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Und da schwingt unter sonst gleichen Umständen der kapitals- starkere, größere Betrieb immer das wuchtigere, schärfere, längere Schwert, so daß der kleine Konkurrent regelmäßig, aus tödlichen Wunden blutend, auf der Wahlstatt bleibt.
Der größere Betrieb produziert billiger und kann daher billiger verkaufen — das ist das Geheimnis seines Erfolges. Schon die „Manufaktur", d. h. die von zahlreichen, einem leitenden Willen unterworfenen Arbeitskräften besetzte, aber noch nicht mit Kraftmaschinen ausgestattete Werkstatt, ist dem Handwerksmeister weit überlegen. Denn sie hat einen kauf- männisch geschulten, vorwiegend mit den kaufmännischen Dingen beschäftigten Leiter, der viel mehr Aussichten hat, „auf dem besten Markt" zu kaufen und zu verkaufen als der Handwerker. Er kauft aber auch bei gleicher kaufmännischer Gewandtheit billiger ein und verkauft teurer, weil er größere Mengen vom Markt nimmt und auf den Markt bringt. Er hat kein: Einkauf alle Vergünstigungen des Großkäufers, beim Verkauf alle Vorteile des Großverkäufers, der seine Preise diktiert und mindestens an Zeit, d. h. an Geld, gewinnt, wenn er in der gleichen Verhandlungsdauer, in der der Handwerker ein Stück absetzt, hundert verschließen kann.
Damit nicht genug: seine Arbeiter stellen in der gleichen Zeit viel mehr Waren her als ebenso viele isolierte Handwerker. Das dankt er dem Segen der Arbeitsteilung. Er organisiert den Arbeitsprozeß so, daß jeder seiner Angestellten immer nur einen möglichst kleinen, möglichst spezialisierten Teil des ganzen Verfahrens ausführt, durch das das Erzeugnis aus dem Rohstoff hergestellt wird. Dadurch gewinnt er dreifach: er kann jedem Teilarbeiter ein an seine Teilfunktion ganz besonders angepaßtes Werkzeug in die Hand geben, mit dem gerade diese Teilfunktion sich viel schneller und besser ausführen läßt als mit dem nicht spezialisierten Werkzeug, das der Handwerker führen muß, um den ganzen Arbeitsprozeß hintereinander durchzuführen. Er gewinnt zweitens dadurch, daß jeder Arbeiter in diesem einen Spezialfach eine ganz besondere Geschicklichkeit und Leistungsfähigkeit gewinnt, die der mit vielen verschiedenen Werkzeugen an vielen verschiedenen Arbeiten beschäftigte Handwerker nie erringen kann. Und er spart drittens die Zeit, die im Handwerksbetrieb notwendig verloren geht, wenn der Meister das eine Werkzeug niederlegt, um ein anderes aufzunehmen, und die Zeit, die jedesmal wieder hingeht, bis Hirn und Hand die neue Anpassung hergestellt haben.
Dank diesen Vorteilen verschlang überall die Manufaktur die Werkstatt. Aber ihr selbst erstand ein neuer, noch gefährlicherer Feind, die Fabrik, in der die Elementarkräfte des fallenden Wassers, des Windes, vor allem aber des Dampfes und neuerdings der Elektrizität Mithelfer des immer feiner gegliederten und spezialisierten Arbeitsprozesses geworden waren. Hier steigerte sich die „Produktivität" ins Unglaubliche, die Herstellungskosten der Waren sanken fabelhaft, und die Unterbietung auf dem Markt, der Konkurrenzkampf der Großen gegen die Kleinen, nahmen außerordentlichen Umfang an. Schon gilt manchem tüchtigen Beurteiler das ganze Handwerk im eigentlichen Sinn als völlig vernichtet, und selbst die Manufaktur fristet fast nur noch in der Hausindustrie ein kümmerliches Dasein auf Kosten ganzer, in Elend, Schmutz und Kummer verderbender Bevölkerungen.
Aber der Prozeß der Konzentration des Kapitals und der Zentralisation der Betriebe machte nicht Halt, als die Fabrik über ihre älteren Konkurrenten im Gewerbe gesiegt hatte. Der Konkurrenzkampf entbrannte nun zwischen Fabrik und Fabrik, zwischen Großkapital und Großkapital. Und es schien eine Zeitlang, als sollten nur die Mammutkapitalien und Mammutbetriebe übrig bleiben, als sollten nur einige durch das Verschlingen ihrer sämtlichen schwächeren Konkurrenten ins Gigantische gewachsene Riesenbetriebe die Warenerzeugung für ganze große Kulturkreise übernehmen.
Aber das war ein Irrtum. Die unwiderstehliche Tendenz zur Konzentration und Zentralisation setzte sich weiter durch, aber nicht mehr bloß durch Unterbietung und Niederkonkurrierung
des Kleinen durch den Größeren, sondern von einem gewissen Zeitpunkt an in immer wachsendem Maß außerdem noch durch Kapitalsassoziation. Der Grund für diesen Umschwung der kapitalistischen Taktik ist darin zu suchen, daß der Konkurrenzkampf immer schwerere Opfer kostete in dem Maß, wie ebenbürtige Gegner niederzuringen waren. Solange die mechanische Weberei nur einen armseligen Handweber oder die Textilwarenfabrik eine kleine Manufaktur auszurotten hatte, war es kaum eine Schlacht, sondern nur ein Schlachten zu nennen. Die Fabrik konnte noch mit Vorteil zu Preisen verkaufen, bei denen der Kleine zugrunde gehen mußte. Seit aber Fabrik gegen Fabrik stand, hieß es unter Umstünden, sehr lange unter dem Selbstkostenpreis verkaufen, bis den Konkurrenten der Atem ausging und man endlich, der einzige Sieger auf leichenbedecktem Schlachtfeld, den Siegespreis von dem Konsumenten einziehen konnte, der jetzt zahlen mußte, was der Monopolinhaber verlangte. Das war ein verlustreicherer und gefährlicherer Krieg als gegen Handwerker, und so kam denn ein jüngeres Geschlecht bald dahinter, daß das eigentliche Ziel des Kampfes auch noch auf einem bequemeren und gefahrloseren Weg erreichbar war. Was man erreichen wollte, war, dem Konsumenten einen Preis zu diktieren, bei dem sehr hohe Gewinne heraussprangen; das ist nur möglich, wenn man den Markt monopolistisch beherrscht. Zum Monopol karn man gelangen, wenn man der einzige Lieferant einer unentbehrlichen Ware ist, aber auch, wenn man sich mit allen andern Lieferanten einer solchen Ware zu gemeinsamem Vorgehen verbündet. Dann hat man allerdings den Monopolgewinn mit andern zu teilen, läuft aber auch nicht die Gefahr eines Kampfes, der ebenso leicht mit der eigenen Vernichtung enden könnte, und spart die ungeheuren Kriegskosten der Konkurrenz. Aus diesen Erwägungen entstand aus dem Konkurrenzkampf seine Antithese, die Kapitalsassoziation.
Ihre erste Form waren bescheidene Vereinbarungen über die Preise gewisser Waren, abgeschlossen auf gewisse Zeit, unter Festsetzung und Sicherung gewisser Vertragsstrafen für den Fall der Übertretung der Vereinbarung, d. h. für den Fall eines Verkaufs unter dem festgesetzten Preis. Man nennt diese Bildungen gemeinhin Kartelle oder Konventionen.
Sie entwickelten sich schnell weiter zu höheren und festeren Organisationen, den Syndikaten und Ringen. Hier ist die Selbständigkeit der einzelnen Vertragsteilnehmer schon stärker eingeschränkt als bei den Kartellen, bei denen nur die Preisbestimmung dem gemeinsamen Willen unterliegt. Die Syndikate und Ringe haben in der Regel den ganzen Verkauf in einer Hand kon- zentriert; ihre Verkaufsbureaus sind das einzige Zwischenglied zwischen Produzenten und Konsumenten geworden; der ein zelne Fabrikant verkehrt mit den Kunden entweder gar nicht mehr oder nur noch durch sein Syndikatsbureau, das die Preise festsetzt und ihm auszahlt. Hier ist der Fabrikant nur noch als Einkäufer seiner Rohstoffe und Hilfsstoffe und als Organisator seines inneren Betriebes selbständig: den gesamten Verwertungsprozeß seines Erzeugnisses hat er bereits abgetreten.
Auch dabei blieb der Assoziationsprozeß des Kapitals nicht stehen. Vielfach verteilten die Syndikate bald den Markt an ihre einzelnen Mitglieder, schufen Interessensphären der an gegliederten Fabriken, in die keine andere eingreifen durste; auf der andern Seite griffen sie oft auch in den Produktionsprozeß selbst ein, indem sie ihrem Mitglied das Quantum dessen vorschrieben, was es für seinen Teil höchstens Herstellen durfte, ohne den Markt zu verschlechtern, d. h. die Preispolitik der Vereinigung Zu gefährden.
Aber die volle Depossedierung des alten selbständigen Unternehmers wurde doch erst im „Trust" erreicht. Die Syndikate fanden bald, daß ihre Politik den Nachteil hatte, allzu schwache, fallreife Betriebe künstlich am Leben zu erhalten, die der Konkurrenzkampf der alten Zeit längst fortgefegt hätte. Unter Umstünden konnte es im Interesse der leistungsfähigen Betriebe liegen, eine starke Preisherabsetzung eintreten zu lassen, sei es, um inländische Outsiders oder ausländische Konkurrenz
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