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Vertretern der Naturheilkunde die Überzeugung, daß sie trotz Fehlens gesicherter Kenntnisse über den menschlichen Körper zu kurieren imstande seien, auf den ersten Blick recht erstaunlich.
Diese- Anhänger der Naturheilkunde begnügen sich zum Teil damit, für eine naturgemäße Lebensweise Propaganda zu machen, und wirken insofern ganz nützlich, als sie fast ausnahmslos gegen die Schädlichkeiten des Alkoholmißbrauches ankümpfen, ihren Angehörigen Mäßigkeit im Essen, Bevorzugung von Gemüse und Obst, Aufenthalt in der freien Luft, Schwimmen und Turnen empfehlen, Verordnungen, die jeder als gesundheitfördernd billigen wird, sofern sie nicht -— was leider häufig geschieht — durch einseitige Übertreibung in das Gegenteil verkehrt werden. Über diese allgemeinen Gesundheitsregeln hinaus aber getraut sich der Naturheilkundige direkt zu kurieren, wobei als Heilfaktoren alle möglichen Anordnungsweisen des kalten, warmen und heißen Wassers, ferner natürliche und künstliche Lichtbestrahlungen, Massage und . andere physikalische Heilmittel zur Anwendung gelangen — nur beileibe keine künstlich hergestellten chemischen Arzneimittel. Diese letzteren sind der Angelpunkt in den Motiven der Naturheilkundigen, sie sind die Gifte, mit denen die Ärzte die Gesundheit der Menschen untergraben, und ihnen gilt in erster Linie der Kampf der Naturheilkundigen. Gegenüber diesen unheimlichen Produkten der Chemie gelten dem Naturheilkundigen die Kräuter und Pflanzen verschiedenster Art für naturgemäße Heilmittel, und besonders werden die äußerst Zahlreichen Pflanzen, die harntreibend wirken, wozu z. B. die meisten unserer gebräuchlichen Küchenkräuter gehören, in den verschiedensten Anwendungsweisen in vielfach geradezu leidenschaftlicher Weise als Allheilmittel verehrt und angepriesen.
Berücksichtigt man, daß zu dieser Naturheilkunde sich Männer aller Berufskreise und auch der wissenschaftlich gebildeten Klassen teils als aktive Vertreter und als Propagandisten, teils als passive Anhänger, d. h. als Patienten bekennen, so muß dies wie gesagt sehr erstaunlich in einer Zeit erscheinen, wo die Berufsmediziner durch eingehende Studien am Krankenbett und in den Laboratorien sich bemühen, mit den unablässig verfeinerten Methoden der Technik immer genauere Kenntnisse der Tätigkeit der inneren Organe zu erlangen, um erstens das Verständnis für das Zustandekommen von krankhaften Veränderungen zu fördern und zweitens damit die einzig vernünftige Handhabe zur Vermeidung oder Beseitigung eben dieser Krankheiten zu gewinnen. Gewiß kann das Gold aller dieser überaus mühevollen Untersuchungen nicht immer und ohne weiteres in die bare Münze der täglichen ärztlichen Praxis umgesetzt werden, aber allen diesen positiven Kenntnissen gegenüber die Heilkunde lediglich auf Grund ganz unbestimmter theoretischer Voraussetzungen nicht nur am eigenen Leibe, sondern auch bei anderen Menschen auszuüben, ist ein Vorgehen, das in keiner anderen Berufsart seinesgleichen haben dürfte. Was würde man sagen, wenn ein Mensch, der noch nie im Leben einen Schraubenzieher in der Hand gehabt hat und von den Gesetzen der Statik und Dynamik so viel oder so wenig Vorstellung hat wie jeder gebildete Laie, sich beikommen lassen wollte, einer in Unordnung geratenen hochkomplizierten Dampfmaschine zu helfen. Er kann wohl für die intakte Maschine allgemeine Verhaltungsmaßregeln geben und dafür sorgen, daß sie durch fleißiges Putzen, durch Schmieren und Feuern in gutem Gange erhalten wird, sobald aber eine Stockung durch einen inneren Defekt eingetreten ist, wird jeder vernünftige Mensch denjenigen Mechaniker hinzuziehen, der die beste Kenntnis vom Bau dieser Maschine hat, und er wird um so höher in seinen Ansprüchen an die Fachkenntnisse sein, je komplizierter und wertvoller diese Maschine ist. Nimmermehr würde es ihm einfallen, einen beliebigen, gebildeten Laien sich an seiner kostbaren Maschine versuchen zu lassen.
Warum nun wird diese abgegriffene Weisheit nicht an der so unendlich viel komplizierteren und wertvolleren Maschinerie des menschlichen Körpers ausgeübt, warum überantwortet z. B. der angenommene Besitzer der eben erwähnten Maschine seinen
eigenen Leib einem Naturheilkundigen, von dem er selbst weiß, daß sein Blick von keiner Kenntnis über die Beschaffenheit des Leibes beeinflußt ist, derselbe Besitzer, der die genaue Kenntnis bei seiner Maschine für die erste Bedingung hält?
Wie alles, auch das Unwahrscheinlichste, auf der Erde seine natürliche Erklärung findet, so ist auch das anscheinend widersinnige Emporsprießen der Naturheilkunde auf verhältnismäßig einfache Ursachen zurückzuführen. Zunächst muß zugegeben werden, daß in manchen Fällen von Ärzten beim Verordnen von Medikamenten, besonders den zahlreichen modernen schmerzstillenden Mitteln auf —in und —on, insofern zu weit gegangen werden mag, als in vielen Fällen eine Linderung der Schmerzen ohne Medikamente durch irgend welche harmlosen äußeren Mittel, Umschläge, Einreibungen und dergleichen ebensogut zu erzielen ist. Es bleibt aber hierbei zu berücksichtigen, daß breite Schichten des Publikums die Verordnung derartiger Mittel aufs dringendste fordern und, falls sie die Rezepte nicht vom Ärzt erhalten, sich die Medikamente hinter seinem Rücken verschaffen. Zwischen dieser weit verbreiteten Medizinsucht vieler Leute und der geschilderten Medizinscheu der Naiurheiler hat der heutige Arzt eine überaus schwierige Stellung, bei der er, wenn er ein guter Psychologe ist und seinen Patienten wirklich helfen will, nicht mit einem Machtwort für oder wider bestimmen, sondern nur durch allmähliches Vorgehen die Extreme beider Anschauungen bekämpfen kann.
Es ist ferner zuzugeben, daß bei der großartigen Entwicklung der medizinischen Wissenschaft in den letzten fünf Jahrzehnten, bei der unablässig gesteigerten Kenntnis von den krankhaften Veränderungen der Organe, bei der Erforschung der Krankheitserreger, mögen diese mikroskopisch erkennbare Lebewesen oder Schädlichkeiten anderer Art sein, daß bei dieser: und ähnlichen hochwichtigen exakten Studien der kranke Mensch als Individuum zeitweise etwas stiefmütterlich behandelt worden ist und auch manche einfache Heilmethode, die sich bei den alten Ärzten bewährt hatte, verlassen wurde, weil sie zu den neu gewonnenen Kenntnissen schlecht paßte.
Ganz unzweifelhaft ist in dieser Zeit manches Leiden nervöser Art, da es anatomisch nicht nachweisbar war, vom Arzt nicht anerkannt worden, und die Kranken haben an anderer Stelle Hilfe gesucht. Ganz falsch aber wäre es, diese kurze Episode in der Entwicklung der modernen Medizin als ein dauerndes Übel zu beschuldigen. Diese Entwicklung hat vielmehr einen durchaus naturgemäßen Gang durchgemacht, indem zuerst die Medizin aus dem unklaren Wust naturphilosophischer Doktrinen durch genaueste Studien am menschlichen Körper befreit wurde, und indem man die krankhaften Veränderungen der Organe und die Mittel, sie am Lebenden zu erkennen, in den Vordergrund des Studiums rückte, da eine sichere Kenntnis dem heilbringenden Eingriff vorangehen muß. Je sicherer die Kenntnisse von den krank machenden Schädlichkeiten geworden sind, je sicherer und frühzeitiger es möglich geworden ist, die Krankheiten selbst zu erkennen, um so klarer und richtiger sind ganz naturgemäß die Heilmethoden der modernen Medizin geworden, bei denen das Verschreiben von chemischen Medikamenten keineswegs mehr die erste Stellung einnimmt.
Wenn man nun auf der anderen Seite die Erfolge der Naturheilkundigen kritisch betrachtet, so beruhen diese auf der von niemand bestrittenen Tatsache, daß die meisten Krankheiten ohne Kunsthilfe auszuheilen vermögen, und daß besonders organisch gesunde Menschen die gewöhnlichen Erkältungskrankheiten ohne irgend welche weitere Mittel, als Bettruhe, leichte Diät und etwas schweißtreibenden Tee, glatt auszuheilen vermögen. Es kommt aber noch ein Drittes und Wichtigstes hinzu, nämlich die Tatsache, daß es kaum ein organisches Leiden gibt, das nicht bei nervenleidenden Menschen durch ein fehlerhaftes Funktionieren dieser oder jener Abschnitte des Nervensystems vorgetäuscht werden könnte, und auf diesem weitesten Gebiet der inneren Medizin, nämlich der Nervosität im weiteren Sinne, ist die einfachste Erklärung für manche Wunderkuren der Nichtärzte Zu suchen.