Heft 
(1906) 38
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mich, wie beim Eintritt eines Gendarmen einmal eine frühe Wespe hereinflog. Ich empfand wahre Freude bei dem Anblick des Tierchens. Es kam mir wie ein Frühlingsbote vor, und ich hätte gewünscht, das kleine geflügelte Ding könnte bleiben. Doch es wußte sich besser Rat.

Eines Tages hörte ich ein leises Klopfen an der Tür- Durch das Schlüsselloch kam ein kaum hörbares Flüstern- .Pst! Pst!"

Was mochte das bedeuten? War da etwa ein Freund unserer Sache im Gewand einer Schildwache?

Eines Gefangenen Stimmung wechselt schnell zwischen plötzlicher, froher Hoffnung und dunkelm Verdacht und Ver­zweiflung ab.

Ich schaute durch das Schlüsselloch. Gebückt stand vor der Tür eine Schildwache von auffällig seinen Gesichtszügen und gewissermaßen vornehmer Erscheinung, so weit ich dies erkennen konnte.

Ich habe Ihnen traurige Nachricht zu bringen!" sagte er leise.Die Revolution in Wien ist niedergeworfen . . . Der Belagerungszustand ist erklärt . . . Robert Blum ist guillotiniert; mit ihm viele andere . . . Blut fließt überall!"

Kaum waren die paar Worte hingehaucht, als man ein leichtes Geräusch an der Tür der Nebenzelle vernahm, wo sich die wachthabenden Gendarmen aufhielten. Rasch trat ich Zu­rück und warf mich auf das Bett, als ob ich schliefe. Unter­des hörte ich, wie der Soldat mit dem Gewehrkolben auf­stieß, als wollte er sogar die leisen Schallwellen seines eiligen Wisperns zerstören. Wieder war alles still.

Robert Blum guillotiniert! ..." Seine Gestalt und sein Gesicht kamen mir lebhaft ins Gedächtnis, wie ich ihn beim Frankfurter Vorparlament im vollen Glanz seiner Volks- beliebtheit gesehen hatte. Von seinem Aufenthalt in Wien, von einer dortigen neuen revolutionären Erhebung hatte ich keine Ahnung. Erst längere Zeit nachher vernahm ich von seiner Reise dorthin in Gesellschaft Julius Fröbels, den ich Ende März kennengelernt hatte, und des Dichters Moritz Hartmann.

Guillotiniert war Robert Blum nicht worden, wie der Soldat vom Hörensagen berichtete, sondern standrechtlich, gesetz­widrig erschossen. Ganz Deutschland, Liberale in Minister­stellung eingeschlossen, Zeigten sich von Ingrimm erfüllt und empört. Freiligrath, derBarde der Revolution", widmete Blums Andenken eines seiner ergreifendsten Gedichte.

Die so heimlich, in hastig bruchstückweisen Worten mir gemachte Mitteilung däuchte mir fast zu ungeheuerlich, als daß ich sie trotz allem, was ich erlitten, glauben mochte. Robert Blum war der Abgott der Massen. Seine Unverletz­barkeit als Mitglied der Deutschen Nationalversammlung hätte ihn vollkommen decken müssen. In dieser Meinung war er ruhig in der Stadt geblieben und hatte sogar seinen Paß verlangt. Sollte ich da glauben, daß ein solches Verbrechen gegen die Volkssouveränität, die von dem Freiherrn von Gagern bei Eröffnung der Nationalversammlung feierlich aus­gerufen worden, verübt werden konnte? Wenn ja, welch weitere Untat war von der siegreichen Tyrannei zu erwarten? Tage lang sann ich über diese geheime Erzählung nach.

Einige Wochen später wurde abermals ein leiser Ton am Schlüsselloch vernehmbar. Ich blickte hindurch. Derselbe Soldat kniete da!

Ich kann es nicht mehr aushalten!" flüsterte er.Ich will das Land verlassen. Können Sie mir raten, wohin?"

Ich betrachtete scharf seine Züge und seine Augen. War etwa ein Fallstrick für mich gelegt? Konnte dieser Mann mit dem auffallend feinen Gesichtsschnitt etwa ein verkleideter

Offizier sein, der mich Zu locken gedachte? Wie, wenn etwa die Gendarmen nebenan unserm Gespräch als künftige Zeu­gen zuhörten? Einen Soldaten zur Fahnenflucht verleiten, konnte das in einer Zeit so gewalttätiger Willkürherrschaft nicht zur Anordnung eines neuen Standgerichts gegen mich benutzt werden?

Die Stimme des Soldaten hatte die alemannische Ton­färbung, als wäre er aus dem Schwarzwald. Ich kämpfte gegen die in mir aufsteigenden Zweifel an, antwortete jedoch vorsichtig, obwohl innerhalb meiner politischen Grundsätze. Ich setzte dem Mann den Weg auseinander, den die Aus­wanderer nach Amerika gewöhnlich einschlugen, fügte indessen hinzu:

Ich hoffe, Sie bleiben im Land. Unsere Sache wird noch siegen. Mit Ihren Ansichten haben Sie auch eine Pflicht zu erfüllen."

Dank!" erwiderte er;ich will sehen, was zu tun!"

In der Totenstille des Kerkers schweiften meine Gedanken unablässig auf diese verstohlenen Gespräche zurück. Manchmal kam mir wieder der quälende Zweifel. Manchmal glaubte ich, ein guter Freund sei erschienen, obwohl mit einer blutigen Mär, und er könne sich noch nützlich erweisen.

s *

*

Monate verflossen. Ich vernahm nichts weiter von dem, was draußen vorging. In der Kaspar Hauserschen Einsamkeit (wie Amalie Struve in ihrenErinnerungen", die ihrem Gemahl und mir gewordene Art der Haft nannte) hatte ich aus Mangel an Bewegung, oder wenn ich in der engen Zelle rasch auf und ab zu gehen suchte, öfters einen Taumelanfall, als drängten die Mauerwände auf mich ein.

Trotz all dieser grauenhaften Erfahrungen verlor ich nimmermehr den Mut oder den Glauben an unsere Grund­sätze. Andern Trost hatte ich als entschiedener Freidenker, den Ansichten von Feuerbach und Strauß, von Empedokles und Lukrez huldigend, nicht.

Eines Tages wurde ich durch den Besuch meines älteren Bruders überrascht. Er kam in seiner Wehrtracht als Artillerist aus Norddeutschland, wohin er während des Schleswig-Holsteinischen Krieges mit seinem Regiment beordert worden war. Ich sprach zu ihm mit gebührender Ruhe. Ihm aber, einem außerordentlich starken Mann, rannen die Hellen Tränen die Wangen herab, und er fand eine Zeitlang, beim Anblick meiner Lage, kaum seine Fassung. Damals schwante ihm nicht, daß er selbst später, nach der blutigen Unterdrückung der neuen Erhebung von 1849, an der er als erwählter Offizier teilgenommen, ein gleiches Schicksal haben würde. Von preußischen Truppen gefangen genommen, deren Führer, dem gegebenen Namen Blind nach, glaubte, ich wäre es, wurde mein Bruder an einen Baum gebunden und sollte kurzweg erschossen werden.

Ich bin nicht Karl Blind!" hatte er gerade noch Zeit, hastig auszurufen;mein Name ist Valentin Blind." Er wurde dann losgebunden. Vom Kriegsgericht zu sieben Jahren Zellenhaft verurteilt, litt er schwer und starb eines vorzeitigen Todes.

Ein anderer, auf etwa zehn Minuten gestatteter Besuch war der Friederikens, meiner späteren Gattin. Wir hielten beide vollkommene Selbstbeherrschung aufrecht. Ich sprach die feste Überzeugung unseres kommenden Sieges aus, wurde aber von dem Gendarmen sofort unterbrochen, während der Gefängnis­wärter Matt sich still verhielt.

Dieser Besuch war wie ein Sonnenstrahl in dem Kase­mattengrab.

Mit der fast übernatürlichen Einsicht, die sich bei einem Eingekerkerten entwickelt, meinte ich aus dem Blick, aus dem Stimmton Matts allmählich zu erkennen, daß ich ihm trauen dürfe. Eine künftige Belohnung ihm zu versprechen, war bei