Heft 
(1906) 21
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eine große Anzahl Blitze in die Erde fährt und daß die ein­mal entstandene Röhre fast unvergänglich ist, so sollte man vermuten, daß ein aufmerksamer Naturbeobachter diese inter­essanten Naturprodukte nicht selten anträfe. Allein nicht jeder

Blitz, dessen Ausgleich im Bo­den erfolgt, hiMrläßt eine derartige Spur; nur wenn die Bodenverhältnisse und die vor­aufgegangene Witterung günstig sind, kommt es zur Bildung von Blitzröhren. Zunächst muß ein hoher Prozentsatz von Kiesel­säure im Boden sein, und so­dann begünstigt auch die Trok- kenheit den Schmelzprozeß in hohem Grade. Wahrscheinlich sind Blitzröhren schon im grauen Altertum bekannt gewesen, und Harting geht gewiß nicht fehl, wenn er nach dem Archiv der Freunde der Naturgeschichte in Mecklenburg (Jahrg. 1893, S. 64) vermutet, daß die etru- rischen Blitzbeschwörer sie ge­kannt und in ihnen einen Scheinbeweis für ihre Schwin­deleien hatten. Die älteste sichere Kunde stammt nach der nämlichen Quelle aus dem Jahre 1706, als Pfarrer Her­mann bei Massel in Schlesien eine Blitzröhre ausgrub, sie als Osteocollen" bezeichnte und sagte:Ohnfehlbar ist dieses Gewächs eine Frucht unter­irdischen Feuers, dadurch diese

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Blitzröhre von Niehusen.

Röhre von schmelzendem und fließendem Sande und gewissem glasigen Safte generiert wird/' Im Jahre 1806 wurden sie von einem Landmann Hentzer in der Senne bei Paderborn entdeckt, richtig erkannt und kurz beschrieben. Diese Entdeckung erregte die Aufmerksamkeit der Göttinger Gelehrten Blumenbach und Hausmann, die nun einen Studenten, den späteren vr. Ml. Karl Fiedler, zur wissenschaftlichen Erforschung aufmunterten. Unter Führung des Ökonomen Hentzen fand er in der Senne mehrere Röhren auf, deren Ausgrabung und Beschaffenheit er in den Gilbertschen Annalen der Physik vom Jahre 1617 ausführlich beschrieb. Später gelang es ihm, bei Dresden und an anderen Orten Blitzröhren von ganz beträchtlicher Länge (18 Fuß) auszuheben.

Auch in England stellte man auf Anregung deutscher Gelehrten mit Erfolg Nachforschun­gen an, und wenn man zunächst auch noch nicht die Entstehung unmittelbar nach folgtem Blitzschläge beobachtet hatte, so waren die Blitzröhren doch zweifellos als Ergeb­nisse des Blitzes nachgewiesen. Seitdem sind sie nun an vielen Orten gefunden und aus­gegraben, und manche Stellen haben sich als wahre Blitzwerkstätten aus­gewiesen. Beispielsweise sollen nach Gewiß bei Starczynow in Polen auf einer Sandfläche von 0,77 Magdeburger Morgen 26 Röhren gefunden worden sein. In Mecklenburg hat zuerst Dr. Planeth-Schwerin eine Ausgrabung vorgenommen und den Fulguriten von 3,2 Metern Länge 1879 eingehend beschrieben.

Durch diesen Bericht angeregt, habe ich seit der Zeit eine große Anzahl Blitzschlagstellen untersucht und nunmehr drei Blitzröhren zu-

Blitzröhre von Liessow.

I. Hauptröhre. II. Nebenröhre. III. Querschnitt,

tage fördern können. Die erste fand ich 1892 in der schönen Dünenlandschaft bei Niehusen auf dem Fischlande. In einer muldenförmigen Vertiefung des steinfreien, gräulich - gelben Sandbodens fand sich eine Menge Blitzröhrenfragmente von 1 bis 7 Zentimeter Länge, die auf Pferdehaar gezogen, eine Gesamtlänge von annähernd 1 Meter ergaben.

Hiernach war der Boden zur Zeit des Blitzschlages um 1 Meter höher ge­wesen, nach und nach vom Winde ausgehöhlt, und die einzelnen Stücke waren abgefallen. Leicht war auch der noch in der Erde steckende Rest aufgefunden und in ungefähr 100 Stückchen von zusammen 82 Zenti­metern geborgen. Nach an Ort und Stelle gemachten Aufzeichnungen wurde der Fulgurit nach seiner ur­sprünglichen Form zusammengesetzt und auf einer Samtunterlage photo­graphiert, wie ihn unsere links stehende Abbildung dieser Seite wiedergibt. Die Form der Röhre, deren Lichtweite nicht über 3 Millimeter hinausgeht, ist sehr verschieden; sie erscheint in der Hauptröhre als ein leicht gedreh­tes bandförmiges Gebilde, während der rechts gesehene Seitenast zylin­drisch ist. Die hellgraue Oberfläche ist mit vielen kleinen Höckern und Dornen besetzt und hat mit den vielen gefritteten Sandkörnern mit Sand­papier eine gewisse Ähnlichkeit. Die Jnnenwandungen sind emailglänzend, farblos oder grau und mit dunkelen Flecken gezeichnet, die vom Eisen und anderen zufälligen Gemengteilen des Bodens herrühren einer Tiefe von 1,80 Metern der ursprünglichen Oberfläche trat eine Teilung des Blitzes ein, die die hübsche Gabelung zur Folge hatte. Der linksseitige Arm von 20 Zentimetern Länge ist als die Fortsetzung des Hauptrohres anzusehen und endigte in Form einer geplatzten Blase, während der Seitenast von 18 Zentimetern in einen spitzen Dorn ausläuft.

Unsere untenstehende Abbildung zeigt das obere Ende einer Blitzröhre, die am 5. September 1902 in Liessow bei Laage entstand. Hier traf ein gewaltiger Blitzstrahl mehrere Kiefern der sogenannten Sandkrüger Tannen, und entgegen meinen bisherigen Beobachtungen hatte dieser nicht eine der starken Wurzeln als Leitung angenommen, sondern war vom Stamm in den Sand­boden abgesprungen und hatte hier zwei Röhren von sehr verschiedener Form und Größe erzeugt. In der durch Tannennadeln und Moos gebildeten Humusschicht fanden sich nur winzige Schlacken, die sich in dem feinen, gelben Sande zu einer Haupt- und einer Nebenröhre verdichteten. Letztere war von sehr zarter Beschaffenheit, zylindrischer Form und hellgrauer Farbe. Sie zeigt gleichbleibend 5 Millimeter Durchmesser und erreichte eine Länge von 20 Zentimetern. In geringer Entfernung von dieser fand sich die sehr schöne Hauptröhre mit einen: Durch­messer von 2 bis 3 Zentimetern, die in einer Gesamtlänge von 1,20 Metern geborgen werde:: konnte. Die Ausgrabung gestaltete sich wegen der vielen Wurzeln recht schwierig, aber sie bot dafür auch Gelegenheit zu mancherlei belehrenden Beobachtungen. Zu­erst schien der Blitz von einer sehr starken

Krummendorser Blitzröhre.

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