Heft 
(1906) 24
Seite
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Ich schäm' mir. Oh, Janfredrik, wie schäm' ich mir! Kannst denken, daß sie ein smucke Dern war; ein feine Dern? Aber der flechte Kerl, ihr Mann, hat ihr auch slecht gemacht. Nu is da nix mehr zu hoffen."

Janfredrik hörte nicht. Er grübelte. Die letzte zornige Rede der Frau hatte gleichsam einen Schleier vor seinem Verständnis weggezogen. Tag für Tag in Anspruch genommen, Seele und Leib von der Arbeit für den Tag, hatte er an seine mutmaßlichen Erben überhaupt noch nicht gedacht. Aber wahrhaftig, da lag eine Gefahr für ihn, für Brün auch. Denn auch Janfredrik lebten fremdgewordene Angehörige, die sich der Blutsverwandtschaft wohl entsinnen würden, sobald die Erbschaft in Frage kam.

Brüns Augen standen voll Tränen.Es is zp

swer," klagte er.Ich halt' das vergessen manchmal. Aber es kommt immer wieder. Kein ehrlichen Menschen mag ich ins Gesicht sehen. Diebens un Schelmens sind mein Ver­wandtschaft."

Nee," sagte Janfredrik ernst,so nich. Du Heft en

Bröer du Heft dat sülwst seggt, Brün de is keen Schelm un de stecht hier, mien Bröer Brün."

Er hielt ihm die Hand hin. Brün erfaßte sie mit festem Druck.Mein Bruder Janfredrik."

Es war beiden feierlich zumut, als sprächen sie einen Eid.

Un nu," erklärte Janfredrik entschlossen,nu möt wi dat ännern. De Lumpenkumpanei schall stk hier nich hegen. Dorvör will wi uppassen."

Wie meinst das, Janfredrik?"

Wi willt en Testament maken, Brün. Schüll ik starwen, denn so arwst du den Hof, du un dein Kinners süß keen. Schrillst du toierst starwen, denn so arw' ik." Und da Brün nicht gleich antwortete, fragte er:Oder meenst du dat doch anners?"

Nein," sagte Brün rasch,das is ganz gut, was du sagst. Das ist sehr gut. Alles, was du sagst, is gut. Mit mein Swester is's vorbei. Das heut war das Letzte. Nu Hab' ich man. bloß noch dir, mein Bruder Janfredrik."

Gleich am Nachmittag gingen sie zum Schullehrer. Der war der Berater der Schmalenbeeker in geistigen wie leiblichen Nöten. Er hatte aber viel Mühe, die Meinung der beiden herauszubekommen, denn in bäuerischer Verschlossenheit hielten sie auch gegen ihn zurück. Nachdem er zu Papier gebracht hatte, worauf es ankam, gab er ihnen die Adresse eines Notars in Bremen, durch den sie bei ihrer nächsten Fahrt ihrem Willen gesetzlich Form geben lassen konnten.

Janfredrik bestimmte, daß sie gleich morgen mit Menne Ehlers fahren wollten. Er sprach zu Brün von dem Fischer- huder Torfschiff, das in Bremen im Hafen lag. Man konnte sich's bei dieser Gelegenheit ansehen.

Als nun Janfredrik links von der Schule nach seinem Hof einbiegen wollte, strebte Brün nach rechts, wo des Vor­stehers Haus lag.Was meinst, Janfredrik, sollen wir nich ein Büschen zu Kort Ehlers gehen, weil daß wir dicht bei sein Haus sind?"

Aber Janfredrik dachte an seine Begegnung mit Alheid in der Kirche.Ik gah to Huus," sagte er kurz.

Da ging Brün mit ihm. Doch eine seltsame Unrast blieb in dem Jüngeren. Er wanderte vom Flett in die Stube und von der Stube auf die Diele. Und endlich nahm er seinen Hut vom Nagel.Ich will zusehen, daß ich ein Hasen krieg'. Da ist noch Masse Licht zum Schießen."

Alle Schmalenbeeker Burschen hatten Jagdgewehre irgend­wo im Moor versteckt. Die Bremer Jagdherren waren weit. Und in keines Moorbauern Schädel ging es ein, warum die Hasen, die von ihrem Kohl fett wurden, nicht in ihrem Kochtopf enden sollten.

Janfredrik holte die Bibel aus dem Eckschrank, setzte sich vor das Fenster der kleinen Stube. Er dachte jetzt nicht mehr an Margret Swensen. Er dachte wieder nur an das eine, das sein Herz mit schauderndem Staunen erfüllte, die Macht

des Weibes im Leben des Mannes. Die Bibel, die über alle menschlichen Verhältnisse Bescheid wußte, sollte ihm von diesen: erzählen.

Da war gleich zu Anfang Eva, die Adam vermochte, den Apfel zu essen, und dadurch die Menschheit um das Paradies brachte. Da war Delilah, deren Reiz den ge­waltigen Simson unterwarf. Auch Judith, die Retterin ihres-Volkes, wurde das Verderben des Mannes, der sie geliebt hatte.

Janfredrik fuhr sich durch das Haar. Die Stirn wurde ihm feucht und das Herz beklommen. Mußte die Macht des Weibes denn immer verderblich sein? Aber das Weib war lieblich anzusehen. Ausdrücklich hatte Gott es geschaffen, daß es ein Wohlgefallen dem Manne sei, und dem Manne dies Wohlgefallen in alle Sinne gelegt. So konnte es nicht nur verderblich sein. Oder gibt es Weib und Weib, die Segen spenderin und die Verderberin?

Er suchte nach einer anderen Stelle, einer Stelle, da von einem guten Weibe die Rede war, einem segenspendenden, und traf auf die Sprüche Salomonis.

Wem ein tugendsam Weib beschert ist, die ist viel löst licher als die köstlichen Perlen. Ihres Mannes Herz darf sich auf sie verlassen, und Nahrung wird ihm nicht mangeln. Sie tut ihm Liebes und kein Leides sein Lebenlang."

Während er las, verblich vor seinen Augen das Bild der schönen Sophee. Das war Alheid, die Frau, die da trachtet nach einem Acker und kauft ihn, und pflanzet einen Weinberg von den Früchten ihrer Hände, die den Leib kleidet in selbst bereitetes Gewand und schmückt ihrem Gatten das Haus - Alheid, Alheid, in jedem Zug!

Mit der flachen Hand schlug er auf das Buch im Eifer der Erkenntnis. Nicht die mit unbegreiflicher Schönheit sich in die Sinne schmeichelt, ein Weib, das den Herrn fürchtet, soll man loben.

Da bewegte sich leise der offene Fensterflügel. Ein Regen von violetten Herbstzeitlosen ergoß sich über Janfredriks Haar, sein Gesicht, die aufgeschlagene Bibel. Ein Lachen, weich wie Taubengirren, schlug an sein Ohr. Und da er die Blumen abschüttelnd, mühsam die Augen öffnete, sah er eine Sekunde lang das reizende Gesicht, das zu vergessen er rang, lachend, schelmisch, Grübchen in den Wangen, die Augen funkelnd in Lebensfreude. Sie wandte sich ab, flog den Pfad zur Brücke, wirklich ein Fliegen. So leicht hatte vor ihr hier kein Frauen­fuß den Grund berührt.

Sophee!" schrie er,Sophee!"

Schon deckten die goldenen Birkenzweige ihr schwarzes Ge­wand, ihr flatterndes Haar, das goldiger glänzte als die goldigen Blätter.

Janfredrik fegte die Blumen vom Fensterbrett. Er war braunrot im Gesicht geworden. Nur langsam erstarb die ge waltige Erregung, die wie ein Feuerstrom ihm durch den Leib gerieselt war, ihm den Willen zerbrechend. Knirschend ergab er sich. Nie, so lange Sophee in Schmalenbeek blieb, würde er um Alheid werben! Dies mußte ausrasen. Er konnte es nicht zügeln und leiten, wie er bisher sein Leben gezügelt und geleitet hatte nach seinem herrischen Willen.

Er atmete auf, als er jetzt Brün vom Moor Herkommen sah. Seine schlanke Gestalt federte im Schreiten, und das treuherzige Gesicht schaute so hell, als Hütte das Glück es ge grüßt. Nie war Brün Janfredrik so hübsch erschienen. Nie hatte er für ihn solch ein Gefühl von Zärtlichkeit empfunden, wie es ihn jetzt vom Kopf bis Zu den Füßen mit Wärme er­füllte. Nichts konnte ganz schlimm werden, so lange er den hatte, dachte er.

Da fiel sein Blick auf Brüns Knopfloch. Eine Blume steckte drin, eine verspätete Heidekrautblüte, eine weiße Heidekrautblüte.

Ein kalter Schreck packte Janfredrik. Weiße Heide, das ist der Tod!Smiet dat weg!" sagte er heftig, und unwill­kürlich streckte er die Hand nach der Blume aus.

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