814
war saftig, das Bier gut gepflegt, und die Art der Darbietung eine ganz andere als die sonst ortsübliche. Bor allem wurden nur gleichgestimmte Seelen eingeladen, so daß man frei von der Leber weg reden durfte, keinen die Ohren spitzenden Jäger oder Lohndiener hinter dem Rücken, der jedes, nicht ganz vorsichtig aus balancierte Wort brühwarm zum Hause hinaustrug ... an der Spitze der Tafel die zierliche kleine Hausfrau, die auch den schweigsamsten ihrer Gäste zum Reden zu bringen verstand, um ihm dann mit offensichtlichem Interesse Zuzuhören, am andern Ende aber der Hausherr, der aufmerksamen Auges für das leibliche Wohl seiner Eingeladenen sorgte, hier die Vratenschüffel hinreichte, dort ein leeres Glas aus dem hinter seinem Stuhl stehenden Siphon mit sorgfältig gekühltem Maldeiner „Pilsener" füllte und immer noch dabei Zeit fand, der allgemeinen Unterhaltung im kritischen Augenblick mit einem neuen, interessanten Thema beizuspringen, eine Tischgesellschaft, deren freundlich animierte Stimmung der sonst so bissige Hauptmann der Ersten stets in dem kurzen Trinkspruch zusammenzufaffen pflegte: „Lieber Hartung, gestatten Sie, auf das Wohl der holdseligen Ihrigen! Und heute ist wieder mal ein Abend, der geeignet wäre, den Junggesellen mit der Institution des Familienlebens auszusöhnen!"
Henner von Sacrow ließ seine Bessie in schlanken Trab fallen, trotz des holprigen Maldeiner Pflasters, das bei der nur aus ein paar kümmerlichen Petroleumlaternen bestehenden Straßenbeleuchtung gefährliche Untiefen barg, denn es hätte ihm leid getan, vor geschlossenem Haustor umkehren zu müssen. Und er durfte es sich schon herausnehmen, noch zu später Stunde anzupochen, denn Herr und Frau Hartung waren seine besten Freunde — wenn man von wirklichen Freunden sprach, eigentlich die einzigen, die er im Bataillon hatte. Mit dem Hausherrn zusammen hatte er die Kriegsschule besucht, aber so recht aneinandergeschlossen hatten sie sich doch erst, als dieser vor drei Jahren von Kolmar nach Maldeinen gekommen war mit einer jungen Frau am Arm, in die er sich natürlich a tempo und auf Anhieb verliebt hatte, wie im übrigen so ziemlich der gesamte unverheiratete Leutnant des Bataillons Gneisenau. Ein zierliches, schwarzhaariges Persönchen mit ganz unwahrscheinlich großen dunkeln Augen in einem gescheiten Gesichtchen, Tochter eines elsässischen Großindustriellen, der aber, wie die vorauseilende Fama besagte, bei irgend einem großen Krach sein Vermögen verloren haben sollte. Ganz so schlimm war es aber wohl nicht, denn die junge Frau trug Toiletten, die nach Stoff und Aufmachung sicherlich aus einem ersten Pariser Schneideratelier stammten und den Neid sämtlicher Maldeiner Damen erregten; die beiden stämmigen Buben, die man der schlanken Mädchenfigur ihrer jungen Mama nicht ansah, waren stets wie aus dem Ei geschält angezogen, wenn sie mit dem Kindermädchen spazieren gingen, und nach Zuverlässigen Berichten, die aus dem Kreis der Dienstboten auf dem Umweg über die Hintertreppe und Küche in die höheren Sphären der Bataillons- und Bürgerdamen der Maldeiner Gesellschaft gelangten, wurde diese äußerliche Eleganz durchaus nicht mit Entbehrungen im innern Haushalt erkauft. Der Jäger beköstigte sich, wie bei allen verheirateten Leutnants, in der Bataillonsmenage, das aus dem Elsaß mitgebrachte Mädchen aber behauptete auf Befragen, „sie tät' so reichlich koche, daß sich — sae' nom ä'Oiau — noch immer zehn Prussiens an dene übrig gebliebene Rester sattesse könnte!" Sie ließ an den meisten Worten die Endsilben fort, ganz wie ihre junge Herrin, wenn sie sehr lebhaft wurde, und dieser Umstand im Verein mit ihrer bunten, von der ortsüblichen abweichenden Tracht erhöhte nicht nur bei der Maldeiner Dienstkollegenschaft ihr Ansehen und ihre Glaubwürdigkeit, denn nicht bloß im tiefsten Ostpreußen pflegt man allem Fremdartigen mit tief eingewurzeltem Respekt zu begegnen. Daß ihre junge „Madam" ihre eigene Köchin war, nächtens an der Nähmaschine saß, um die „Pariser Toiletten" aufzubauen oder auf neu umzuändern, daß sie die Matrosenanzüge ihrer beiden Buben selbst Zuschnitt und nähte, war ein landsmannschaftliches
Geheimnis, das von diesen „Prussiens" ja niemand zu kennen brauchte. Und kein Mensch außer Henner von Sacrow wußte, daß die Mittel, die dieser tapferen kleinen Frau zur Verfügung standen, nicht allzuviel größer waren als ein baares, blankes Oberleutnantsgehalt, denn die reiche Mitgift war damals wirklich bis auf einen verhältnismäßig geringfügigen Rest verloren gegangen. An dem Tag, da sein Freund Hartung ihm darüber in vertrauter Stunde ein paar Andeutungen machte, hörte Henner auf, der jungen Frau die oberflächlichen Huldigungen eines Courschneiders darzubringen, und fing an, um ihre Freundschaft zu werben. Aus diesen Anfängen aber hatte sich mit der Zeit ein fast geschwisterliches Verhältnis entwickelt, dem Henner es verdankte, daß er endlich angefangen hatte, ernsthaft an die Erfüllung der Bedingung zu gehen, die ihm von seinem alten Onkel Jobst auf Klintzewen für die letzte Sanierung seiner Finanzen gestellt worden war, denn die junge Frau nahm ihre geschwisterlichen Pflichten ernst und konnte nach einem Rückfall Henners in das alte, ziellose Bummelleben zuweilen eine höchst energische Mahnerin werden. Von ihrem Gatten, der fleißig über den Büchern saß, wenn sie die flinke Nadel führte, und dem sie das durchgenommene Pensum stets abhören mußte, wußte sie über den für die Kriegsakademie zu bewältigenden Lernstoff ganz genau Bescheid, und wenn man ihr Zum Beispiel vorzuschwindeln gedachte, man hätte am Abend vorher den Dreißigjährigen Krieg durchgenommen, konnte man sich darauf gefaßt machen, daß sie einen mit den klugen dunkeln Augen prüfend ansah: „So so, den Dreißigjährigen Krieg. Na dann sagen Sie mir 'mal rasch, wie im Westfälischen Frieden die Gebietsverhältnisse geregelt wurden. Frankreich behielt die Bistümer Toul, Metz und Verdun, bekam die Landgrafschaft im Ober- und Unterelsaß ..." Na und wenn man dann natürlich nicht weiter wußte, zuckte sie mit den Achseln. „Na schön. Und nun stellen Sie sich vor, lieber Henner, Sie hätten als Thema für die historische Arbeit Mchelieus Einfluß auf die österreichische Vormachtstellung nach Abschluß des Westfälischen Friedens^ gekriegt! Also doch minim, und zwar mindestens zehn Punkte! ..." Da kniff man die Ohren an, ging nach Hause und lernte. Oder man hatte den Kopf voll Sorgen, trug ein mißmutiges Gesicht herum, weil die Manichäer mit der großen Zwacke drohten, ohne daß man ein anderes Beschwichtigungsmittel hatte als die Vertröstung auf die nach bestandenem Examen sicherlich eintreffende Klintzewer „Silberflotte", dann wußte die kleine Frau stets einen Rat, der für eine Weile einen freien Kopf brachte, eine Schiebung mit der „Kleiderkasse", einen höflichen Brief mit einer kleinen Abzahlung oder irgend ein anderes Mittel. Jedesmal aber am Schluß solcher Konferenzen die Mahnung: „Heiraten Sie,
lieber Henner, sonst werden Sie mit Ihrem angeborenen Talent zum leichtsinnigen Geldausgeben niemals Ordnung in ihre Finanzen kriegen. Eine wirtschaftliche und sparsame Frau natürlich, aber Sie brauchen ja nicht weit zu suchen. Was hier in der Umgegend auf den in bürgerlichen Händen stehenden Rittergütern heranwächst, hat wirtschaften und sparen gelernt . . .!" Also da hoffte er wohl Absolution zu finden, wenn er noch am späten Abend mit der Meldung kam: „Befehl ausgeführt, Frau Annemarie. Und verzeihen Sie gütigst, wenn ich ohne Entschuldigung fortgeblieben bin, aber ich hatte keine Zeit, mußte die zukünftige Frau von Sacrow zweimal aus schwerer Bedrängnis befreien ..."
Und fast hätte er den „Anschluß verpaßt"; als er vom Marktplatz in die Allenberger Straße einbog, in der Hartungs wohnten, hörte er einen Haustürschlüssel sich kreischend im Schloß drehen, ein halbes Dutzend Offizierssäbel klapperten schon ein ganzes Ende weit vor ihm über das Steinpflaster der stillen Gaffe, aber, Gott sei Dank! die Vorderzimmer im ersten Stock waren noch hell erleuchtet. Da richtete er sich im Sattel auf und klatschte laut in die Hände. Oben öffnete sich ein Fensterflügel, der kurzgeschorene Kopf des Oberleutnants Hartung reckte sich heraus. „Hat einer der Herren vielleicht etwas vergessen?"