670
gewachsen in der tiefen Stille und Einsamkeit wie die Wintersaat unter dem Schnee, und die alten Vorstellungen und Wünsche paßten ihr so wenig wie die vertragenen Kleidchen des Kindes der Erwachsenen.
Um ihren Mut und ihr Verlangen neu zu beleben, suchte sie sich die lockende Welt, die sie erwartete, auszumalen, wie sie es im Winter getan hatte, über'm Spinnrad, beim Licht des Öllämpchens. Aber hier draußen war's wohl zu hell, oder ihre Augen hatten sich verändert. Den Märchenglanz verdunkelnd, den ihre Phantasie ihr vorzaubern wollte, stieg das Häßliche vor ihr auf, das ihre Erinnerung von dieser Welt bewahrte. Deutlich wie nie zuvor stand das vor ihr, Dinge, die sie gesehen hatte, ohne sie zu begreifen, Worte, die einst ihr Ohr gestreift hatten, ohne bis zu ihrer Seele zu dringen. Sie wollte an die seinen Kleider denken, an das klingende Gold, das Baranow ihr verheißen hatte — und sie dachte an die qualmigen Wirtsstuben voll angeheiterter Zecher, und wie sie auch dem Widerlichsten davon höflich würde begegnen müssen.
Immer ängstlicher wurde ihr zumute. Bei jedem Schritt, den sie tat, war's ihr, als ob Finger von rückwärts nach ihr langten, sie zurückzureißen. So deutlich war diese Empfindung, daß sie sich hastig umwendete. Kein Mensch, so weit die Augen reichten. Aber doch Gesellschaft. Denn der junge Birkenbusch, das Flockengras im Sumpf, die dürre Heideblüte des vorigen Herbstes, die Wasserjungfern und Goldfliegen in der Luft, jedes begann zu ihr zu sprechen in der Stille des Sonnenmittags und alle dasselbe, ein betäubender Chor. Und Baranows zuversichtliches Gesicht, das ihr die glänzende Zukunft verbürgte, verblich, als sie es sich in Gedanken zwischen das Frühlingsweben des Moors stellte.
Sie schalt sich: froh sollte sie sein, leichtherzig, wie ja, wie der Schmetterling, der dort vor ihr hingaukelte. Leuchtend, als wäre er aus dem Sonnenschein selbst zusammengeronnen, schwebte er durch die blaue Luft. Ja, wie er übermütig die Flügel schlug, schien er förmlich zu taumeln in der Trunkenheit seiner Frühlingswonne. Der Schmetterling, das war sie!
Da flitzte ein grauer Schatten aus dem Birkenbusch, lautlos, schnell wie ein Blitz, ein Fliegenschnepperchen. Ehe sie begriff, was geschah, hatte er den leuchtenden Falter im Schnabel, fuhr mit der Beute ins Dickicht. Noch einmal blitzten die goldenen Flügel zu ihr herüber. Sie hingen schlaff und gebrochen erdenwärts.
In ihrer eigentümlichen Stimmung, dem Schwanken ihrer Seele Zwischen der Sehnsucht nach dem erhofften Glück und einem unerklärlichen Grauen davor, packte die stumme Tragödie sie so mächtig, daß sie sich ins Kraut fallen ließ und heftig zu schluchzen begann.
Lange lag sie so. Sie hatte keine Eile mehr, den Zug zu erreichen. Sie wußte, nicht eher taugte sie für irgend ein Ding, bis nicht die zwei, die jetzt in ihr miteinander rangen, ihren Kampf ausgekämpft hatten, das frühreife, lebenshungrige Straßenkind der Großstadt, das sie unter Mutter Margrets Hut geworden war, und die Trina, die der Herrgott aus ihr hatte bilden wollen, als er sie schuf, und die erst in der Einsamkeit und Stille, fern von dem widerlichen Kampf ums nackte Leben, langsam ihr Wesen zu entfalten begonnen hatte, von der das Mädchen erst heute erfuhr, daß sie in ihr lebendig und mächtig sei. Diese Trina sprach nicht von Reichwerden, üppigen Festen, glänzenden Gewändern — sie sprach von etwas, das vor dem Verständnis der anderen nie aufgetaucht war: von Pflicht, von Dankbarkeit, von einer stolzen Selbstachtung, die schöne Kleider und reiche Equipagen nicht erhöhen konnten, ja, die vielleicht verringert wurde durch ein zu ungestümes Streben nach diesen Dingen. —
Jansredrik kehrte heute nicht allein mit Brün aus der Kirche heim, Alheid begleitete ihn.
Als sie zu seinem Haus kamen, streckte Margret Swensen ihren mit einem schwarzen Tuch umwickelten Kopf über die Schwelle.
„Js mein Tochter Trina mit Sie?"
Der Herd war kalt. Alheid steckte sogleich ihr Kleid in die Höhe und begann das Feuer anzufachen. Dabei
schalt sie. Frau Swensen hätte immerhin auf das Essen passen können.
Margret verteidigte sich. Wie konnte sie wohl an Essen denken, wenn sie fast starb vor Angst um ihr Kind? Vier Stunden war Trina nun fort.
Jansredrik wurde aufmerksam. „So lang all. Das is kurios."
' „Se ward in'n Dörpe sien", beruhigte Alheid. „Brün, loop, röp dien Swester."
Brün stand, die Hände in den Taschen, ein verschmitztes Lächeln in seinen schwarzen Augen. Er begriff. „Da könnt' ich lang rufen. Die wird wohl ausgerückt sein. Das hat sie schon immer vorgehabt, und vorgestern hat sie ihre Bremer Bluse gewaschen."
Margret schrie auf. Aber Jansredrik stand, die Hand auf die Tischplatte gestützt. Die Adern auf seiner Stirn schwollen an. Er fand kein Wort. Er hatte geglaubt, daß es ruhig in seinem Herzen geworden sei, ganz ruhig. Nun brannte da etwas, schnitt, bohrte, Zorn und — er traute sich selbst nicht — Schmerz, wirklich, Schmerz.
Alheid legte ihm die Hand auf den Arm. „Nee, nee, glöv nich, wat de Jung' snackt. Jk bring' di dien Trina torügg."
Doch nach einer halben Stunde kam sie ohne Trina wieder. Der Lehrer begleitete sie.
„Wir müssen Nachforschungen nach dem törichten Mädchen anstellen, Holm," sagte der Lehrer, „jemand muß nach Quelkhorn hinüber, an die Polizei nach Ottersdorf telephonieren, nach Bremen, nach Worpswede."
Holm rührte sich nicht.
„Soll ich den Weg für Sie tun oder wollen Sie selbst?"
Da wandte Jansredrik sich zu ihm. Seine Augen funkelten. „Ich hol' kein zurück, die aus mein Haus wegläuft", sagte er hart.
„Aber das Mädchen geht ja zugrund."
Jansredrik kniff die Lippen zusammen.
„Ein Kind! Ohne Mittel! Bedenken Sie doch, Holm."
„Nein!" Janfredriks Faust schlug schwer auf den Tisch.
Da zog Alheid den Lehrer aus der Tür. „Wi möt em Tied laten."
Als die beiden fort waren, wandte sich Holm um, schnitt Brot und Wurst für sich und Brün.
„Komm, Jung'! Wir essen. Was Warmes gibt das ja heut nich."
Aber der Bissen blieb ihm im Hals stecken. Er hatte die Schnapsflasche auf den Tisch gestellt und schenkte sich öfter das Glas voll, als er sonst pflegte.
Bald stand er auf, ging in seine Stube. Dort saß er, die Ellbogen auf dem Tisch, den Kopf in den Händen. Er hatte gemeint, mit Wünschen und Hoffen abgeschlossen zu haben. Der Tote blieb in seinem Grab in Bremen. Mehr verlangte, brauchte er nicht vom Leben. Nun fühlte er's, sie würde ihm fehlen, die Trina, wie seine rechte Hand würde sie ihm fehlen. Was war sein Haus denn ohne den silberblonden Kopf, der es wie die Sonne den Wintertag erhellte, ohne das kluge, junge Gesicht? Unbewußt hatte er sich darauf gefreut, wenn er abends heimkehrte, unbewußt hatte er die Dinge gerichtet, wie er meinte, daß sie Trina gefielen. Weil er ihr, ohne es zu wissen, fast gegen seinen Willen ein Stück von seinem Herzen geschenkt hatte, darum verzieh er's ihr nicht, daß sie ihn heimlich verließ. Mochte sie zugrunde gehen! Er würde sie nicht wieder holen.
Es war dunkle Nacht, als er auf das Flett zurückkehrte. Margret und Brün waren schlafen gegangen. Ihn litt's nicht in dem unwirtlichen Raum, den das Öllämpchen am Herdhimmel kaum erhellte. Er ging vor die Tür.