Heft 
(1906) 34
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flüsternd und trocken, mit einer Stimme, wie er sie sonst als Jäger auf dem Anstand hatte:Wir erweisen ihm eigentlich

viel zu viel Ehre! Der verfällt noch in Größenwahn!"

Sie machten beide unschlüssig Halt. Aber der Araber war ihnen vorausgeeilt und winkte. Und nun sahen sie, daß lieben ihm, vor seinem Zelt, Kilian Böhm mit gekreuzten Beinen im Sand saß, in seinen weißen Burnus gehüllt, die Kapuze über das verträumte, von dem krausen Bollbart um­rahmte Gesicht gezogen, die gelben Pantoffeln an den auf­fallend kleinen bloßen Füßen.

Er rührte sich nicht, als sie näherkamen, sondern sah sie nur aufmerksam, mit jenem heiteren Interesse an, mit dem er gestern auch die andern possierlichen Geschöpfe Gottes oben auf Shepheards Terrasse gemustert hatte, und zog emsig an der Wasserpfeife, die neben ihm im Sand lag. Das Glucksen ihres schlangenähnlichen Rohrs unterbrach allen: die Stille. Dann sagte Erich Bardefleet laut:Tag, Herr Böhm! Wir wollten mal sehen, was Sie hier machen!"

Nichts!" versetzte der Eremit einfach und schaute zu Thomasine empor. Die übrigen beachtete er nicht.

Und das bekommt Ihnen?"

Ja."

Er machte mit der kleinen fleischigen Hand eine einladende Bewegung, doch Platz zu nehmen, wo es jedem gerade im heißen Sand am bequemsten sei. Es war, als ob er die Wüste umher als seine gute Stube und sich als den Haus­herrn betrachtete. Die leise Scheu, die er gestern, vor dem eleganten Hotel und den geputzten Menschen gezeigt, war ganz geschwunden. Es war etwas Graziöses und Liebens­würdiges in seinem gastlichen Empfang der Störenfriede, die vor ihm stehen geblieben waren.

Das muß aber doch auf die Dauer mordend langweilig sein, dazusitzen und nichts zu tun!" meinte Erich Bardefleet, und der kleine Mann im Sand widersprach lebhaft:Wieso? Alles Tun kommt aus Europa! Da ist es kalt! Da frieren sie. Da springen sie durcheinander, um sich zu erwärmen. Das nennen sie dann Arbeit und machen aus der Not eine Tugend und kommen hierher und drängen die Tugend den Leuten auf, die's nicht nötig haben und so ruhig in der Sonne sitzen und sich wärmen könnten! . . . Pfui! Europa! . . . Leiden Sie quch so an Europa?"

Mit dieser Frage wandte er sich unvermittelt und neu­gierig an Thomasine Rasmussen. Und Erich Bardefleet ver­setzte unwillig:Herr Böhm erstens stehen Sie doch auf,

wenn Sie mit einer Dame reden so sehen Sie wohl und zweitens seien Sie doch ein bißchen vernünftiger."

Kilian Böhm hatte sich wirklich erhoben und stand, kaum mittelgroß und rundlrch, malerisch von dem weißen Mantel umflossen, da.Wenn ich vernünftig wäre, wäret ihr doch nicht zu mir gekommen!" sagte er, und das war so wahr, daß die andern in seine unbefangene Heiterkeit einstimmen mußten, während er sortfuhr:. . . 'mal schaut ihr euch die Schlangenzauberer an 'mal die Feuerschlucker 'mal laßt ihr die heulenden Derwische tanzen . . . 'mal besichtigt ihr den Kilian Böhm! Das ist alles nur zu eurem Amüsement denkt ihr! Oh ich kenn' euch! Aber ich möchte eure Langeweile nicht haben..."

Es war Thomasine Rasmussen unangenehm, daß der kleine Wüstenheilige dabei immer gerade sie ansah, als gelte ihr das alles in erster Linie. Sie hatte plötzlich ein schlechtes Gewissen. Und um ihre Verlegenheit loszuwerden und das allgemein eingetretene, etwas beklommene Schweigen zu unterbrechen, fragte sie ablenkend, in rascher und liebenswürdiger Art:Leben Sie denn ganz hier draußen, Herr Böhm? Auch bei Nacht?"

Bei Nacht bin ich in Kairo, mein gnädiges Fräulein!" erwiderte Kilian Böhm ernsthaft, und die Herren hinter Thomasine lächelten ein wenig. Man wußte, in welchen aben­teuerlichen arabischen Cafes und sonderbaren Orten aller Art sich jener den Abend über Herumtrieb, oder vielmehr, man wußte es nicht, denn schließlich verloren sich nach Mitternacht

seine Pfade geheimnisvoll in dem Dunkel der ägyptischen Alt­stadt, in deren Gassengewirr er wohnte.

Und wem gehören denn die andern Zelte, die da weiter­hin herumstehen?"

Kranken."

Weiter sagte der kleine verwilderte Gelehrte vor ihr nichts. Und nun begriff sie. In diesen Leinwandhütten kampierten Schwindsüchtige aus dem Menahaus unten.

Und ich setze mich jetzt wieder!" sprach Kilian Böhm ent­schlossen und tat es.In Europa mag das unhöflich sein. Aber Gott sei Dank, wir sind nicht dort!"

Was haben Sie denn nur gegen Europa?" Thomasine Rasmussen trat einen Schritt näher und beugte ihre hohe, schlanke Gestalt ein wenig zu dem Einsiedler hernieder, und der schaute zu dem schönen Mädchengesicht über sich empor und versetzte ängstlich:Dort denkt man doch! . . . Früher hatte man das Faustrecht . . . jetzt das Kopfrecht . . . Jeder denkt . . . das ist ja gräßlich ... ich Hab auch gedacht . . . ach Gott, was Hab ich gedacht!"

Seine Stimme klang dabei ganz weh. Und Erich Barde­fleet unterbrach ihn laut und ärgerlich:Na, hören Sie mal, Ihr Wissen in Ehren, aber ich habe doch auch humanistische Bildung genossen ..."

Das seh ich Ihrem gespaltenen Nasenflügel an", be­stätigte der kleine Mann im Sand.

Und da lehrt einen doch die Vernunft ..."

Aller Wahnsinn beginnt bei der Vernunft", sagte Kilian Böhm, und der andere schwieg und zuckte die Achseln, mit einem Blick zu seinen Gefährten, der besagte: Unheilbar ver­rückt! Und unter ihm murmelte es am Boden:Was ihr in

Europa erfindet, die Lokomotiven, die Kohlen, das Schießpulver, die Druckerschwärze, der Teufel selber, alles ist schwarz und gräulich und raucht und stinkt. Und um mich soll es bunt sein! Der Himmel soll blau sein. Die Sonne soll scheinen. Ich will meine Ruhe."

Er seufzte, als ein wunschloser Weiser im Wüstensand, und sah die Kinder der Welt vor sich lange an.

Und plötzlich wurde er böse.Fahrt doch zurück nach Europa, wenn es euch dort so gut gefällt. Ihr gehört dorthin. Und hier hält euch niemand. Alles atmet auf, wenn ihr geht und wieder Frieden im Lande ist . . . Und bei euch da oben ist nur Sorge und Ärger und ewige Unrast . . . und es regnet . . . und es ist kalt . . . und der Himmel ist grau . . . und die Schornsteine rauchen ... da müßt ihr ja werden, wie ihr seid ..." Er war aufgestanden und, in seinen Beduinenmantel gewickelt, vor Erich Bardefleet getreten. Zorn lag in seinem Blick.Ihr seid ja so hart," sprach er,so roh! Ihr liebt keine Kreatur Gottes außer euch. Ihr seid kalt und matt. Ihr seid voll Hohn. Voll Dünkel steckt ihr . . . Die Selbstsucht auf zwei Beinen seid ihr ..."

Na, nun mal Schluß!" versetzte Erich Bardefleet un­geduldig. Aber der andere beharrte:Ihr habt Fischblut in den Adern. Ihr gähnt und mordet und gähnt wieder. Ihr glaubt, die Welt sei nur um euretwillen da, und merkt gar nicht, daß alles eins ist und ihr in der ganzen Welt steckt, und die in euch." Und dabei machte er eine weit ausgreifende Bewegung, so, als wolle er das alles ringsum, von den Pyra­miden bis zu dem Käfer im Sand, an sein Herz holen und in sich zusammenfassen, und sein verträumtes Gesicht verklärte sich. Aber gleich darauf stampfte er wieder mit dem Fuß auf den Boden, daß der gelbe Pantoffel schwappte.Alles ver­achtet ihr!" schrie er.Und mich verachtet ihr auch! Fangt doch erst bei euch selber an. Ihr seid alle unnütz und hochmütig und oberflächlich und geht und stört mich nicht hier. Ich bin nicht euer Hofnarr!"

Na den Gefallen können wir Ihnen ja tun!" sagte Erich Bardefleet ärgerlich. Aber es war unter seiner Würde, einem Kilian Böhm, diesem staubbedeckten ärmlichen Lazzarone im Pyramidenschatten, etwas übelzunehmen.Hätten wir