498
Außer sich, fuhr Alheid empor. „Das lügst. Das kannst nich machen. Aber, wenn du das könntest — wenn ich glauben müßte, er kommt, weil du ihn das geheißen hast — viel lieber wollt' ich ihn in mein Leben nich Wiedersehen! Ja, viel lieber keinen Mann als einen, den ich dir verdankte! Dir!"
„Wie du willst."
Ein böser Ausdruck trat in Sophees Gesicht. Sie spannte den Schirm auf, ging langsam den Acker entlang. Und während ihre biegsame Gestalt, sich entfernend, schwarz vor dem glühenden Westhimmel stand, begann sie leise ein Lied Zu singen. Die kartoffelhackenden Knechte stützten ihre Hände auf den Spaten und horchten. Alheid wandte den Kopf ab. Niemand hörte ihr leises Schluchzen. (Fortsetzung folgt.)
—-L-L»-
Henrik Ibsen.
Von Äans Ferd. Gerhard.
er Flieder blühte, und der Goldregen leuchtete, und der Weißdorn streute seine letzten schimmernden Blüten über die Wege. Alle Natur jubelte auf in jauchzender Lebensfülle. Da ging dort droben im Norden, am Christianiafjord, inmitten all dieser blühenden, leuchtenden, schimmernden Wunder ein müder Mann und ein großer Dichter zur letzten Ruhe: Henrik Ibsen. Am 23. Mai schloß der 78 jährige für immer die einst so kampflustig blitzenden Augen. Und das ganze Volk der Norweger und sein junges Königspaar traten in tiefer, tiefer Trauer an seine Bahre. Aber auch wir Deutschen legten Blumen in reicher, duftiger Fülle an ihr nieder. Denn Henrik Ibsen gehörte und gehört auch zu uns. Unter uns — in Dresden und München — hat er viele Jahre gelebt und geschaffen. Für uns so gut
wie für seine Heimatgenossen, in deutscher Sprache so früh wie in der norwegischen, hat er die besten seiner Dramen der Öffentlichkeit übergeben. Bei uns hat er seine stolzesten Triumphe gefeiert. Unter uns sind die Lehren seiner neuen großen Kunst ebenso lebendig wie in seiner nordischen Heimat. Ja, auch uns, gerade auch uns ist Henrik Ibsen gestorben. —
Und was war nun sein Leben? Sollt' ich seinen gewaltigen Inhalt in ein einziges Wort Zusammenpressen, so würd' ich sagen: Sein ganzes Leben war Kampf. Die wenigen Jahre seiner ersten Kindheit, die er in Stockmanns Gaard, dem Patrizierhaus des kleinen Hafenstädtchens Skien, verlebte, und die letzten trüben Jahre, da sein Geist dem Tode entgegendämmerte: sie waren wohl die einzigen, die der Hauch der Stille und des Friedens umwehte. Schon mit acht Jahren trat er in eine Welt der Unrast und des Kampfes. Sein Vater, der Kaufmann Knud Ibsen, geriet in geschäftliche Bedrängnis und mußte mit seiner Familie auf den nahen Bauernhof Benstöb übersiedeln, wo Entbehrung und Sorge mehr als einmal an die Tür pochten. Und als Henrik herangewachsen war, da durfte er nicht seinem Herzenswunsch folgen und Maler werden. Da hieß es, selbst die Studien aufgeben und schnell zu Brot und Stellung kommen. Er trat, grollend über sein bitteres Schicksal, als Lehrling in die Apotheke zu Grimstad.
Aber er ergab sich nicht. Da der Tag ihm und seinem feurigen Vorwärtsstreben nicht gehören sollte, so flüchtete er sich mit seiner Sehnsucht in die Nacht. Und er studierte in emsiger, unablässiger Arbeit, um sich die Berechtigung zum Besuch der Universität, zum ärztlichen Beruf, Zu einer freieren Existenz zu erringen. Da kamen die Sturmjahre 1848 und 49 und pflanzten ihre Ideen in die Seele des Zwanzigjährigen. Und aus ihnen entsprang seine erste dramatische Dichtung „Catilina". Kampf gegen die Fesseln des Staates war ihre Losung. Kampf brachte sie auch für den jungen Poeten. Sie veranlaßt ihn, seinen stillen Beruf aufzugeben und in eine „Studentenfabrik" in Christiania einzutreten. Sie brachte ihm bei der Veröffentlichung im Jahre 1850 wohl den Beifall der Kommilitonen, aber zugleich auch herbe Urteile der zünftigen Kritik. Sie drängte ihn für kurze Zeit in die kümpfereiche Laufbahn des Politikers und Journalisten und alsbald in die des Regisseurs und Theaterdichters.
In Bergen hat er als solcher sechs Jahre gewirkt und geschaffen. Winter für Winter mußte er ein Drama für seine Bühne schreiben. Der Romantiker und der Historiendichter vertiefte sich damals in Stoffe aus der norwegischen Sage und Geschichte und schmückte diese in balladenhafter Weise aus oder tauchte sie in lyrische Stimmung.
Dann Zog ihn wieder die Hauptstadt in ihren Bann. Er ward 1857 als artistischer Leiter des norwegischen Theaters nach Christiania berufen. Jetzt warf das junge Eheglück mit Susanna Thoresen wärmende Strahlen auf sein Schaffen. Gleichzeitig aber steuerte der junge Feuerkopf sein Lebensschifflein aufs neue in die wildeste Brandung hinaus. Es galt den Kampf um das Recht der heimischen Dichtung auf der norwegischen Bühne, die damals noch so gut wie ganz von dänischer Dramatik und dänischen Schauspielern beherrscht war. Ibsen focht in diesem Kampf, der sich nach einem Jahrzehnt siegreich für den jungen Sturm und Drang entschied, in vorderster Linie. Und Hohn und Verleumdung waren der Dank, mit dem ihm die Gegenpartei lohnte. Sein Drama „Nordische Heerfahrt", in dem er die Siegfried- und Brünhildensage ver
menschlichte, ward in den Streit hineingezogen und von den Gegnern immer wieder als künstlerisches Unding verspottet.
Und andere Kämpfe folgten. Die „Norwegische Gesellschaft", die er zum Schutz der heimatlichen Kunst gründete, verließ er angewidert, da sie sich von den Politikern ins Schlepptau
nehmen ließ. Das Norwegische Theater machte bankrott, und er mußte als Dramaturg an das Christianiatheater flüchten. Sein Antrag auf eine staatliche Pension, wie sie in Ibsens Heimat noch heute an anerkannte Schriftsteller vergeben wird, ward unter verletzenden Äußerungen abgelehnt. Als er seine „Komödie der Liebe" herausgegeben hatte, ward er von der Christianiaer Gesellschaft in Acht und Bann getan, weil er in seinem Stück angeblich die Geistlichkeit „auf die Bühne gezerrt" hatte. Für sein großes historisches Schauspiel
„Die Kronprätendenten", in dem er in so genialer Weise den geborenen König im Kampf mit dem Halbtalent
und der Hinterlist schildert, fand er nicht die erwartete
Anerkennung.
Kamps, erbitterter Kampf überall. Und fast überall auch Übelwollen, Verleumdung, Mißachtung und schwere Ent
täuschung. Henrik Ibsen liebte sein Vaterland, wie nur ein Sohn seine Mutter lieben kann. Aber er ward ihm gram darüber, daß es Wege wandelte, die ihm zuwider waren, und daß es die Mahnungen .seiner überschäumenden Liebe mit rauher Hand zurückstieß. Der Fanatiker in ihm hatte den Bogen zu sehr gespannt, er mußte zerbrechen. In der freiwilligen Verbannung, inmitten der Schönheit Roms, hat es Ibsen mit tiefem Schmerz erkannt. Und er hat dort sein
großes, gewaltiges Drama „Brand" gedichtet und dahinein
all seine tiefe Sehnsucht ausgeströmt. Er selbst ist jener Pastor Brand, dessen Grundsatz „Alles oder Nichts" ihn wohl zu außergewöhnlichen Taten fortreißt und ihn zu heroischer Größe führt, ihm aber auch sein Liebstes raubt und ihn in die Eiswüste des Lebens davontreibt. Er selbst ist dieser harte Willensmensch, dieser Fanatiker der Wahrheit und des Fortschritts, der sich eine größere, freiere Kirche errichten