Heft 
(1906) 27
Seite
564
Einzelbild herunterladen

664

Kort Ehlers schüttelte den Kopf.Man sachting. Sach- ting. Was is denn los?"

Aber Trima hatte ihrer Tochter die Depesche weggenommen, sie gelesen. Jetzt drückte sie Sophee ans Herz, küßte sie, Tränen in den Augen.Ja, Kort, bitte, gib uns den Wa­gen. Mit den: nächsten Zug müssen wir heim."

Sie zog den verblüfften und von dieser Eile verletzten Mann bei Seite und redete leise auf ihn ein.Nichts Schlimmes, Gott sei Dank! Nein, ganz im Gegenteil. Dich geht das natürlich auch an. Du bist das Haupt der Familie. Also du und Mutter, kommt mit herein in die Stube. So­viel sich sagen läßt, sag' ich euch. Laßt euch aber vor der Dern nichts merken. Sie ist so eigen."

Familie Klünders packte die Koffer. Sie konnten abreisen. Mit ihrer Erbschaftsangelegenheit war Frau Trina auch im Reinen. Sie nahm ein hübsches Sümmchen mit fort.

Und nun gegen Mittag wurde doch Alheids Bettür noch einmal aufgerissen, und der davorstand, ließ sich nicht abweisen durch die geschlossenen Lider, das starre Gesicht. Er faßte eine der schlaff daliegenden Hände. . .Tante Alheid! Liebe Tante Alheid! Mach doch mal die Augen auf. Siehst mich nicht lange mehr."

Gleichgültig hob Alheid die Lider. Sie kannte die Stimme. Das war ihr Bruder. Der Bruder der Falschen, Schlechten. Immer noch zu lange sah sie den. Aber in dem blassen Bubengesicht unter dem kupferschimmernden Haar war ein ungewöhnlicher Ausdruck wirklicher Betrübtheit, die sich hinter Trotz zu verstecken suchte.

Weißt's gewiß schon, Tante Alheid? Wir sollen fort! Ich auch! Mutter will's. Und ich Hab' doch noch vier Tage Ferien. Aber ich komme Ostern wieder, und wenn ich zu Fuß laufen soll."

Von des Knaben Rede war nur ein Satz an Alheids Ohr geschlagen. Der weckte sie aus ihrer Starrheit.

Ihr geht weg? Dein dein Swester auch?"

Wegen der Sophee gehen wir ja grad. Weißt du, ich soll's nicht merken, Tante Alheid, na, aber aus Dummerland bin ich auch nicht. Sie hatte da in Hamburg so ne Bändelei mit einem, Architekt ist er, glaub' ich. Aber seine Eltern sind was hochmütig, wollten nicht. Jetzt mag er die wohl herum­gekriegt haben. Denn heut ist eine großmächtige Depesche

gekommen, und seitdem küssen sich die Frauen immerlos, und wir sollen gleich nach Haus."

Etwas kitzelte Alheid, daß sie lachen mußte in ihrer Oual. Einen Anderen, einen Feinen, einen Stadtherrn trug sie die ganze Zeit im Herzen, freite ihn jetzt, und derweil bildete Janfredrik sich ein. Aber als sie an sein ernstes, eifriges Gesicht dachte, erstarb die wehe Heiterkeit in einem tiefen Schmerz. Das änderte nichts. Was gestern Zwischen ihnen zerbrochen war, blieb zerbrochen. Das heilte nicht. Und mehr noch würde zerbrechen im Herzen des Mannes.

Schritte klangen auf der Diele, Stimmen. Die Stuben­tür wurde geöffnet.Adieu, Tante Alheid. Ich komme ganz gewiß wieder." Gerd schüttelte mit jungenhaftem Ungestüm ihre reglose Hand. Seine ganze Liebe zum Moor lag in dem schmerzhaften Händedruck.

Schon schob Mutter Trina ihn von der Bettöffnung zurück. In Federhut und Mantel beugte sie sich über die Bewegungs­lose. Die nickenden Straußenfedern kitzelten Alheids Stirn. Leb' wohl. Leb' wohl, liebe Adelheid. Sollst auch bedankt sein für deine Freundlichkeit. Du hörst bald von mir, recht bald. Und werde gesund. Halt' dich munter. Wo ist der Plaidriemen, Gerd? Ich schreibe ganz bald, Adelheid. Vielleicht eine Neuigkeit, die dich freut. Sophie, nun eil' dich, Kind. Nimm rasch Abschied. Tante Alheid ist angegriffen."

Sophee beugte sich tief über Alheid. Unhörbar für die anderen flüsterte sie ihr ins Ohr:

Wer mich ärgert, den ärgere ich auch. Merk' dir das. Übrigens war's nur Spaß. Heut geb ich dir deinen Moor­büffel zurück, ein bißchen vermenschlicht. Kannst dich bei mir bedanken."

Sie entschlüpfte, ehe Alheid einen Laut finden konnte.

Kleiderrauschen, Türschlagen. Ein paar laute Rufe hin und her. Dann stampften die Hufe den dumpf dröhnenden Boden, die Peitsche knallte, die Räder rollten, die Achse ächzte. Klünders fuhren vom Hof.

Alheid saß aufrecht auf ihrem Bettrand, die Fäuste geballt, die Augen glühend, und die bebenden Lippen suchten noch immer umsonst das Wort, das ihren ganzen Haß, ihren ganzen Abscheu gegen die Ruchlose ausgedrückt hätte, die ihr das Lebensbrot von den Lippen weggerissen hatte, nur es in den Schmutz zu werfen. (Fortsetzung folgt.)

Die Naturheilkunde.

Von Professor E. Grawih.

u allen Zeiten hat es neben den die Heilkunde berufs­mäßig ausübenden Ärzten Personen gegeben, die ohne besondere Kenntnisse von: Bau des menschlichen Körpers und den Verrichtungen der einzelnen Organe Kuren ausführten, und zu allen Zeiten hat es leidende Menschen gegeben, die sich lieber von diesen unzünftigen Personen behandeln ließen als von den Ärzten. Vorzugsweise auf dem Lande, wo ärztliche Hilfe meist nur schwierig zu erlangen ist, blühte von jeher die Dilettantenheilkunde, und der beschaulich lebende Schäfer, der beim Schlachten des Viehes manche anatomische Kenntnisse erworben hat, wird bis auf den heutigen Tag bei Verletzungen, besonders Brüchen und Verrenkungen der Knochen, aber auch bei inneren Leiden von den Gutsarbeitern wie auch von der aristokratischen Gutsherrschaft ebenso konsultiert wie die weise Frau, die die Rosekrankheit zubesprechen" vermag und aller­hand heilkräftige Kräuter zu sammeln versteht.

Während nun diese ländlichen Heilkundigen gewissermaßen aus der Eigenartigkeit der ländlichen Verhältnisse erwachsen sind und darum eine gewisse Daseinsberechtigung haben, ist auf den ersten Blick weniger leicht zu verstehen, daß in den letzten Jahrzehnten in den Städten und den dicht bevölkerten Landesteilen, wo Ärzte in größter Zahl sitzen, zahlreiche einzelne

Personen und ganze Verbände aufgetaucht sind, die sich als Naturheilkundige" bezeichnen und für befugt halten, kranke Menschen zu kurieren. Diese aus den allerverschiedensten Be­rufsständen stammenden Leute werden, wie vorweg bemerkt sein soll, nur zum Teil durch pekuniäre Interessen zur Aus­übung des Heilberufes geführt, ein Teil geht von ganz selbst­losen Beweggründen aus, ist von der Richtigkeit seiner theore­tisch gewonnenen Heilgedanken ehrlich, häufig leidenschaftlich durchdrungen und legt, wie neuere Gerichtsverhandlungen gezeigt haben, ein besonderes Gewicht darauf, nicht mit jenen üblen Elementen auf eine Linie gerückt zu werden, die durch ebenso gefährliche, wie teuer bezahlte Eingriffe das Leben der Kranken bedrohen und unter der Bezeichnung alsKur­pfuscher" ein zwar häufig mit gerichtlichen Strafen belegtes, im übrigen aber recht einträgliches Dasein führen.

Sieht man von dieser weitverbreiteten Gruppe von Heilkünstlern ab, deren enorme Schädlichkeit gegenüber der Bolksgesundheit zwar von keiner Seite bestritten wird, deren Ausrottung aber durch die bestehende Gesetzgebung nicht möglich ist, da selbst bei erwiesenen direkten Verbrechen gegen das Leben diesen Leuten immer der Schutz der Unwissenheit strafmildernd zur Seite steht, so bleibt doch auch bei den erwähnten idealeren