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Die Mondsichel hing tief am Himmel. Die Sterne glitzerten. Die Nachtkühle legte sich den Aufgeregten feucht um die heißen Stirnen, wob um Janfredriks überschäumendes Empfinden etwas wie eine dünne Eiskruste, die es gesammelt hielt. Aber in Brün kam eine weinerliche Empfindsamkeit zum Überfließen. Alles rührte ihn: daß die Mondsichel leuchtete, daß der Hafen einsam lag, daß die „Luise" nun endgültig ihr Eigentum war, daß er seiner Schwester Kinder enterbt hatte. Bor allein rührte ihn Janfredrik. Hätte er sich's nur getraut, er würde ihm jetzt um den Hals gefallen sein und ihm laut schreiend gedankt haben für seine große Güte, die ihn, den armen Knecht, zu einem Bauern gemacht hatte, zu einem Mann, der das Mädchen, das er liebte, heiraten konnte.
Und vor diesem Menschen hatte er ein Geheimnis! Sein Höchstes, sein Feierlichstes verbarg er vor ihm! Das war schändlich! Ein Schluchzen überkam Brün über seine Schlechtigkeit. Seine Tränen tropften auf das Ruder, mit dem er sich und die „Luise" aus dem Hafen und unter der Brücke weg in den Kanal stocherte.
„Jung," sagte Janfredrik, „du Heft to veel Grog kregen."
Brün schüttelte den Kopf, daß er seine Tränen wie Perlen umherstreute. „Nee, Janfredrik, das is nich dem Grog. Das is gans was anderes."
Nur mühsam kamen sie vom Fleck. Es wehte kein Wind, so daß sie das Segel nicht hatten setzen können, und Brün handhabte das Ruder schwerfällig und unregelmäßig. Jan
fredrik, träg vom Trunk, fühlte keine Lust, auf den Leinpfad Zu steigen und den schweren Kahn an der Kette aufwärts zu ziehen. Er schlug die beiden Türen der Koje zurück. „Maak dat Boot fast, Brün. Wi willt en poor Stünn'n slapen."
Brün hatte keinen Willen. Er half Janfredrik das Tau
um einen Birkenstamm am Ufer schlingen. Dann zwängte er
sich neben ihn in die enge Koje und drückte sein tränennasses
Gesicht ins Stroh. „Mein Bruder Janfredrik."
Janfredrik ließ die Kojentüren wieder fallen. Sie lagen zwei Zoll hoch über den Nasen der beiden. Unmöglich für einen von ihnen, den Kopf zu heben. Selbst das Umdrehen war eine Schwierigkeit. Und keine andere Luftzufuhr in den Raum, den ihre Leiber fast ganz ausfüllten, als durch die Fugen und Spalten der Doppeltür über ihnen. Aber todmüde Menschen sind anspruchslos.
Janfredrik schlief bald fest. Auch Brün fiel in einen unruhigen Schlummer, den zwei Zwangsvorstellungen immer wieder verscheuchten, die eine, daß er schleunig, schleunig heim müsse, die andere, daß es seine Pflicht sei, Janfredrik seine Liebe zu beichten. Sie gewannen schließlich solche Gewalt über ihn, daß er's nicht länger aushielt, still zu liegen. Er stieß die Türen wieder auf.
„Ich mein', es kommt ein gans steifen Wind auf, Janfredrik. Ich mein', wir sollen das Segel setzen und weiterfahren."
Schlaftrunken richtete Janfredrik sich auf. Wirklich berührte ein Luftzug seine Stirn. Da fügte er sich stumm. Er half das Segel aufziehen, und dann hockte er sich neben den Mast.
Der kurze Schlaf hatte die Geister des Alkohols noch nicht aus seinem Hirn verscheucht. Wenn auch seine Glieder wieder kräftig, seine Bewegungen zielsicher geworden waren, der schlimmste Rausch hielt ihn in seinen Klauen, der Rausch, der keiner scheint und doch alle Wahrnehmungen, alle Gefühle ins Maßlose steigert. In seiner Überspannung durchlebte er träumend wieder die Stunde mit Sophee. Er hörte jedes Wort, das sie gesprochen hatte, er fühlte die Weichheit ihrer Haut, das Brennen ihrer Lippen auf seinen. Der Aufruhr in seinem Inneren stieg und stieg.
Brün am Steuer rang derweil unschlüssig um das Wort, das er sprechen wollte. Über ihm leuchteten wie kleine Flammen die unwirklich großen Sterne am schwarzen Himmel. Der Kahn glitt jetzt schnell zwischen flachen Wiesen hin. Lange Nebelschwaden standen drüber. Dann hörten die Wiesen auf, das schwarze Heidekraut begann. Die langgezogenen Schwaden
ballten sich zu seltsamen weißen Gestalten, des Teufels Reigen im Teufelsmoor. Die langen Nebelschleppen wehten. Durch die flatternden Schleier, die bleichen Glieder ergoß der steigende Mond gespenstischen Schimmer. Über den Köpfen der Spukgestalten hing er krumm und blutig wie ein Richtschwert. So rot war sein Schein, daß die Sterne nicht vor ihm verblaßten.
Da sprach Brün. Sein böses Schicksal ließ ihn sprechen.
„Janfredrik."
Janfredrik fuhr sich mit der Hand über die Augen, als müßte er die Bilder davor erst Zur Ruhe bringen, die ihm das Herz pochen machten wie einen Hammer und das Blut in seinen Schläfen sieden, als ob es kochte. „Wat?"
„Weißt noch, Janfredrik, wie du manchmal in Spaß gesagt hast, wir sollen beide ein Frau nehmen un beide auf den nämlichen Tag? — Kann sein, daß das nu so kommen tut."
„Du wuttst friegen?" fragte Janfredrik. „Du ook?"
Es war etwas in der Vorstellung, was ihm gefiel, ihm den Kameraden noch näher rückte. „Weckeen (wen) denn?"
„Das freut mir, daß du da nix gegen hast, Janfredrik."
„Nee. Wi hefft jo twee Stuwen (Stuben), een vör di, een vör mi."
„Un ich kann da auch wirklich nich für, Janfredrik. Ich Hab' das nich gewollt. Es hat mir ergriffen, wie der Wind das Boot da treibt von den Augenblick an, wo ich Sophee Klünders zum erstenmal sehen tat."
„Weckeen?" Janfredrik reckte sich auf, stand neben dem Mast, groß, drohend, ein schwarzes Gespenst zwischen den weißen, die über den bleichen Tümpeln ringsum ihren Mitternachtstanz tanzten.
„Weckeen?" Es war ein Schrei.
Brün mißverstand die Leidenschaft, die in der heiseren Stimme drohte. „Ja, sie is man ein Städtische," sagte er demütig, „un mit die Wirtschaft mag sie nich recht Bescheid wissen. Aber Janfredrik, sie hat mir so lieb—"
„Leiw! Leiw! Di? — False Hund! Dat lögst!" Er hatte Brün gepackt. Er schüttelte ihn. „Sophee Klünders is mien Brut! Mien! — Verstechst dat?"
Nein, Brün verstand nicht. Mit weitaufgerissenen Augen, gelähmt vor Schreck, starrte er den Rasenden über sich an, das wutentstellte Gesicht mit den wie aus Holz geschnittenen Zügen, das verwitterte, früh gealterte Moorbauerngesicht. „Aber das is nich wahr!" schrie er. „Janfredrik, siehst denn nich, daß das nich wahr sein kann? — Sophee un — un du! — Du könntst woll ihr Vater sein. Haha! — Du un Sophee! —"
Janfredriks Hand fuhr nach Brüns Kehle.
Der rang nun auch, sich zu befreien. „Laß' mir los! Sie is mein! mein! — Wie kannst dir nur einbilden? Sie macht gern Spaß -— aber —"
„Hund, verdammter!
Janfredrik war nicht mehr der, der er durch ein ehrbares Leben von fünfunddreißig Jahren gewesen war. Der Andere in ihm, der Zweite, den er in sich trug, ohne ihn zu kennen, der Sinnenmensch, der erst seit Sonntag die Glieder zu regen begonnen hatte, reckte sich jäh zu Riesengröße. Dieser Zweite wußte nichts von Gesetz, Rechten anderer, Freundestreue. Der sah auf der Welt nur zwei Dinge: das begehrte Weib und den, der es rauben wollte, den Feind. Brüns Gesicht, das eben der Mond beschien, war schön, jung, gefährlich jung. Und das sollte sich drängen zwischen sie und ihn, der — wie war's doch? — ihr Vater sein könnte! — Der Knabe, den er aus dem Nichts gezogen hatte, tat ihm das? — So stieß er ihn ins Nichts zurück.
Es waren keine Gedanken, die er dachte in diesen Sekunden, nichts, das sich hätte in Worte fassen lassen, ein wütendes Brennen nur in Brust und Hirn, bis zum Schmerz gesteigerte Liebe, bis zur Lust gesteigerter Haß, der dumpfe, gewaltige Trieb, der den Hirsch auf der Waldwiese treibt, den Nebenbuhler auf die Zacken des Geweihs zu spießen, müßt' er selber dabei verbluten. Und noch etwas anderes: Kains Neid auf Abel. Von überschwerer Arbeit betäubt, hatte in dem Älteren