Heft 
(1906) 38
Seite
794
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arme Weißzeugnäherin und Lehrerstochter vom unteren Sack­heim zur Frau Pastorin Zu machen, dann werd' ich vielleicht nicht Nein sagen? Na, und vorgestern waren diese zwei Jahre herum, sie hat Ja gesagt, und sehen Sie, gnädigste Kom­tesse, nun bin ich so glücklich, daß mir im Herzen lauter kleine Vögel zwitschern. Gar nicht zu lassen weiß ich mich vor Glück, und wenn ich den alten Adam nicht ganz und gar ausgezogen hätte, würde ich sagen, ich müßte mich unbedingt einmal daraufhin gründlich bekneipen. Aber das geht nicht, mein kleiner Polizeiwachtmeister würde mir einen zu großen Krach machen! . . . Und nun, nachdem ich Ihnen so offen mein Herz ausgeschüttet habe, werden Sie mir vielleicht verzeihen, gnädigste Komtesse, wenn ich vorhin, beim Spiel, nicht so ganz bei der Sache war."

Alix Prahlstorff hatte die böse Absicht, mit der sie das Gespräch begonnen, ganz und gar vergessen, in ihre dunkeln Augen war ein feuchter Schimmer getreten.Ihre Braut ist wohl sehr hübsch, Herr Kandidat?"

Ach Gott, gnädigste Komtesse... so nach den land­läufigen Begriffen vielleicht nicht, aber für mich ist sie die Schönste! Wenn ich an sie denke, wird's mir immer ganz hell in der Brust, und ich weiß nur das eine, daß ich um sie noch viel, viel schwerere Prüfungen bestanden hätte!" Und er sah mit einem glücklichen Lächeln zu dem blauen Stück Himmel empor, das sich über die Lichtung spannte, als suchten seine Augen dort zwischen den im Abendsonnenstrahl rosig auf­leuchtenden Federwölkchen das Bild eines tapferen kleinen Mädels, das seinem verlotterten Leben neue Richtung gegeben hatte.

Alix wollte irgend etwas erwidern, ein Wort des Dankes, daß er ihr so rückhaltlos sein Vertrauen geschenkt hatte, aber sie fühlte, daß ihr die Tränen kamen. Allerhand unklare Gefühle rangen in ihrer Brust, bitterer Neid auf diese kleine Kandidatenbraut, die es verstanden hatte, die ganze Seele eines Mannes so mit ihrem Bild auszufüllen, daß daneben für nichts anderes Platz war, zorniger Haß gegen sich selbst und die eigene, nur von glatten und banalen Empfindungen ge­lenkte Vergangenheit, immer erst die Fragenwas hat er?" und was kann er dir bieten?" ehe man sich kaltherzig entschloß, so etwas wie Liebe zu heucheln. . . Aber auch vorher, als hinter ihrer Schönheit noch der Glanz des gewaltigen Besitzes stand, eine gähnende Leere, aus der sich kaum eine flüchtige Erinnerung hob, rauschende Feste und tändelnder Flirt . . . Ein paar viel­leicht unter den zahllosen Werbern, die es ernsthaft meinten, sie selbst aber so maßlos hoffärtig, daß sie alle verlachte, immer da­bei aber auf dem Grunde der Seele die Sehnsucht nach jenem starken Gefühl, das jeden Stolz und alles Denken auslöschte, nach der heißen Leidenschaft, die in Not und Verderben führte, oder jener demütigen, den ganzen Menschen heiligenden Liebe, die über Sorgen und Entbehrungen dahinschritt wie über eine blumige Wiese, an deren jenseitigem Rand die Seligkeit winkte ... Und heute schrie ihr Herz lauter denn je . . .

Am Rand der Lichtung tauchten ihre beiden kleinen Befreier" auf. Heinz und Fredi schwangen die mit bunten Hahnenfedern geschmückten Lanzen über den Kppfen und er­gingen sich in herausfordernden Schmähreden gegen die feigen Hunde von Sioux, die es zwar verständen, wehrlose Mädchen aus dem Hinterhalt zu entführen, aber sich natürlich scheuten, solchen Helden wie Winnetou und Old Shatterhand im offenen Kampf zu begegnen. Der Theologiekandidat wandte sich lachend um.Die ,Rote Prärieblume' wird mit mir zufrieden sein", griff nach seinemTomahawk", einem verdorrten, vorjährigen Kohlstrunk, und eilte mit übermütigen Galoppsprüngen seinen Gegnern entgegen. Und Alix stimmte in seinen lauten Schlacht­ruf ein:Auf ihn und drauf ihn, Winnetou und Old Shatter­hand, denn denkt euch nur, dieses Scheusal von Rothaut hat mich bloß aus Übermut geraubt, hat schon längst eine Squaw in seinem Wigwam!" Die sentimentalen Regungen waren in dem Augenblick, da wieder das lustige Spiel begann, verflogen. Wozu sich heute mit finstern Gedanken plagen morgen ging's ja fort von hier, in die weite Welt hinaus,

und irgendwo mußte doch auch ihr einmal das Glück begegnen. Da erklang hinter ihr eine Helle Stimme, die sie schon einmal am Spätnachmittag gehört hatte, nur in einer ernsthafteren Situation, sprach genau die gleichen Worte, wie damals:Wenn ich jetzt höflichst bitten darf, meine Gnädigste?" Ihre Fesseln lösten sich, sie fuhr herum, und vor ihr stand ein schlank ge­wachsener Offizier in etwas strapazierter grüner Jügeruniform, verneigte sich mit zusammengeklappten Hacken und sah sie aus übermütigen blauen Augen an, ein fröhliches Lachen in dem sonnengebräunten Gesicht.

Alix Prahlstorff war durch das unvermutete Zusammentreffen so überrascht, daß sie im ersten Augenblick nichts anderes zu sagen wußte, als:Was . . . was soll das alles bedeuten?"

Der Offizier verneigte sich von neuem.Ein wohlgelungenes strategisches Manöver, gnädigste Komtesse, auf Grund dessen ich meine Versetzung in den Generalstab beantragen werde, denn, wie Sie sehen, hat sich der Feind durch die Demonstration in seiner Front zu einem übereilten Vorstoß verleiten lassen!"

Alix versuchte sich zu verbessern, geriet aber nur immer mehr in Verwirrung ...Ach Gott, das meine ich natür­lich nicht, sondern, wie kommen Sie hierher?"

Aus Maideinen, gnädigste Komtesse, mit einem kleinen Umweg über den Sdrinsnosee. Und eigentlich war ich schon halbwegs wieder zu Hause, aber eine Ahnung sagte mir, daß ich heute noch einmal Gelegenheit finden würde, Ihnen gegen allerhand wilde Völkerschaften beizustehen . . .!" Da wurde sie ärgerlich, daß sie sich hier von dem fremden Offizier wie ein Backfisch hatte in Verlegenheit bringen lassen, und machte ein ganz förmliches Gesicht.Sehr liebenswürdig von Ihnen, Herr Leutnant, und Sie erinnern mich daran, daß ich's bisher verabsäumt habe, mich bei Ihnen, wie es wohl meine Pflicht gewesen wäre, zu bedanken!" Er aber verneigte sich mit über­triebener Höflichkeit, den Schalk in den blauen Augen . . . Keine Ursache, gnädigste Komtesse, Sie rufen mir eine viel schwerere Unterlassungssünde ins Gedächtnis zurück, aber Sie werden vielleicht ein wenig Nachsicht üben, wenn Sie gütigst erwägen, daß ich durch die animierte Unterhaltung mit Ihrem russischen Freund etwas in Anspruch genommen war. Also gestatten Sie, daß ich das Versäumte nachhole: Henner von Sacrow, Oberleutnant im Jägerbataillon Gneisenau, augen­blicklich Ehrenhäuptling und Blutsbruder der Apatschen. Und ich lege mich der ,Roten Prärieblume' zu Füßen, aber wenn sie das nächste Mal wieder im Sdrinsnosee baden will, bitte ich um vorherige Benachrichtigung, ich lasse dann an der russischen Grenze eine Kompagnie Gneisenaujäger ausschwärmen!"

Ich wollte ja gar nicht" . . . Alix Prahlstorff wurde rot und verbesserte sich rasch:das heißt nämlich als Kind habe ich in dem kleinen Waldsee Hunderte von Malen gebadet, ohne je von einem menschlichen Wesen gestört worden zu sein. Und heute nachmittag hatte ich einen langen Ritt hinter mir, der allerhand alte Erinnerungen weckte . . .ich weiß nicht, ob es Ihnen bekannt ist, Herr von Sacrow, daß mein ver­storbener Papa hier in der Gegend ansässig war . . . und als ich den vertrauten Seespiegel zwischen den Bäumen schimmern sah, da vergaß ich, daß ich inzwischen doch eine leidlich er­wachsene junge Dame geworden war, für die sich solche Wasser­partien eigentlich wohl nicht mehr recht schicken ..." Sie brach plötzlich ab, denn es überkam sie mit einem Male ein unerklärlicher Ekel, unter den blauen Augen da drüben, die sie so hnrmlos vertrauend anlachten, weiter zu lügen. Und in vollkommener Verwirrung schloß sie:Jedenfalls danke ich Ihnen herzlich, Herr von Sacrow, und wenn ich noch einmal an Ihre Ritterlichkeit appellieren dürfte . . . meine Cousine Fanny Ouessendorpf hat von meinem Abenteuer keine Ahnung, und ich möchte nicht gern . . . also man wird dann immer so schrecklich viel gefragt ..."

Aber natürlich, selbstverständlich, gnädigste Komtesse!" Er griff an seinen Mützenschirm und umfing sie mit einem heißen Blick; in ihrer Verwirrung, die er für echt mädchenhafte Ver­legenheit nahm, erschien sie ihm wie die leibhaftige Verkörpe-