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Ein wunderlicher Heiliger.
(1. Fortsetzung.) Von Rudolph StraH.
i^MH/us der großen Nilbrücke hatte das Automobil, in dem Thomasine Rasmussen, Erich Bardefleet und ihre Begleiter saßen, seinen Lauf hemmen müssen. Es war da das wirre Gedränge, das jeden Nachmittag
^ sich erhob, wenn die Mittagssperre vorüber war. Nicht schneller als das zerlumpte Volk der Fußgänger nebenan kam der Kraftwagen vorwärts, die langen Züge der grasbeladenen Kamele, von deren Höcker die staubigen braunen Beine der Treiber herabbaumelten, beschatteten ihn, der plumpe, von schwarz verhüllten Fellachenfrauen wie von einem Schwarm Raben besetzte Büffelkarren hielt mit ihm gleichen Schritt. Dazwischen ritten die britischen Offiziere und trabten die Effendis auf ihren Eselchen und fuhren die Touristen in Droschken, und vom fernen Delta her brauste der Nordwind — sonderbar kalt trotz der stechenden Sonne — und bog die hohen Palmenkronen am Strand und blähte die Segel der Dahabyen, die schrägliegend die grünen, schaumgekrönten Wellen durchschnitten, und ließ die schneeweiß gestrichenen Nildampfer an ihren Ankerketten tanzen, und von drüben her leuchtete ein Meer von flachen Dächern und europäischen Palästen und Moscheekuppeln und Fabrikschornsteinen und Parkwipfeln — die Kalifenstadt.
Und Erich Bardefleet benutzte diese unfreiwillige Pause, um seine Gefährtin gedämpft und ernst zu fragen: „Haben Sie noch einmal darüber nachgedacht — Fräulein Rasmussen?"
„Über was?"
„Nun, über das gestern ..."
„Über Kilian Böhm?"
„Ach!" Er bezwang kaum seine Gereiztheit und warf mit einer ungeduldigen Bewegung die angerauchte Zigarette in den Staub. „Wie kommen Sie nur auf Kilian Böhm . . . diesen Esel . . ?"
„Wir fahren doch jetzt gerade Zu ihm hin . . ."
„Aber ich meinte etwas anderes! Das wissen Sie auch ganz gut!" Er nahm seinen Schirm, um damit gegen den zottigen braunen Leib eines sich zu nahe herandrängenden Kamels zu stoßen, und rief dem Burschen oben ein barsches: „Palla! Weiter!" Zu. „Ich meinte das, was ich schon gestern sagte, daß Vernunft immer das beste ist — auch beim Abschluß der Ehe . . ."
Thomasine Rasmussen seufzte und versetzte dann, ebenso leise, wie er geredet, und ein wenig ungeduldig: „Wenn es
Ihnen recht ist, so gönnen Sie mir heute nachmittag wenigstens
ein bißchen Ruhe und lassen das Thema fallen — ja?" Und er neigte schweigend mit seinem eigentümlichen Lächeln den sonnengebräunten, weißblonden Kopf, so als wolle er sagen: Wie du willst! Ich habe Zeit!
Die drei andern hatten nichts von ihrem Gespräch verstanden. Das Getümmel um sie war zu groß. Aber nun, am andern Ende der Brücke, wurde der Weg frei, und das Automobil sauste dahin, die schnurgerade mit hohen Bäumen bepflanzte Allee entlang, und die Kamelzüge daneben wurden nur noch zu braunen, flackernden Schattenstreifen und die Büffelkarren zu einem kurzen, schwarzen Aufdümmern und die Menschen zu Pferd und zu Esel und zu Fuß zu farbigem Gehusche, und selbst die Wagen der elektrischen Straßenbahn, die man überholte, schienen wie Schnecken dahinzukriechen.
Und bald tauchten in der Ferne die wohlbekannten dreieckigen Schattenrisse auf — zwei große und ein kleinerer — und standen wie mit der Schere ausgeschnitten, dämmerig, scheinbar halb durchsichtig am Horizont und wurden immer größer und größer, je näher man kam, und wuchsen zu rötlichen und graugelben, tausendfach vom Zahn der Zeit zernagten und angefressenen Bergen empor und stiegen immer noch höher zum Himmel, als schon längst das Auge sich weigerte, daran zu glauben, daß das Gebilde von Menschenhand seien, und standen als die Pyramiden von Gizeh schweigend, riesenhaft, das Bild der Ewigkeit, vor dem ewigblauen Himmel Ägyptens, und schauten hinab zum Menahaus, wo das Automobil hielt und seine Insassen ausstiegen, um im Kampf mit dem sie umbrüllenden Beduinengesindel unter Führung eines älteren Arabers, seitwärts von der Straße in die Wüste hinauszuwandern.
Die dehnte sich da tot und gelb und unermeßlich — ein Meer von kahlem Steingeröll und losen Dünen. Ein ungeheurer, dreieckiger Schatten fiel weit über sie hin. Er kam von der Cheopspyramide. Und in seinem Schwarz leuchtete ein kleines weißes Zelt. Von Sonne und Regen vergilbt, nachlässig eingepflöckt, geflickt und windschief lehnte es im Sand. Darauf gingen sie zu. Der lockere Boden, in den: sie wateten, machte ihre Schritte fast unhörbar. Und doch hielten sie noch förmlich den Atem an, um Kilian Böhm zu überraschen, und Thomasine Rasmussen dachte sich auf einmal mit einen: Anflug von Ärger: Es ist eigentlich doch dumm! Was tun
wir hier? Und zugleich sagte neben ihr Erich Bardefleet
1906. Nr. 34.
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