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Bergwind eiskalt herfuhr über die Schneefelder — immer trug der Weißbacher das Hemd an der Brust weit offen. Freilich, was ein richtiger Pelz ist, der kühlt in der Hitze und wärmt in der Kälte! So was Ähnliches sagte der Weißbacher einmal. Und fügte die philosophische Bemerkung bei: „Drum san d' Viecher, dö in der Wildnus leben müassen, alle haaret. Und gsund! Unser Herrgott woaß scho, was u tuat."
Über den Jäger, der im pgsundeiü Weißbacher steckte, konnte ich mich eigentlich nicht beschweren. Er war verläßlich, revierkundig, hatte immer den richtigen Einfall, wenn es zu handeln galt, und brachte mich in drei Tagen auf zwei gute Gemsböcke zu Schuß. Aber es war für mich nicht die rechte Freude dabei. Bei der Jagd fehlte dem Weißbacher jenes heiß aufbrennende Feuer, das ich liebe -— und daheim in der Jagdhütte verstand er sich nicht auf dieses frohe, schwatzlustige Aufwärmen, das alles Erlebte neu lebendig und noch schöner macht. Wenn er nicht Anlaß hatte, von seinen: Haus, von seinem Hannerl und von seinem Hansei zu reden, saß er still und gähnend hinter dein Kochherd, ließ immer wieder sein Pfeiflein kalt werden oder schlief im Sitzen ein und fing zu schnarchen an. Diese gleichmütige Jägerart, die sich durch keine Hoffnung befeuern und durch keinen Mißerfolg vergrämen ließ, verdarb mir das Vergnügen und legte sich wie trockener Staub auf meine grüne Freude. Das heißt, der Weißbacher ließ sich schon vergrämen durch den Mißerfolg und durch die Hoffnung auf einen glücklichen Schuß meiner Büchse in Glut bringen. Aber das hatte nichts mit den: Jäger zu tun — das hatte nur eine Beziehung zum Hannerl, zum Hansei und zu den: blumenfreundlichen Haus. Denn als wir zwei weitere Tage gepirscht hatten, ohne den dritten Bock auf die Decke Zu bringen, fing der Weißbacher am Morgen beim Ausmarsch unter den funkelnden Sternen wie ein Wilder zu fluchen an: „Hirni Kreiz Teifi Sakrament überanander! Heut muaß ebbes her! Heut muaß i an Bock abitragen!" Auf den Bock kam es ihm dabei nicht an, nur auf das ,Abitragenß auf das Stündchen, das er daheim verbringen konnte bei seiner ganzen Freud.
An diesen: Pirschmorgen leistete der Weißbacher als Jäger wahrhaft Übermenschliches. Der Wind flackerte nach allen Richtungen, und jede Mühe schien aussichtslos. Aber der Weißbacher ging Wege, wie sie noch nie ein Jäger gegangen, und arbeitete mit dem Instinkt eines hungrigen Raubtiers, das alle Schliche zu nutzen versteht. Er brachte mich auf einen Gemsbock zu Schuß, der unerreichbar schien. Aber die Wege, die wir gegangen, hatten mich erschöpft — und ich fehlte. Und sah nicht dem davonsausenden Bock nach, sondern guckte erschrocken den Weißbacher an. Der nahm den Hut ab, fuhr sich mit dem Ärmel über die schweißbetropfte Stirn und sah über die Felswand in die Tiefe hinunter —- wie aus den Untergang einer schönen Stadt und auf den Tod von tausend Menschen. Und sagte: „Ja, Herr! So geht's zua in der Welt!" Dann sprach er kein Wort mehr, auf dem ganzen Heimweg keine Silbe.
Dieses enttäuschte Herz in seiner lechzenden Sehnsucht weckte mein Erbarmen. Ich schrieb in der Jagdhütte eine Postkarte und gab sie dem Weißbacher: „Da, Mickei, trag sie hinunter!" Alles graue Unwetter seiner Seele war jäh verwandelt in lachende Sonne. Flink wie ein Wiesel sprang der lange Mensch davon. In seiner Freude mußte er auf den: Wege jauchzen und jodeln. Ich hörte dieses glückselige Gedudel noch immer, als der Weißbacher schon längst verschwunden war.
Den Tag verschlief ich in der Hütte und erwachte erst, als der schöne Abend dämmerte. Der Weißbacher war noch immer nicht da. Ich kochte. Dann setzte ich mich auf die Türschwelle und blickte träumend in den Glanz des Abends. Weil eine langgestreckte Felswand vor dem Dämmerblau des Himmels so buttergoldig wurde, fiel mir der Pfannkuchen ein, und ich mußte lachen. Wie das eigentümlich klang: dieses einsame Lachen in dieser ernsten, lautlosen, leuchtenden Stille!
Kein Windhauch mehr. Keine Tierstimme. Nirgends der Klang eines rieselnden Wassers. Nur Schweigen und schöne Farben um mich her. Und der Herdrauch, der sich langsam über das Dach herunterkräuselte, verdünnte sich rings um die Hütte zu einem feinen, himmelblauen Schleier, der alle Bilder des Abends noch farbiger machte und das gelbe Feuer der Felszinnen in grünliches, geisterhaftes Leuchten verwandelte.
Manchmal, als aller Glanz schon zu ergrauen anfing, kam ein zartes, kaum noch vernehmliches Tönen aus der Tiefe herauf. Ich dachte einmal, ob das nicht die Freude des Mickei Weißbacher wäre. Doch es kam von den Viehglocken der großen Alm, die hinter einem langen Waldstreif dort unten lag. Auf unseren Pirschgängen waren wir nie zu dieser Alm gekommen. Aber von den Graten aus, über die wir hingestiegen, hatte ich das weitgedehnte Weidefeld mit den dreiundzwanzig Sennhütten oft gesehen. Bon diesen Hütten kan: das feine, Zärtliche Klingen heraufgeschwommen durch die Stille der versinkenden Abendglut.
Und dann die kühl atmende Nacht, mit den schwarzen Mauern der Berge vor dem stahlblauen Himmel. Die großen Sterne funkelten so feurig, als wäre in jedem dieser fernen Weltenbürger die ganze Freude des Mickei brennend worden.
Jenes leise Tönen war nicht mehr Zu hören. Doch etwas anderes vernahm ich. Immer wieder. Weit aus der Ferne. Ein ganz merkwürdiges Geräusch — ähnlich den: Geplätscher, das ein Guß Wasser macht, der auf Steinplatten geschüttet wird. Ich konnte nur dieses Geräusch nicht erklären. Und grübelte immer.
Plötzlich stand in der Finsternis der Weißbacher vor mir, ohne daß ich ihn hatte kommen hören. „Vergeltsgott, Herr Dokter!" sagte er, mit einer frohen Wärme in der Stimme.
„Du! Mickei! Horch einmal!"
Er lauschte in die Nacht hinaus. Und jetzt hörte marüs wieder, dieses Merkwürdige.
„Was ist denn das?"
Der Weißbacher lachte. „Auf der Kermadenalm, da tean s' heut lampelspritzen."
Ich verstand nicht, was er meinte. „Lampelspritzen? Was ist denn das?"
Erst trug der Weißbacher sein Zeug in die Hütte. Dann erklärte er mir die Sache.
Morgen wäre ein hoher Feiertag drunten im Hof. Und es wäre seit alten Zeiten so Sitte, daß die dreiundzwanzig Sennerinnen der Kermadenalm am Morgen dieses Feiertages den Pfarrer mit einem lebensgroßen, ganz aus Butter zusammengekneteten Lamm beschenken, dem das gelockte Fell, wenn der Körper aus den: Groben geformt wäre, mit feinen Butterfäden aufgespritzt würde. Jede von den dreiundzwanzig Sennerinnen hätte für dieses Kunstwerk einen Ballen Butter Zu spenden. In der zu höchst gelegenen Almhütte, bei der alten Resl vom ledigen Hof, kämen am Vorabend des Festes alle die Sennerinnen zusammen. Da würde dann das Kunstwerk geschaffen. Und die alte Resl mit ihrer Tochter, das wären zwei rassige Weiberleute, die das Maulwerk auf dem rechten Fleck hätten. Drum ginge es dein: Lampelspritzen gar lustig und übermütig Zu. Und was ich da in der stillen Nacht vernommen hätte, dieses merkwürdige, mir unerklärliche Geräusch — das wäre das Gelächter und Geschrei der dreiundzwanzig Sennerinnen.
„Mickei! Da muß ich hinunter! Das muß ich sehen!"
Der Weißbacher schien von meinem Wunsch nicht sonderlich erbaut und schüttelte bedenklich den Kopf. „Dö lassen uns net eini in d' Hütten."
„Das wirst du schon fertig bringen. Heut Hab ich dir eine Freud gemacht, jetzt mach du mir eine! Das will ich sehen. Also, vorwärts!"
„Herr Dokter, Herr Dokter, dö Sach geht schiaf aus! Es is net der Brauch, daß beim Lampelspritzen Mannsbilder derbei san! Und die alte Resl und ihr Madl, dö zwoa san scho die richtigen! Und bal amal d' Weiberleut in der