Heft 
(1906) 34
Seite
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Idains Entsiiknung.

(1_. Fortsetzung.) Noinan von §uise Mestkirch.

s war Sonntag, einer jener stillen Sonntage vor Jo­hanni, an denen vor und in den Gehöften nichts zu hören ist als das Summen der Fliegen und Bienen und das Schnarchen der Schläfer, die der Woche übergroße Ermüdung für den Sonntag keine andere Feier noch Lust ersehnen läßt als Ruhe Sonntage, an denen sogar die jungen, vollsastigen Burschen es unter­lassen, den Dirnen zu Gefallen zu gehen, lieber sich auf ihre Federbetten strecken und nur zu den Mahlzeiten taumelnd und gähnend auf Viertelstunden zum Vorschein kommen.

Die wenigen Kirchgänger waren von Grasdorf zurück. Aus den Löchern in den schornsteinlosen Dachfirsten quoll dick der Rauch der Flammen, die das Mittagsessen kochten, und alle Fenster und Türen der Häuser waren geöffnet, um ihm den Abzug zu erleichtern.

Janfredrik stand sich sonnend vor seinem Haus. Auf der Bank neben ihm hockte Margret Swensen in ihrem schwarzen Feiertagskleid, ein schwarzes Tuch um den Kopf gewickelt, sog den Duft des Jasmins ein, den der Mittagwind vom Garten hinter dem Haus herüberwehte, und murmelte ihre Klagen über ihr Los. Janfredrik achtete ihr Gebrumm so viel wie das Summen der Hummeln in den Kleeblüten. Es störte nicht den Sonntagsfrieden seiner Seele.

Aber jetzt schärfte sich sein Blick. Über die Kanalbrücke kam jemand kein Schmalenbeeker. Janfredrik kannte ihn nicht und kannte ihn doch, und das Blut stieg ihm jäh zu Kopf, und eine schwarze Wolke legte sich vor seine Augen. Als sie endlich zerfloß, stand ein städtisch gekleideter Mann vor ihm, schmalschultrig, schlank, mit etwas im Blick der blauen Augen, etwas im Schnitt des zartfarbigen Gesichts, das ihn an unvergessene Augen, ein unvergessenes Gesicht erinnerte. Da der Besucher grüßend den Strohhut abnahm, leuchtete in blassem Kupferglanz lockiges Haar um seine Stirn.

Janfredrik hatte das Gefühl, als wüchse er, so steif rich­teten sich ihm Rücken und Nacken auf bei den: Anblick. Er heftete seine scharfen Augen fest auf den Ankömmling und erwiderte seinen Gruß nicht.

Sie erinnern sich meiner wohl nicht, Herr Holm?"

Was wollen Sie?"

Ich bin Gerd Klünders."

Der hat hier nix zu suchen."

Doch, Herr Holm. Ich habe mit Ihnen zu sprechen Ernstes."

Aber ich nix mit Sie, Herr."

Gerd spähte an Janfredriks Schulter vorüber durch die offene Haustür in das Innere des Hauses. Ein weißes Ge­sicht leuchtete ihm aus der Dämmerung entgegen.

Herr Holm, wollen Sie mich die Schuld einer Toten ent­gelten lassen? Meine Schwester ist tot meine Mutter auch. Ich, das wissen Sie, Hab' Ihnen nie zu wehgetan. Seien Sie gerecht." «

Klug sein is manchmal besser."

Lassen Sie mich in Ihr Haus treten, Herr Holm. Hören Sie mich fünf Minuten ruhig an."

Nicht ein einzigst." Holm trat zurück. Die Haustür schlug er krachend zu zwischen sich und dem Besuch, erst den unteren Flügel, dann den oberen. Gerd hörte auch noch den Riegel vorschieben.

So is er nu", sagte Margret Swensen neben ihm seuf­zend.Sehen Sie, so is er immer. Un mit so'n Menschen muß ich arme Frau mein Tagens hinbringen. Ich"

Margret Swensen," schrie Janfredriks Stimme aus dem Fenster,komm herein."

Da humpelte die Frau eilends um das Haus herum. Sie fürchtete sich, wenn Janfredrik heftig wurde.

Wie ihr ging's den andern. Die Knechte, die Mägde, Brün waren urplötzlich vom Flett verschwunden, als hätte der Boden sie eingeschlungen. Aber in Trina war der Heldenmut der Liebe. Mit blitzenden Augen trat sie allein Janfredrik gegenüber.

Onkel Holm, warum tust das? Hör' ihn doch an, Onkel Holm."

Schelmens un Wortbrechers gehören nich in mein Haus."

Wie kannst sagen, daß Gerd Klünders ein Schelm und Wortbrecher is?! Du kennst ihn gar nicht."

Ich kenn' seine Familie."

Seine Familie ist nicht er. Hör' ihn, Onkel Holm. Es ist nicht recht, daß du ihn nicht einmal hören willst!"

Einen Augenblick stutzte Janfredrik ob solcher Dreistigkeit. Aber Mut gefiel ihm immer. Ganz sanft antwortete er:

Geh auf den Kleeacker, Trina. Wo du an ein Busch ein vierblättrigen Kleeblatt siehst, da kannst sicher sein, daß du mehr davon sindst. Un wo in ein Familie ein ohne Treu un Gewissen aufwächst, da ist er nicht der einzigste von sein Art. Ich will mit kein zu tun haben, der Klünders heißt. Un kein aus mein Haus soll's. Das laß dir gesagt sein. Un nu bring das Essen auf den Tisch."

Trina gehorchte. Während der Mahlzeit wurde kaum ein Wort laut. Sobald er gegessen hatte, ging Janfredrik in seine Stube.

Trina wusch eilig mit den Mägden das Geschirr ab. Als das Haus sauber war, zog sie ihren Sonntagsrock an, ging durch den Garten und, hinter den Tannen des Backofens und den in hohen Halmen stehenden Saatäckern sich deckend, von: Hof fort, hinaus ins wilde Moor, über einen Boden, der bei jedem Schritt federte oder, so oft ihr Fuß in der Hast abglitt von einem der zähen Heidekrautpollen, unheimlich quatschte wie ein vollgesogener Schwamm.

Eine Ode war um sie, grenzenlos wie das Meer, wie das Meer ohne Richtzeichen und Wegmerker. Nur zur Rechten und zur Linken lag es im dunkeln Kraut wie hingewehte weiße Laken. Das war das Flockengras, das jetzt in Blüte stand und den Kundigen warnte, daß unter der üppigen Pflanzen­decke hier die Tiefe unergründlich lauere. Enger und dichter drängten sich zu ihrer Rechten die weißen Laken, bis sie fern am Horizont zusammenflossen zu etwas, das aussah wie eine tiefliegende Schneehalde. Es war der Wildbruch, von dem die alten Frauen in den Spinnstuben erzählte!:, daß er Menschen eingeschlungen habe, einen Reiter samt seinem Pferd, der im Dreißigjährigen Krieg auf Kundschaft geritten war, ein sündiges Liebespärchen, Schmuggler, die von Ostfriesland kamen, auch Opfer von Verbrechen. Was im Teufelsmoor verschwand, das ließ die Sage im Wildbruch versinken.

Aber Trina kannte den Weg, kannte die weißen Warnungs­zeichen, die die gütige Natur Menschen und Tieren aufgesteckt hat. Sie nahm den Bogen weit, damit kein Schmalenbeeker sie erspähe, wenn sie's versuchte, in den Rücken des Ehlersschen Gehöfts zu gelangen. Sie hoffte, daß Gerds Gedanken den ihrigen begegnen, daß er sie suchen werde wie sie ihn.

Hier begann des Vorstehers Besitztum. Aber das Korn seiner Ackerflur, die weithin hinter Haus und Garten sich brei­tete, stand in übermannshohen Ähren, jeden Ausblick hemmend. Vorsichtig ging sie die leise wogende Wand entlang, die schon anfing, sich falb zu färben. Kornblumen leuchteten drin in tiefem Blau.

Als sie zaghaft um die Ecke spähte, kam auf dem schmalen grasbewachsenen Feldweg zwischen den Kornbreiten der daher, den sie suchte. Sie preßte beide Hände auf ihr Herz. Es pochte gar so wild. Und sie stand ganz still, fest an die fahlen Halme geschmiegt.