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Bis ins innerste Mark erschüttert blieb Janfredrik zurück. Dieser Morgen war ein Bruch mit seiner Vergangenheit, und auch seine Zukunft hatte er umgeworfen. Mitten in dem Jubel, der in ihm raste, war er sich dessen voll bewußt. Aber nur höher bewertete er sein Glück um des Preises willen, den er dafür zahlte.
Dat mutt nu gähn as Gott will. Bet hüt hebb ik jo nich wußt, wat Glück vör'n Ding is, dachte er.
Nun war das Glück über ihn gekommen, gewaltig wie ein Bergsturz. Seine Brust schien ihm zu eng, es zu fassen, sein Hirn zu schwerfällig, es Zu begreifen. Es machte ihn wirr, töricht. Es nahm ihm jeden Gedanken, jede Überlegung. Nur empfinden konnte er mit dem Übermaß seiner Unver- brauchtheit. Wie kräftig er sein Lebenlang Arme und Verstand gerührt, nichts wußte er bisher von der Liebe des Mannes zum Weibe. Nun schoß sie in ihm auf mit der Üppigkeit der ersten Ernten auf dem jungfräulichen Moorboden.
Er merkte es nicht, daß Brün in leichter Verstimmung heimkehrte. Kaum hatte er sein Mittagsessen hinuntergeschlungen, so nahm er seinen Hut, stürmte ins Freie. Zu eng die Wohnung, um sie mit einem Zweiten zu teilen, zu niedrig jedes Dach, zu nah jede Mauer für das Gewaltige in ihm. Ins grenzenlose Moor rannte er. Wo die Erde sich unabsehbar ausstreckte, bis sie mit dem Himmel verschwamm, warf er sich ins Kraut.
Immer sah er Sophee, fühlte ihre Lippen, ihr Haar, das ihn umfloß, ihre Gestalt an seiner Brust. Er konnte keinen klaren Gedanken fassen. Nur das dumpfe Wissen war in ihm, daß, was er heut erlebt hatte, das Kostbarste, Wertvollste seines Lebens war, und ein starrer Wille, dies Höchste festzuhalten, sei's um den Preis seines Bluts, seines Atems. Denn seltsamerweise mischte sich in seinen Jubel eine tolle Angst, sein Glück könne ihm entschwinden, plötzlich, rätselhaft.
Stundenlang lag er so. Schon hing die Sonne als blutrote Kugel am Moorrand, bereit, hinter einer schwarzen Wolkenwand zur Ruhe zu gehen. Da lockerte sich die Überspannung seiner Gefühle. Langsam stand er auf, fuhr sich durchs Haar. Die Glieder waren ihm schwer, auch im Hirn fühlte er eine gewisse Nüchternheit und Traurigkeit.
Schwerfällig stapfte er durch das weglose Moor. Er hatte sich weit von Haus verirrt. Die Heidekrautbüsche federten unter seinen Füßen. Der Abendwind durchfröstelte ihn. Eingebettet in das Buschwerk ihrer Obstbäume, Eichen und Tannen lagen die Gehöfte. In den kalten Osthimmel schnitten schwarz die Pferdeköpfe ihrer Giebel.
Plötzlich blieb er erschrocken stehen. Vom roten Abendglast angestrahlt, stand am Ziehbrunnen ihres väterlichen Hauses Alheid.
Der Anblick weckte in ihm die Welt, die er seit Stunden vergessen hatte, die früher seine Welt gewesen war. Er begriff wieder: es gab noch etwas auf Erden außer Sophee und ihm. Die dort stand, genau so wie vor drei Jahren, hatte ein Recht an ihn, mindestens ein Recht auf Ehrlichkeit. Er ging ohne Besinnen auf Alheid zu.
Ihr blasses Gesicht hatte sich bei seinem Anblick gerötet. Er kam! Endlich kam er wieder. Nicht zur Vordertür ins Haus hinein, wo die lustigen Burschen saßen und Sophee — er kam durch den Garten zu ihr. Wie sie ihn kannte, wußte sie, daß diese Wiederkehr Bedeutung hatte. Sie stützte die Hand auf den Brunnenrand. Die Hoffnung nach wochenlangem Verzagen machte sie schwach.
Er nahm den Hut ab zum Gruß.
„Dat's got, dat ick di hier andrapen doh, Alheid, sihr got."
„Jo," sagte sie, nahm den Zipfel ihrer Schürze in die Hand und wartete.
Ihm aber wurde die Fortsetzung schwer. Vor Angst begann er hochdeutsch zu sprechen. „Weißt woll noch, wie ich dich hier zuerst gesehn Hab'? Das sind nu all drei Jahr her. Un von den Tag an sind wir immer gute Freunde gewesen."
Alheid nahm langsam die Hand von: Brunnenrand, langsam hob sie die Augen zu ihn: auf.
„Ja, Janfredrik, was mich angeht, das darf ich vor Gott sagen, da is nich in Schmalenbeek und nirgends in der Welt ein Mensch, der das treuer mit dich meint als ich."
„Alheid, das is gewiß wahr, ich Hab' das auch immer gut mit dich im Sinn gehabt, ja, un noch in diesem Augenblick — Alheid, willst mich geduldig zuhören?"
Die Oualen der letzten Wochen, die Eifersucht auf Sophee hatten Alheids schwer regsame Seele aufgerüttelt. Ihr Gefühl fand plötzlich eine Zunge.
„Da sind nich viel Ding, die eine sittsame Dirn erlaubt sind un die ich nich für dich tun würd', Janfredrik."
„Von den Tag an, wo du mir hier hast trinken lassen," hob Janfredrik an, sich kopfüber in sein schweres Bekenntnis stürzend, „Hab' ich mir eingebildet, du müßtest mein Frau werden."
Sie wandte halb den Kopf zu ihn:. Ein Lächeln trat auf ihre blassen Lippen, lieblich in dem herben Gesicht, wie der Sonnenstrahl, der das schwarze Moor beleuchtet. Der Mann kehrte sich ab. Er wollte die Hoffnung, die Liebe in diesen Augen nicht sehen. Sich überstürzend fuhr er fort:
„Aber wir Menschens sind nich, was wir sein wollen, wir sind, was wir sein müssen. Ich Hab' da kein Schuld an, Alheid."
Der Freudenglanz wich von ihrem Gesicht. „An was?"
Er ergriff ihre Hand, drückte sie in seinem Schmerz. „Dern! — Dern! ik wull, ik künn di seggen, wo leiw du mi hüt noch büst! Ik wull, ik künn di't wiesen. Un doch . . ."
„Un doch?" Es war Alheid, als hörte das Herz in ihrer Brust auf zu schlagen.
„Ich bin man ein einfachen Kerl, Alheid. Meiner Tag Hab' ich nix gekannt als Ackern un Pflügen. Ich Hab das ja nich gewußt, daß ein Menschenherz von heut auf morgen aufblühen kann, wie die dunkle Heide über Nacht aufflammen tut. Ich Hab' dich nich betrügen wollen, Alheid."
Da sanken Alheids Arme herab, sie schien schlanker, dünner zu werden.
„Ich weiß nich, ob ich dir versteh."
„Alheid!" Der Schweiß perlte ihm auf der Stirn in einem Schmerz, über dessen Heftigkeit er selbst staunte. „Ich muß dir das sagen. Als ein ehrlicher Kerl muß ich dir das sagen, damit daß du nich vielleicht um dein Glück kommst. Dein Freund bleib ich, so lang' wie ich leb' — aber heiraten — heiraten können wir zwei uns nich."
Das Abendrot war von ihr und der Welt weggeschmolzen. Im kalten Widerschein des Himmels erschien ihr Gesicht trotz seines Sonnenbrandes weiß. Ganz reglos stand sie. Ein leises Zittern ging durch ihre stille Gestalt. Und plötzlich, ohne daß sich ein Zug im Gesicht veränderte, rannen ein paar Tränen unter den gesenkten Lidern hervor.
„Alheid!"
Sie wehrte ihm mit einer kaum merklichen Bewegung, deren Hoheit ihn erschütterte. „Das is gut, daß du mich das sagst, Janfredrik — nich weil ich sonst um mein Glück kommen könnte. Da bin ich all um gekommen. Mein Herz wandelt sich nich über Nacht. Ich schäm' mich auch nich, dir das zu sagen. Nu nich mehr. Das Schämen is für glückliche Menstben." Sie hob den Kopf. - „Janfredrik, das ein mußt' mir noch sagen. Das bist mir schuldig. Hab' ich, ich selbst irgend was getan, was dein Herz von mir abwendig gemacht hat?"
„Nee, nee, Alheid. Wie kannst glauben..."
„Dann is das..."
„Frag' mich nich. Das is wie so'n Sturmwind über mich gekommen. Ich kann da nich gegen an. Ich kann nich, kann nich."
„Ja," sagte sie und nickte, „nu weiß ich schon. Ein andere. Die ..."
Sie bückte sich, nahm die Eimer auf. Wenn er ihr das antun konnte um der Schlechten, Falschen willen — Schande und Schmach jeder Augenblick, den sie ihm länger gönnte!