Heft 
(1906) 27
Seite
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heimlichen Zusammentreffen freudenvoll erzählt hatte. Und nach Tisch, da Frau von Hellstem sich zur Ruhe ein wenig zurückgezogen hatte, kam Georg zufällig gerade dazu, wie Falk mit dem alten Diener Geidel eindringlich und leise wispernd verhandelte. Der Alte, der die Sitzordnung der Abendtafel nach Frau von Hellsteins Angaben zu regeln hatte, sollte versehentlich" die Karte mit Else Bernhardts Namen die eigentlich neben dem Gedeck Ossip Schmerlins liegen sollte neben jenes von Falk legen.

Bald nach vier Uhr kamen die ersten Gäste. Nur wenig ältere Leute meist Jugend. Unter den älteren Herr Gut­kind, der den Kreis aber bald wieder verliest, und Professor Bernhardt, der seine Tochter brachte und dann auch bald wieder ging. Unter den jungen aber Musiker und Musikerinnen, Studenten, ein junger Offizier und eine ganze Zahl von jungen Mädchen aus Frau von Hellstem befreundeten Familien.

Zwanglos fand man sich erst im Garten, der seine ersten Knospen am Strauchwerk trieb und seine ersten Frühlings­blumen in den Beeten zeigte. Lieb und voll stiller, herzlicher Freundlichkeit stand Frau von Hellstem unter all den jungen Menschen. Von einem ging sie zum anderen, und für jeden hatte sie ein besonderes Wort, das ihm von ihrer Teilnahme an seinem Lebensgang und an dem, was ihm Ziel und Streben war, sprach. Lange stand sie auch so bei Else Bern­hardt und hielt deren Hand. Sie sprach zu ihr, und das schöne junge Geschöpf senkte die Lider über die großen samt­weich blickenden Augen und sah mit einem gequälten Lächeln zu Boden, während sie Antwort gab.

So sah Georg die beiden, und er fühlte: es drückt sie, daß sie hier das reiche, offene Herz der mütterlichen Frau erkennt und doch aus deren Haus heimlich wie eine lichtscheue Erwerbung ihre Liebe trügt. Und diese Liebe, die leuchtete immer wieder in rührender Hingabe auf in diesen Stunden.

Einmal hatte sich Else niedergebückt zum Rasen und eine kleine Blume ausgenommen. Als sie dann aufsah, traf sich ihr Blick mit dem von Karl Falk der es vermied, auf­fallend viel bei ihr zu stehen. Da hielten diese Augen sich wie im Kuß gefangen. Ein heißes Rot zog über Elsens Wangen, dann führte sie wie in einer unwillkürlichen Bewegung die Blume an die Lippen. Im Weiterschreiten aber legte sie sie sachte auf einen Gartenstuhl. . .

Und wieder sah nun Georg, wie Falk scheinbar ganz zu­fällig Zu jenem Stuhl trat und nach der kleinen Blume griff . . .

Ein sehnsüchtiges Fühlen stieg in Georg auf. Wie feine silberglänzende Fäden umwoben ihn die heißen Blicke der beiden, die sich liebten und in heimlicher Zwiesprache fanden. So einsam kam er sich mit einem Male vor in diesem Garten mit seinem jungen Frühlingstreiben. Mit einem wehen Zug um Mund und Augen sah er hinüber nach der Stelle, wo

Falk die kleine Blume sich ins Knopfloch steckte. Und bei

dem Schurerz und dem Sehnen, die nun so jäh in ihm er­wacht und rege waren, zog es ihm durch den Kopf: Wie

kann er nur... wie kam: er nur. . .! Er müßte diese

Blume küssen und verbergen als etwas Heiliges und er trägt sie im Knopfloch vor den anderen. . .

Da hörte er eine Helle, weiche Stimme neben sich, und Joseph Teltschers Hand, die sich ihm derb auf die Schulter legte, schreckte ihn auf aus seinem Träumen.

Sie, Bang, was is' denn?! Alsdann passen S' auf, jetzt widerfahrt Ihnen Heil!" Er wendete sich wieder zu Fräulein Molenaar, mit der er Zu Georg hingetreten war. Also Fräul'n, das is' nrein Freund Georg Bang ge­nügt das als Vorstellung?"

Sie nickte und lächelte dabei und streckte Georg die Hand himDa Sie ihn Ihren Freund nennen, Herr Teltscher, ist es ja mehr als eine Vorstellung eine ganz schwerwiegende Empfehlung!"

Wieder dieser milde klare Klang ihrer Stimme.

So is' auch g'meint!" sagte Teltscher.Und Sie, Bang, Ihnen blüht heut abend das Vergnügen, das Fräulein Molenaar

als Tischnachbarin zu haben . . ." Dann reckte er sich mit einem Male auf und blickte nach der Gartentür, durch die soeben ein großer breitschulteriger Mann mit rotem Vollbart ein getreten war.Mein Professor . . .!"

Und fort war er, um seinen verehrten Lehrer zu begrüßen.

Fräulein Molenaar schaute ihm nach mit lächelnden Augen. Ein prächtiger Mensch ..."

Ja," sagte Georg und stand still und ein wenig ver­legen neben dem schlanken zierlichen Mädchen.

Von Ihnen hat er mir übrigens schon eine ganze Menge erzählt ich kenne Sie also schon ein wenig . . . Nicht dem äußeren Menschen nach aber sonst ..."

Sie schwieg. Georg war rot geworden. Nun sah er ihr in die klaren graugrünen Augen, über denen eine zarte Wimpern­reihe goldig schimmerte. Ein warmer Schein brach aus diesen Augen und lag über dem edlen feingeschnittenen Gesicht. Das war nicht eigentlich schön, dazu war es zu unscheinbar, aber es hatte eine wunderbare belle Farbe beinahe wie Elfen­bein. Und wieder lag auch ein weicher Goldton darin von den Hellen kaum sichtbaren Sommersprossen über dem Nasen­rücken und auf den Wangen.

Ich sehe Sie nicht zum ersten Male," sagte Georg.In einem Konzert, glaube ich, vor kurzem . . . Mein Freund Falk hat mich auf die Damen aufmerksam gernacht und mir gesagt, daß Sie hier im Hause verkehren."

Sie nickte. Ein kleines Fältchen grub sich für einen Augen­blick senkrecht in ihre Stirn und verschwand wieder.Ja? . . . So, Sie sind mit Herrn Falk besonders befreundet? Ich kenne ihn nicht näher, ich höre nur, er soll sehr talentvoll und geschickt sein."

Da begann Georg das Lob seines Freundes zu singen, und Fräulein Molenaar hörte ihm zu, mit klugen Augen ihn anblickend. Manchmal, während er sprach, war ein feines Lächeln um ihren Mund, und auch das Fältchen auf der Stirn war einmal noch gekommen und wieder gegangen.

Als er schwieg, sagte sie:Sie sind ein lieber, guter Mensch, Herr Bang, geben Sie mir einmal Ihre Hand so!" Und sie drückte ihm fest und kameradschaftlich die Hand und sah ihn voll und lange an dabei.

Da wußte er, daß sie das Schicksal ihrer Freundin Else kannte und daß sie Sorge um sie in ihrem Herzen trug . . .

Still stand Georg noch, ergriffen von einer tiefen zittern­den Erregung, als vom Hause her die Stimme des alten Geidel klang, der die Gäste zum Tee ins Zimmer rief.

Und diese Erregung blieb in Georg. Sie verließ ihn nicht während des Tees und auch später nicht, als im Musikzimmer die Vorträge sich aneinander reihten. Sie ließ ihn hastig Hinüberblicken zu Fräulein Mariane Molenaar, so oft er sah, dast sich die Augen Elsens mit denen Falls zusammenfanden, oder daß ihre Finger sich hier an einem Notenblatt, dort an einer Stuhllehne wie zufällig berührten. Sie zog ihn hin zu ihr, mit der er das Geheimnis der beiden anderen wortlos teilte. Und je mehr ihm neben der heißen jungen Liebe dieser beiden die eigene Einsamkeit das Herz beklemmte, um so stärker ward in ihm die unbewußte Sehnsucht, diese milde, klare Stimme wiederum neben sich zu hören diese Hand wiederum zu halten . . .

Eine Unruhe war in ihm, daß er den Borträgen kaum folgen konnte, und dennoch fühlte er, wie die Musik ihn er­griff, wie die Melodien, die in breiten Wogen durch das Musikzimmer zogen, sein Inneres aufrührten und erschütterten.

Einmal, als er hinübersah zu Fräulein Molenaar, lag ihr Auge hell und ruhig auf ihm, als läse es in seinen Zügen. Da irrte sein Blick wiederum ab und ging unstet über die anderen Gäste. Über die musizierende Gruppe hin sah er starr in die Ferne. Aber er wußte, daß diese beiden Hellen Augen noch immer ernst und forschend auf ihm ruhten.

Bei Tisch saß er dann neben ihr. Aber was sie da auch sprachen, ihre Worte gingen seltsam fremd aneinander vorbei, als fürchteten sie, einander zu nahe zu kommen, und als tasteten