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das gewußt, wären wir gar nicht erst zu Ihnen herausgekommen! Die Narrenfreiheit hat doch auch ihre Grenzen, zumal in Gegenwart von Damen."
Seine Worte verwehten im Wind. Kilian Böhm hörte sie nicht. Für ihn waren seine Besucher jetzt Luft. Er wendete sich einem jungen, hochgradig schwindsüchtig aussehenden Europäer zu, der von einem der andern Zelte zu ihm herüberkam, und sprach in einer freundlichen, gütigen Art: „So — Herr Schmitz — da Hab' ich Ihnen das Reißpapier und die Kohlenstifte aus Kairo mitgebracht. Da können Sie weiter Ihre schönen Skizzen machen. Hoffentlich langt's bald wieder zu großen Bildern — in München!"
Er hatte sich von neuem im Sand niedergelassen und blätterte in der Skizzenmappe, die ihm jener erwartungsvoll gereicht, und lobte sie: „Sehr brav! Sehr schön!" und
schaute erst den jungen Mann an, der plötzlich husten mußte, daß das hektische Rot auf seinen Wangen noch mehr hervortrat, und dann Thomasine Rasmussen. Und die bangte beinahe vor diesem langen, sonderbaren Blick. Sie hörte aus ihm: Der da vor mir wird wohl nach München reisen —
aber im Sarg. Und früher als er denkt. Das ist die Welt, die ihr Mücken im Sonnenschein nicht ahnt. Das ist das Leid und das Leben.
Und wieder schritten zwei Gestalten auf Kilian Böhms Zelt zu. Sie merkte jetzt: das war hier in der Wüste wie
ein Sammelpunkt für alles, was sich mit seinen Schmerzen
und seiner Hoffnung und Entsagung von den übrigen Menschen
— den brutalen — den gesunden — weg in die Einsamkeit gestohlen hatte. Diesmal waren es zwei Damen — noch jung
— die eine war bleich und sprach nicht — sie schien ein
Kehlkopfleiden zu haben — die andere, ihre Freundin und Pflegerin, stützte sie und nahm von Kilian Böhm ein paar Nummern einer Londoner Zeitung in Empfang, die er offenbar für sie in Kairo geholt, und dankte ihm, und er reichte ihr und der Kranken die Hand und tröstete sie in fließendem Englisch über die Hitze. Die sei gerade gesund. Er wisse das. Er lebe doch schon über zwanzig Jahre in Ägypten.
Und wieder flog von dem siechen, fahlen Menschenhäuflein um
ihn dabei sein Blick zu Thomasine Rasmussens tannenschlankem, biegsam hohem Wuchs und ihrer strahlenden goldblonden und rotwangigen Schönheit, als wollte er sagen: Siehe — das ist der Tod — du Eintagsfliege ....
Und vor dem Tod das Leiden. Und in dem Leiden das
Leben . . . nicht wie es war .... aber wie es kommen
konnte .... einmal kommen mußte. Schließlich traf es doch jeden. Sie fröstelte ein wenig trotz der glühenden Nachmittagshitze. Ein unbestimmtes Grauen und Bangen vor dem
kleinen, sonderbar lächelnden Mann im Sand befiel sie. Sie
hatte sich den Ausflug hierher und den Überfall des Wüsteneinsiedlers viel amüsanter gedacht. Nun wollte sie nur fort von hier und gab ihrem Begleiter das durch einen stummen Wink mit dem Kopf Zu verstehen — die andern waren ohnedies schon vorausgegangen —- und schritt oder watete vielmehr dann eilig durch den lockeren Flugsand im Schatten der Pyramide dahin, die wie eine steile Bergwand im Hochgebirge sich, tausendfach abgestuft, mit übereinander gekollerten Steinblöcken und tiefen Schrunden neben ihnen auftürmte, und war kaum außer Hörweite, da machte sie ihm heftige Borwürfe, daß er sie hierher geführt und so ihnen allen den schönen Nachmittag verdorben habe.
Diese Ungerechtigkeit erbitterte Erich Bardefleet, der sich ohnedies in übelster Laune befand. Es war kein Vergnügen, sich in Thomasinens Gegenwart von solch einem übergeschnappten Menschen, gegen den man wehrlos war, weil man ihn der eigenen Würde wegen nicht für voll, für einen Gentleman und Gleichberechtigten betrachten konnte, so schmähen und heruntermachen zu lassen. Er widersprach gereizt. Hatte sie denn nicht die Partie vorgeschlagen? So viel Billigkeit müsse sie doch haben, das zuzugeben! Und das tat sie auch, aber sie fügte hinzu, er hätte das eben besser wissen und sie warnen
sollen — und als er erwiderte: Das sei doch von ihm
geschehen! — meinte sie: ja — aber nicht genug! — und das bestritt er wieder, und so gab es, in der grauen Landregenstimmung, in der Thomasine plötzlich trotz des tiefblauen Himmels und des verschwenderischen Sonnengoldes war, einen richtigen, heftigen Wortwechsel zwischen ihnen — den ersten Zwist, seit sie sich in Ägypten getroffen — in dem Erich Vardefleet vor Unmut ganz seine sonstige Vorsicht vergaß, ihr hartnäckig widersprach und sich ihr so etwas entfremdete. Und sie wunderte sich selbst, wie wenig doch — nur solch ein kleiner Anstoß von außen — dazu gehörte, um diese leichte Abkühlung zuwege zu bringen.
Schließlich, am Ende der Pyramide, da, wo sie wieder auf den gebahnten Weg kamen, schauten sie sich beide plötzlich an und lachten, in der gleichen Eingebung des Augenblicks, und versöhnten sich wieder. Es war doch wirklich nicht der Mühe wert. Ein mißlungener kleiner Nachmittagsausflug, weiter
nichts. Und so wanderten sie nebeneinander in raschem Gleichschritt unter ihren Sonnenschirmen die staubige Fahrstraße entlang. Da standen schreiende Beduinen um einen Greis herum. Dessen Sohn, ein Pyramidenführer, war von schottischen Touristen infolge einer Wette gegen ein hohes Bakschisch zu dem Versuch verlockt worden, in einer Viertelstunde auf die Spitze der Cheopspyramide und wieder herab zu lausen, hatte dabei das Gleichgewicht verloren und sich den Hals gebrochen. Darüber war nun große Trauer, zumal die beiden Unheilstifter spurlos verschwunden waren. Und Thomasine Rasmussen warf dem zahnlosen und halbblinden Alten ein Silberstück hin und sagte, wieder in unbehaglicherer Gemütsverfassung, im Weitergehen zu ihrem Begleiter: „Gut, daß
Kilian Böhm das nicht auch mit angesehen hat!"
„Warum?"
„Nun — er würde wieder behaupten, die wahren Wilden kommen aus Europa!"
„Ach — dieser Narr!" brummte Erich Bardesleet. Er war mürrisch. Das stand ihm gar nicht. Ihn konnte man sich nur gelassen lächelnd denken — mit viel Selbstbewußtsein und ein wenig Brutalität. Die zeigte er freilich nicht, sondern plauderte mit ihr weiter, wie immer, und sie hörte ihm zu und antwortete ihm — aber sie wurden beide nicht recht warm — es stand das Gefühl eines Unrechts oder einer Torheit zwischen ihnen, weil sie den Doktor Böhm ausgesucht hatten, der sie doch gar nichts anging, und so gesellten sie sich ziemlich schweigsam zu ihrer übrigen Gesellschaft im Menahaus.
Aber auch dahin verfolgte sie heute die Mahnung an Krankheit und Sterben Am Nebentisch saß eine Familie, deren Haupt, ein älterer deutscher Herr, die ganze Zeit von seinem schweren Nierenleiden sprach, so laut, daß die andern es hören konnten — und seine Frau und seine Töchter bemühten sich pflegend nur ihn, und in den Blicken, die sie stumm besorgt austauschten, konnte man lesen, daß die Krankheit hoffnungslos sei. Solche Opfer des Geschicks sah man ja überall in Ägypten und gewöhnte sich daran. Aber heute war Thomasine Rasmussen die Nähe von Menschen, die Schmerzen litten, eine Last, und sie war froh, als man vor das Haus trat, um zu beratschlagen, was man nun eigentlich mit dem angebrochenen Nachmittag noch Vernünftiges anfangen könne.
In die Stadt zurück? Nein! — Dazu war es noch zu früh. Und man hatte dann auch solch ein dummes Gefühl, von Kilian Böhm heimgeschickt worden zu sein. Aber hier draußen gab es nichts als die Pyramiden und die Sphinx. Bei den einen war man schon gewesen — so schlenderte man jetzt zu der zweiten hin — den wohlbekannten Weg. Erich Bardefleet hatte für Thomasine Rasmussen und sich zwei Kamele besorgt. Auf denen ritten sie langsam hinter den andern her. Das hatten sie schon oft getan. Es ließ sich sonst gut plaudern, bei dein trägen Geschaukel, während dessen rnan vom Höcker des Tieres herab wie von einem kleiner: Turm den Blick weithin nach rechts über das Gelb der Wüste,
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