht in die gemeinüblichen Vorstellungen von Ruhe und Anstrengung, von Pflicht und Pflichtlosigkeit blindlings einpressen lassen dürfe. Er muß wollen können, auch in solcher Zeit, wo die meisten glauben, daß sie ihren Willen gewohnheitsmäßig nicht anzu­strengen brauchen. Der willensstarke Mensch darf zum Borbilde nie die Ruhe anderer, sondern immer nur die Energie der anderen sich nehmen!

Jene Richtung der Willenserziehung aber, die den einzelnen sich zwingen läßt, über den Kreis seiner vorgeschriebenen Pflichten hinaus tätig zu werden, ist es jedenfalls, die für die Gesamtheit den größten Wert hat.

Die stärksten Feinde der Willenserziehung sind Bequemlich­keit und Gewohnheit. Das Leben bietet mancherlei kleines Ungemach. Letzterem kann man häufig ausweichen; man kann es anderen zum Ertragen aufbürden, wo man es selber tragen sollte; man kann es durch andere von sich abwehren lassen. Wer aber seinen Willen erziehen will, geht diesem Ungemach nicht aus dem Wege, läßt es auch nicht für sich durch andere ertragen oder abwehren, sondern hält ihm stand. Die Methode dafür ist eine andere, je nachdem es sich um ein Ungemach des Körpers, des Gemüts oder des Geistes handelt.

Körperliche Unannehmlichkeiten und Widerwärtigkeiten sind Kälte, Hitze, Nässe, Hunger und Durst, starke Anstrengungen, Mangel an gewohntem Komfort. Solchem Ungemach Trotz zu bieten, ist eine erste Aufgabe aller Willenserziehung; man braucht es gar nicht geflissentlich aufzusuchen. Man soll sich nur durch dieses von nichts abhalten lassen, was man für richtig hält. Daß er körperliche Schmerzen und Krankheiten erdulde, wo er sie durch ärztliche Hilfe von sich abwenden könnte, wird von keinem vernünftigen Menschen verlangt. Denn der Wert des Lebens und einer gesunden Lebensbetätigung steht noch über der Willenserziehung.

Damit die Überwindung körperlichen Ungemachs zu einer anmutigen Tätigkeit gemacht werde, hat die Kultur den Sport erfunden. Er stellt die Willenskraft freiwillig ausgesuchten Schwierigkeiten, Unbequemlichkeiten und Gefahren gegenüber. Richtig begriffen, von törichter Eitelkeit und Vereinseitigung freigehalten, bleibt er ein wertvolles Erziehungsmittel des Willens. Er führt Zur Kraft, zur Verachtung der Bequemlich­keit, zum Wagnis. Menschen, die keinerlei Sport betreiben, altern früh, weil sie den Willen zur dauernden Jugend nicht haben.

Anders kämpft der menschliche Wille gegen jenes Ungemach und jene Stürme, denen das Gemüt ausgesetzt ist. Menschen, die von kleinauf hartes Gemüt und kaltes Blut zun: Erbteil haben, brauchen ihren Willen nicht Zur Widerstandskraft gegen Gemütsregungen zu erziehen. Aber die Leidenschaftlichen, die Heißblütigen, die Menschen mit sehr empfindsaurem Gemüt: die müssen sich immerfort selber befehlen: Beherrsche dich! Be­wahre dir kaltes Blut und sei stark! Und man soll den Ge­mütsbewegungen nicht ängstlich aus dem Wege gehen, sondern sie entgegennehmen, wie sie kommen, und sie so ertragen, wie man sich denken kann, daß der Stärkste sie erträgt. Man muß sich immer sagen können: Ich will der Freude und der Trauer die Türen meines Empfindens auftun; aber weder die eine noch die andere soll mich überwältigen!

Die Erziehung des Willens in dieser Richtung ist nur möglich mit Hilfe jenes betrachtenden Gedankens, der das eigene Schicksal als einen winzigen Bruchteil eines großen Weltenschicksals und das letztere als einen ungeheuren Strom von ewigem Wechsel erfaßt.

Unablässige Gedankenarbeit ist es auch, die allein jene Unbequemlichkeiten besiegt, die sich in unser geistiges Leben drängen wollen. Alles, was wir nicht begreifen, aber begreifen möchten oder sollten, ist eine Unbequemlichkeit, die wir nicht einfach auf der Seite liegen lassen dürfen, sondern überwinden müssen. Wohl gibt es für jeden Erscheinungen und Tatsachen, die er nicht begreifen kann, weil ihn: die zun: Begreifen nötige Kette von Erkenntnissen fehlt. Das aber muß jeder denkende Mensch von sich verlangen, daß er begreifen lerne, was die Mehrheit zu begreifen gelernt hat. Ich will nicht dümmer sein als die anderen! Das ist der oberste Grundsatz, der­ben Menschen zur Denkarbeit erzieht und zu jenen Willens­anstrengungen, die sich an sie heften.

Die Gewohnheit kann eine Helferin, aber auch ein starkes Hindernis bei der Erziehung des Willens sein. Sie ist eine Helferin, indem sie die Willenskraft von unwichtigen alltüg-