Heft 
(1906) 32
Seite
669
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Kains Cntsüknung.

(10. Fortsetzung.) ^oman von Luise Mestkirch.

s wurde Frühling, herber Moorfrühling, aber doch ein holdes Wunder für die Kinder der Stadt. Am Kanal sprießten Schlüsselblumen, Veilchen, Vergißmeinnicht. Die Birken hatten sich in wehende, grüne Schleier gehüllt und spiegelten sich eitel im Wasser. Aus der weiten Fläche, unter der dürren Heide waren ein heimliches Keimen und Sichrecken. Feine Gräser streckten ihre Spitzen darüber hervor, tiefgelbe Blütenkelche, wie trunken von dem ungebrochenen Sonnen­licht, in dem sie badeten. In den Tannen schwatzten die Elstern, im Schnee der Baumblüten girrten werbende Stare, schlugen zärtlich ihre wie mit Edelsteinen bestickten Flügel. Weit über Wiesen und tiefgrüne Wintersaat ließ der Kuckuck seinen frohen Ruf erschallen. Der Himmel war hoch und blau. Und die Wünsche in den Menschenherzen, die im Winter still gekeimt hatten, schossen empor in Frühlingsüppigkeit.

An einem Sonntag schlüpfte Trina wieder in das Postbureau in Grasdorf, aus Gewohnheit. Sie erwartete keinen Brief von Baranow mehr. Tagelang dachte sie nicht daran.

Da war der Brief gekommen.Gretchen 8. Grasdorf."

Das Blut stieg ihr heiß zu Kopf, als sie ihn in Empfang nahm. Im nächsten Hauseingang erbrach sie ihn. Ein Geld­schein fiel ihr entgegen. Auf dem Bogen, in dem der Schein lag, standen nur die Worte:Sonntag, den fünften Mai, abends acht Uhr auf dem Bahnhof in Bremen."

Hastig schob sie Geld und Schreiben in ihr Mieder. Auf dem Heimweg lief sie immer den anderen ein Stück voraus. Niemand sollte ihr Gesicht sehen. Am Abend holte sie ihren städtischen Rock aus der Truhe und hing ihn zum Auslüften ans Fenster. Ihre weiße Bluse steckte sie ins Waschfaß.

Dann stand sie vor dem winzigen Spiegelchen in ihrer Stube, löste ihr silberblondes Haar aus seinen straffen Flechten, hob es in lockigem Wulst über ihre Stirn, bauschte es zu einem üppigen Chignon auf ihrem Hinterkops auf. Die glatten Scheitel und Zöpfe, die sie in Schmalenbeek getragen hatte, waren für Herrn Baranow und die schöne Welt draußen nicht fein genug. Mit frohem Erstaunen guckte sie dann ihr Spiegel­bild im Kranz seiner Hellen Haarpracht an, die Augen, die unter den dunklen Brauen und Wimpern förmlich leuchteten. Das war ja gar nicht mehr die blasse, unansehnliche Trina Swensen aus Bremen. Das Vierteljahr ruhigen Lebens und gesunden Regens hatte ihre Wangen gerötet, ihre Glieder ge­

rundet. Wenn sie jetzt in feinen Kleidern steckte, würde sie jemand sein. Sie fühlte es mit Stolz. Ihre Kindheits­

erfahrungen hatten sie den Wert einer einnehmenden Persön­lichkeit schätzen gelehrt.

Aber unruhiger und unruhiger wurde sie. je näher der Sonntag rückte. Das Herz schlug ihr oft wie ein Hammer in der Brust. Wirklich, sie hatte ihre alte Herzhaftigkeit im Moor verloren.

Am Sonnabendabend lief sie hinaus in den Garten, starrte die weißflimmernden Obstbäume an, die sie nicht Wieder­sehen sollte. Verstohlen streichelte sie die Kühe, die sie zum letztenmal melkte. Sie wußte nicht, wie ihr geschah. Die verräucherten Deckenbalken, das Lämpchen am Herdhimmel, die zinnernen Schüsseln, die unter ihren Händen blank ge­worden waren wie Silber, und vor allem Janfredriks durch­furchtes Gesicht mit den jungen Augen unter dem grauen Haar es war, als ob das alles zu ihr redete, leise, ein­dringlich: Siehe, es war doch eine gute Zeit, die du hier verbracht hast. Du hast sie hingelebt ohne Nachdenken, aber vielleicht war's die beste deines Lebens.

Nein," sagte Trina trotzig,es muß eine noch bessere geben. Der gehe ich nun entgegen."

Am nächsten Morgen ließ sie Janfredrik und Brün allein Zur Kirche gehen. Sobald sie fort waren, zog sie ihre weiße .Bluse an, setzte ihren Stadthut auf.

Sieh ein bißchen nach dem Essen, Mutter. Ich Hab' einen Weg. Und adieu auch, Mutter!"

Dann lief sie. So lange sie noch auf der Schmalen- beeker Dorfstraße ging, war sie in beständiger Furcht, jemand könnte sie einholen, zurückhalten. Aber die Straße war leer. Aus allen Gehöften waren die Bewohner zur Kirche gezogen.

Und jetzt bog sie ins freie Moor. Da hörte sie auf zu hasten. Sie hatte Zeit. Fast beängstigend lag's in seiner- tiefen Stille, seiner endlosen Weite um sie gebreitet, ein düster braungrünes Meer, ohne Wellen, ohne Ufer. Ganz klein kau: sie sich drin vor.

Sie war nicht so froh, wie sie sich vorgestellt hatte sein zu müssen bei ihrer Heimkehr in ihre alte Welt. Als ob der weite, leuchtende Himmel über ihr eine Hand wäre, die sie niederdrückte, so schwer wurde ihr Schritt, so be klommen ihr Herz. Das machte, sie war nicht mehr die­selbe Trina, die vor fünf Monaten hier ihren Einzug gehalten hatte. Während sie sich einbildete, ihre Seele schlafe, war sie

1906. Nr. 32.

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