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II!u5ineste5 ?Aniilien!)Iäii. Segriinäet von ernst keil Isss.
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Kains Cntsiiknung.
(5. Fortsetzung.) Roman voll Luise westkirch.
Brün und Janfredrik an den Hafen kamen, um ihr Boot klar zu machen, trafen sie auf einen Landsmann, Jan Meier-Clüvers. Es war der Lebemann und Herzbrecher von Schmalenbeek, der Geschickteste mit der Flinte, der Flinkste auf dem Tanzboden, der Erste beim Raufen, beim Trinken, bei der Liebe. Heut war er besonders aufgeräumt. Er behauptete, die Bremer Luft mache fidel, und er gab nicht Ruhe, die Nachbarn mußten noch einmal mit ihm zu Peter Petersen eintreten. Er wollte einen ausgeben, nicht Bierkalteschale, einen steifen Grog. Er hatte es dazu. Ein paar Taler klimperten in seiner Tasche, obgleich sein Boot noch hochbeladen lag. Es mochten wohl unter den Törfen einige Hasen und Birkhühner gesteckt haben, die er eben beim Wildhändler versilbert hatte.
Janfredrik war ein Gegner aller Grogs, die er bezahlen mußte, aber einen geschenkten auszuschlagen, hätte er für sündhafte Verschwendung gehalten. Es war auch gleichgültig, ob man eine Stunde früher oder später heimkam. Nacht wurde es in jedem Fall.
Die drei setzten sich an einen Tisch, und so lebhaft floß ihr Gespräch, daß die schweigsamen Torfleute an den anderen Tischen staunend herüberhorchten. Eine ihm ganz neue Aufgeregtheit riß Janfredrik schon nach dem ersten Glase über sich selbst weg. Durch das Wunder, das er in sich erlebt hatte, war ihm die ganze Welt voller Wunder. Alle Dinge gewannen ein anderes Ansehen, wiesen neue Seiten, und es war ein Fieberdrang in ihm, sich und den anderen Rechenschaft zu geben über diese neuen Erfahrungen, zu philosophieren, zu räsonieren.
Das gleiche gesteigerte Wesen zeigte Jan Meier-Clüvers, nur noch lärmender, brutaler. Seine vorstehenden blauen Augen rollten, das strohblonde Haar» fiel ihm in die Stirn. Er erzählte Witze vom vorigen Scharmbecker Markt, über die die Hörer vor Freude auf den Tisch schlugen. Immer derber wurden seine Geschichten, je öfter der Wirt neue Runden brachte. Janfredrik hatte seine Knauserigkeit auch vergessen. Er zahlte jetzt für sich und Brün. Er zählte nicht einmal die Gläser. Mit Absicht, mit Bewußtsein geschaht, ihr zu Ehren, Sophee zu Ehren. Das höchste Glück seines Lebens sollte nicht ungefeiert vorübergehen. Janfredrik Holm hatte nicht gelernt, daß man anders feiern könne als den Geldbeutel in der Hand und das Glas auf dem Tisch.
„Prost! Hoch!" Hoch das niegekannte Schwebegefühl in Hirn und Gliedern, das den schwerfällig nüchterner: Mann
hinaufhob über sein Moor, seine Törfe, sein Haus, seinen Acker, seinen Gewinn.
„Prost, Nachbar! Noch ein Glas!"
„Noch ein Glas, Nachbar! Prost! Hoch!"
Die Gläser klangen aneinander. Der gleiche Name war in ihrer aller Hirn. Aber keine Zunge sprach ihn aus. Sophees liebliches Gesicht in seiner Glorie goldener Locken gaukelte allen dreien vor Augen, aber wenn sie vor Freude schrien, gaben sie sich den Anschein, daß es über die plumpen und ungesalzenen Witze geschähe, die Jan zum besten gab. So stand ihre Lustigkeit in keinem Verhältnis zu den Dingen, die sie zu wecken schienen. Sie war einfach der Schrei unkultivierter Naturen, mit dem sie dem Gewaltigsten in sich Luft machten, das auf den: Höhe- und Brennpunkt ihres Lebens ihre Sinne und ihre Seelen durchwühlte, etwas Elementares, wie der Brunftschrei des Hirsches.
Nur in Brün, der zarter geartet war, überwog die Sehnsucht. Der Alkohol, der das Wesen der anderen veräußerlichte, verinnerlichte seins. Statt ihn zu brutaler Tatkraft aufzu
steigern, wirkte er in ihn: eine tiefe Zärtlichkeit, die ihn schweigsam machte.
Endlich überschritt der Taumel seinen Höhepunkt. Das Übermaß hatte die Kraft erschöpft. Janfredrik sprach von Heimkehr.
„Een Glas noch," schrie Jan Meier-Clüvers. „Un dor möt ji mi Bescheed dohn. Wat wi leiw hefft!" Er hatte bei den Soldaten diesen Trinkspruch gelernt. Der drückte aus, was er jetzt empfand.
Janfredrik reckte sich auf. „Wat wi leiw hefft!" Es klang wie ein Kampfruf.
Aber als Brün sein Glas hob, schimmerten Tränen in seinen Augen. Er war zu ergriffen, um ein einziges Wort zu sprechen.
Jan, der in einer Stimmung war, über alles zu lachen um des Lachens willen, stieß ein Hohngeschrei aus.
„Nee," wehrte Janfredrik ernst. „Brün het recht. Wat wi leiw hefft, dat is tom Lachen un tom Weenen ook. Dat is överhopt dat Grötste, dat Allergrößte, wat wi erlewen künnt, Jan. Du büst man noch to jong, üm dat to weeten."
Jan lachte dröhnend. „As du man noch lang' lewst,
Janfredrik. Du büst to klauk. Prost!"
„Gu'nnacht."
Janfredrik stand auf. Er ging nicht ganz so gerade wie sonst. „Dat verflixtige up en Stohl Sitten makt en Minschen gans stiff," sagte er.
1906. Nr. 27.
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