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jedes weitere > Jahr im Le- > ben Joseph Jo- ! achims ein wahres Geschent ist, und der Gedanke an den Meister wird zu einer stummen Bitte an das Schicksal: „Laß ihn uns noch!" Ersteht unter uns als ! Vertreter des „Klassischen" in der Musik, ein vollendeter Könner, ein Vorbild und Wahrzeichen sür viele. Sein ganzes Leben stand unter dem Zeichen der Musik. Schon der Achtjährige tonnte, von trefflichen Meistern unterrichtet, mit großem Erfolg lonzertieren und , spielte sich in die ? Herzen vor- , nehmer Musikliebhaber hinein, die sein großes Talent förder- - ten. Im Jahr ^ 1851 veranstal- ! tete Joachim, j
den der Einfluß Liszts und die Freundschaft Bülows und Robert ; Schumanns sehr beglückt und gefördert hatten, zuerst jene Quartettabende, die er später zu solchem Ruhm bringen sollte. Das „Joachim-Quartett" ist das unerreichbare Vorbild auf dem Gebiet der Kammermusik bis heute geblieben, es bietet seit drei Jahrzehnten den höchsten Genuß des musikalischen Lebens in Deutschland. Auch als Komponist hat Joseph Joachim sich hervorgetan.
In der Warketenderer. (Zu dem Bild auf Seite 568 u. 569.) Ein Soldatenbild aus der friderizianischen Zeit — Truppen der verschiedensten Waffengattungen, Grenadiere, Husaren und andere, finden sich an der Erholungstätte zusammen, wo das behagliche Pfeifchen schmeckt, ein guter Trunk erquickt, volle Fässer ein entsprechendes Mobiliar bilden, und wo sich's von den Taten und Abenteuern des Kriegs gemütlich plaudern läßt. „Kerls, wollt ihr denn ewig leben?" — hatte einst der Alte Fritz seinen Soldaten zugerufen — nun, sie haben tapfer der Todesgefahr getrotzt, aber die lrüftigen Gestalten freuen sich auch des Lebens, wenn sie von Strapazen und Kämpfen sich einmal ausrühen lönnen. Auf dem Bild Seilers mit seinen lebendigen Soldatengruppen werden indes viele das „Ewig-Weibliche" vermissen, die Marketenderinnen, die ja im Lagerleben der Dichtungen eine so große Rolle spielen — wer denkt da nicht an die Courage des Simpli- zissimus, dies Soldatenliebchen mit seinen unzähligen Liebesabenteuern, oder an Schillers Gustel von Blasewitz, die auch nicht bloß dem langen Peter von Itzehoe ihr Herz geschenkt hat, oder die Madame Saus-Gene -der Napoleonischen Heere, die im Schlachtenfeuer verwundet und später Herzogin von Danzig wurde? Der Maler hat es vorgezogen, nur dem strengen Kriegsgott zu huldigen und dem Mars nicht die Venus zur Gesellschaft zu geben.
Walter Wellwan. (Zu der nebenstehenden Abbildung.) Wir haben unseren Lesern neulich von der kühnen Nordpolsahrt erzählt, die der Amerikaner Wellman, den Spuren Andres folgend, im Luftschiff unternehmen will, und bringen nun heute das Bild des unerschrockenen Mannes, der schon mehreremal monatelang in den Polargegenden gewohnt hat, um sich an die Schrecken des ewigen Eises zu gewöhnen und die Windstärken und -Achtungen, die Fährnisse und Witterungs- Verhältnisse jener Zone zu studieren. Waller Wellman, der rechter- hand vorn in seiner Gondel steht, ist auf Grund sorgfältiger Berechnungen zu der Zuversicht gekommen, die gefährliche Fahrt unter günstigen Windverhältnissen in sünf, unter widrigen in fünfzehn Tagen zurücklegen zu lönnen — möge die Hoffnung ihn und seine Anhänger nicht trügen!
Kirtenidyll. (Zu unserer Kunstbeilage.) Es ist ein wundervolles Stückchen deutscher Heimaterde, das Th. Schüz in seinem Bild festgehalten hat, und es ist auf dem Weg vom Auge durch den Pinsel auch nicht ein Bruchteil des Zaubers verloren gegangen, der jener Landschaft — einem Ausschnitt der „Schwäbischen Alb" — in Wahrheit eignet. In Sonnenglanz getaucht, liegen Nähe und Ferne. Blaue Schleier hüllen die Weite ein, aber der Vordergrund spielt in unend
lichen Tönen des Sonnenunterganges und herbstlicher Schönheit. Träumerischer Friede steigt auf aus grünen Tälern, sinkt nieder vom blassen Abendhimmel, und sehnsüchtige Jugend, spielende Kindheit atmen den Frieden ein. Nur ein echter Künstler wird solch' schlichter Schönheit gerecht, und Theodor Schüz, der Maler unseres Bildes, ist ein echter Künstler, ein deutscher Künstler durch und durch. Lang', ehe das Wort „Heimatkunst" zum Schlagwort wurde, hat er Heimatlunst geübt, er hat hineingegriffen „ins volle Menschenleben" nach Goetheschem Rezept, und was er packle, war interessant sür den, der an unserem Vollstum seine Freude hat. Man wird an Ludwig Richter erinnert, wenn man die entzückenden Genrebildchen und Mädchenköpfe von Theodor Schüz sieht, und wirklich hat E. v. Gebhardt von ihm gesagt, er sei in der Farbe das, was L. Richter mit dem Stist war. Am 26. März 1830 geboren als sechster Sprößling eines kinderreichen Pfarrhauses in Thumlingen — einem echt schwäbischen Dörfchen des württem- bergischen Schwarzwaldes — mußte der begabte Junge, der von klein auf malte und zeichnete, auf Befehl des Vaters einen „festen Beruf" ergreifen, hatte aber „a gar so kurz Gedächtnisle", daß er den Notar aufgeben und nun doch seiner geliebten Kunst dienen durfte. Im Herbst 1848, also als Achtzehnjähriger, trat Theodor Schüz in die Stuttgarter Kunstschule ein, und viele seiner schönsten Landschaftsbilder stammen aus der Zeit, die er in Stuttgart verlebte. Bis zum Jahr 1854 blieb Schüz in Stuttgart, dann zog er nach München, mit einem Reisestipendium des württembergischen Staates bedacht. Aber das Münchener Kunstleben jener Zeit gab dem stillen Mann nichts, er führte ein Wanderleben, bis Pilotp in München ans Ruder kam und den Zagen zurücklockte. Sein erstes dort gemaltes Bild „Abendglocke" trug ihm dic Silberne Medaille der Akademie und die Anerkennung des Publilums ein, eine Romreise, die er 1858 in Pilotys Gesellschaft unternahm, bol ihm eine Fülle von Anregungen, doch konnte sie seine Art nicht modeln, er war und blieb ein Maler der Heimat. Grundverschieden von Piloty, fand er den Aufenthalt in München auf die Dauer nicht ersprießlich, und es war wie eine Flucht zu sich selbst, als er 1866 nach Düsseldor zog. Er fühlte sich bald wohl in der schönen Maler- und Gartenstadt; die Bestellungen liefen fleißig ein, und daneben malte der Meistei unermüdlich an den Bildern, die die eigene Phantasie, die das Volksleben ihm in reicher Fülle boten. Man kann nicht von dem Bildermaler Theodor Schüz reden, ohne auch des Illustrators zu gedenken der viele unserer schönsten Dichtungen, wie Uhlands wundervolle Lieder mit feinstem Verständnis und innigem Empfinden illustriert hat.
Der Nordpolfahrer Wellman in der Gondel seines Luftschiffes
Professor Joseph Joachim
feiert seinen 75. Geburtstag.
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