Heft 
(1906) 21
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lichen Entschlüssen entlastet und dafür Willenskraft verfügbar macht für wichtigere und ungewöhnliche Entschlüsse. Und sie ist ein Hindernis, wo sie den Menschen so beherrscht, daß sie ihm Willensentschließungen fast völlig erspart. Daher ist's eine wichtige Aufgabe der Willenserziehung, daß man beobachte, ob man im Bann seiner Gewohnheiten lebt oder diese be­herrscht. Die Kleinigkeiten des Lebens der Gewohnheit Zu überlassen, alles Wichtigere aber über die Gewohnheiten Zu stellen und der freien und überlegten Willensentschließung vor­zubehalten: wenn man sich das Zum Grundsätze macht, wird die Gewohnheit zur dienenden Magd des Willens, statt daß er Zu ihrem Sklaven wird.

Die Gewohnheit hängt aber eng zusammen mit dem Be­rufsleben und der gesellschaftlichen Sitte. Die meisten Menschen sind in ihrem Arbeitsleben an bestimmte Regeln und Vor­schriften gebunden; in ihrem Genußleben lassen sie sich von der gesellschaftlichen Sitte leiten; und in dem einen wie in dem anderen ist ihnen die Gelegenheit Zu freien unabhängigen Willensentschließungen abgeschnitten. Um in diesem Bann, den das Zusammenleben der Menschen schafft, die Fähigkeit Zu selbständigen unabhängigen Willens entschließungen nicht zu verlernen: dazu ist das köstlichste Mittel die Flucht in die Einsamkeit. Freiwillig aus dem Tagestreiben sich absondern: nur wer das kann, vermag überhaupt sich selber und auch seinen Willen zu erziehen. Nur zeitweilig braucht es zu ge­schehen. Dann bedeutet es kein ängstliches Zurückweichen vor den Aufgaben des Lebens, sondern ein Besinnen auf sich selbst, auf die eigene Kraft und auf die Richtungen, die man letzterer zu geben hat. Wer immerfort bloß unter Menschen sein will, wer weder sein Arbeitsleben noch sein Genußleben freimachen kann von den Wechselbeziehungen zu anderen, von den An­leitungen, Anregungen und Verlockungen seines gesellschaftlichen

Kreises: der verlernt es mehr und mehr, einen eigenen Willen zu haben; er wird zu einem winzigen Rädchen in einer tausendteiligen ungeheueren Maschinerie.

Es ist eben ein großer Unterschied zwischen den täglich sich wiederholenden und den neuen und eigenartigen Äußerungen der Willenskraft. An die ersteren gewöhnt sich der Wille, wie sich der menschliche Körper an bestimmte Bewegungen gewöhnt. Was die höchsten Anstrengungen der Willenskraft verlangt, das sind jene menschlichen Tätigkeiten, bei denen immer neue ge­waltige Hindernisse sich vor dem zu erreichenden Ziele auf­türmen, und sind die tragischen Schicksale, die ertragen werden müssen.

An die höchsten Anstrengungen der Willenskraft darf man nur denken, wenn man nie vor einer kleinen Anstrengung zurückschreckt, und wenn man es sich zum Grundsatz macht, sich Lebensziele zu wählen, denen große Hindernisse entgegen­stehen, und dabei nicht bloß Nachtreter in den Spuren anderer, sondern selber Pfadfinder und Wegbahner zu sein, keiner Ge­fahr zu weichen. Die Menschen, an deren Willenskraft die stärksten Anforderungen gestellt werden, sind der Soldat im Kampf, der Entdeckungsreisende in fernen, gefahrenreichen Wildnissen und jeder, der, sei es als einfacher Arbeiter, sei es als Erfinder oder als Staatsmann, einmal vor die schwersten, fast unlösbar scheinenden Aufgaben seines Berufes gestellt wird. Sich immer wieder in die Lage solcher Menschen zu denken, als rastlos vorwärts drängender Entdecker und kämpfender Krieger sich fühlen zu können und auch bei den kleineren Auf­gaben des Lebens so kühn, so pflichttreu und so ausdauernd zu sein wie jene in den größten: das schafft und erhält die Energie. Und alle Erziehungskunst der Willenskraft läßt sich schließlich in drei Losungsworten zusammenfassen: Durch­ringen, Durchkämpfen, Durchdulden!

5egelkabrt.

Zcbwari rieben äi'e Vöolken von selten der,

kaut beult äei Zturmwmä, wilä brcmäet äaz Meer.

!n gurgelnäer lieke lauert rlei Toä;

löi'r gleiten äcnüber iin kckwcmkenäen Loot

Mit lckweHeuäeu Regeln, clurcb lckäuinenäen Silckt,

Vorn Zturmwmä getrieben, von löogen uinrilcbt.

löobl klattern äie Möven mit ängltlickeni Zcbre! Kock über äem kauple unz, wamenä, vorbei, löobl äcbren äie Zegel am knarrenäen Malt, löobl baden wir kelter äie Planken erlaßt;

Dock weiter, nur weiter im ralencien üauk,

5o trägt unz äie ZLurmklut binab unä binauk.

llun ltek ick am 8tranäe, auk kellengeltein,

Unä lcbau in äie lckäumenäen löogen binein; kern bebt lick äie Düne aus äämmernäem Srau,

5onlt Uimmel unä löaller, wobin ick auck lckau; keut kubr ick vorüber, vom Zckicklal geleit,

Un äen äonnernäen Morten äer Cwigkeit.

Lertholä Tunke.

Blitz röhren.

Von L>. Berg.

<1^litz und Donner haben von jeher auf den Menschen 1^^) einen gewaltigen Eindruck gemacht, und wenn irgend etwas geeignet ist, in ihm das Gefühl der eigenen Ohnmacht wachzurufen, so ist es diese mächtige Sprache der Natur. Es ist darum begreiflich, daß Griechen, Römer und die alten Germanen auch diese Wahrnehmungen personifizierten und den Blitz eine furchtbare Waffe in der Hand ihrer Götter sein ließen. Jupiter führte seine Kampfrosse gegen seine Feinde und zerschmetterte sie vom Wagen aus mit seinen Blitzen, deren er stets eine Anzahl in Form gezackter Pfeile in der Hand hatte; Thor fuhr auf seinem mit Ziegenböcken bespannten Wagen auf den Wolken und schleuderte den Hammer nach dem Haupte des Gegners. In Mitteldeutschland nennt man

noch heute die SteinbeileDonnerkeile", und in Norddeutsch­land bezeichnet man mit diesem Namen jene merkwürdigen fossilen Überreste tintenfisch ähnlich er Tiere, Belemniten, die sich überall ziemlich häufig finden. Der Glaube, daß der Blitz in der Erde eine körperhafte Spur hinterlasse, ist also sehr alt, weit verbreitet und so tief gewurzelt, daß es oft schwer hält, die falsche Meinung über die Donnerkeile richtigzustellen. Die echten Blitzprodukte, Fulguriten, hingegen sind nur wenig be­kannt und werden nur selten gefunden. Es sind dies röhren­förmige, grobe Glasgebilde, die der Blitz unter gegebenen günstigen Bedingungen durch Schmelzung des Ouarzsandes entstehen läßt, und die von ihrem Entdecker zutreffendBlitz­röhren" genannt sind. Wenn man bedenkt, daß alljährlich