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Gesellschaft auf verfrorene und zurückhaltende Mienen. Und ihre Cousine PÄ-Hermbrandt sagte: „G'wiß, liebste Alix, a Frechheit sondergleichen, auf der andern Seiten aber an schauderhaftes Malör! Denn nämlich, sag'selbst, weshalb is dös grad dir passiert und kaner andren?!" ... Da hatte sie noch in der nämlichen Stunde ihre Koffer gepackt und war abgereist, um ein paar Tage später gelegentlich aus einem Brüsseler Zeitungs- blatt zu erfahren, daß dem frechen Pariser Finanzier die so handgreifliche Zurechtweisung nichts geschadet hatte. Im Gegenteil, das „interessante Abenteuer" hatte um seinen kahlen Kopf einen gewissen Nimbus gewoben, in einem Bericht über das große Wohltätigkeitsfest im „Cercle des Etrangers" wurde er unler der Gefolgschaft ihrer Wiener Cousine als Erster aufgeführt: „Bemerkt wurde auch als Begleiter der schönen Gräfin PA-Hermbrandt Herr E., der erst unlängst durch seine Affäre mit einer jungen preußischen Komtesse von sich reden machte. Man wird sich wohl erinnern, daß diese kampfgemute Dame mit ihrem Schirm damals nicht minder kräftig umzugehen wußte, als ihre Heimgegangenen Ahnen einstmals mit dem Degen ..." Als wenn's eine besondere Heldentat gewesen wäre, einer jungen Dame aus altem Adel einen frechen Antrag zu machen, oder, so fiel's ihr heute ein, wenn sie an die Worte ihrer Cousine Päl-Hermbrandt dachte, als wenn ihr der Zusammenbruch des väterlichen Vermögens noch etwas anderes eingetragen hätte, außer der Armut: einen geheimen Makel, den sie nicht kannte, der sie aber vogelfrei machte unter allem frechen Raubzeug, und der es einem preußischen Offizier verbot, sie zur Gattin zu nehmen? Vielleicht lag es daran, daß der einzige, nach dem ihre Seele schrie, sich mit spöttischem Mund verabschiedet hatte, um ohne Wort und Gruß fortzubleiben, als schämte er sich, sein Herz an eine so verlorene Sache gehängt zu haben . . . Ganz hilflos und geschlagen kam sie sich vor, ein ächzender Wehlaut kam aus ihrer Brust, und sie ließ sich ohne Kraft und mit bebenden Knien in den Sessel sinken, aus dem sie vorhin, kaum ein paar Minuten war es her, in zorniger Empörung emporgeschnellt war . . . Aber vielleicht, wenn sie bei der da drüben am Fenster so recht demütig bat und bettelte, daß sich dann noch alles zum guten wendete . . . Und „Verzeih, Fanny," begann sie mit leiser Stimme, „ich war wohl sehr ungebärdig, aber es ist schon wieder vorüber, das war nur der dumme, alte Prahlstorffer Stolz ... ich weiß ja recht gut, was ich euch zu verdanken habe, dir und deinem lieben Mann . . . und, wenn du glaubst, daß Henner Sacrow auf den Brief da . . . aber ich habe Angst, er verwindet es nicht, tut sich was an . . die alte Wawerka ..."
Frau Fanny zuckte mit den rundlichen Schultern. „Geh, laß doch das törichte alte Frauenzimmer aus dem Spiel! Aber, entschuldige mal erst einen Augenblick" . . . Sie schob nach Jägerart zwei. Fingerspitzen der Linken zwischen die Lippen und stieß einen schrillen, weithin hallenden Pfiff aus. Und als darauf ihre beiden Sprößlinge Heinz und Fredi, die sich weit hinten auf den Parkwiesen mit einem riesigen Neufundländer, zwei Foxterriern und einem Gordonsetter in schier unentwirrbarem Knäuel wälzten, die Köpfe hoben, drohte sie mit der geballten Faust hinüber — „Rackerzeug, kleines, eure Schulanzüge kosten wohl kein Geld? Und Sie, Herr Steinmann, nennen Sie das vielleicht griechischen Unterricht nach der sokra- tischen Methode in freier Natur? Sollte aber euer Herr Papa und Anstifter auch irgendwo in der Nähe sein, so grüßt ihn von mir, und beim Großfrühstück würden wir uns weiter sprechen! ..." Sie wandte sich um. „So, liebe Alix, nach dieser kleinen Abschweifung ins Pädagogische, es ist ein wahres Kreuz mit diesen wilden Buben und ihrem Vater, so alt er ist, am liebsten spielte er mit ihnen noch ,Indianer' — also ja, du meinst, Sacrow, tut sich was an? Also beruhige dich, weder er noch du, denn mit dem Stamm der Asra habt ihr beide nicht die geringste Verwandtschaft! Und vielleicht tue ich ihm auch ein bißchen unrecht — mein guter Dicker hat mich erst gestern darauf gebracht — vielleicht hat er sich nicht so sehr wegen des nicht stimmenden Rechenexempels zurückgezogen
als wegen etwa zu befürchtender Unstimmigkeiten im Heirate konsens! Also wird er sich — anstandshalber — erst ein bißchen haben, denn heftig genug habt ihr ja geflirtet, ihr beiden, dann aber sich auf die fleißige Seite legen, um möglichst rasch auf die Kriegsakademie zu kommen. Na, und dann kann er ja, wenn dein .ekelhafter Millionenprotz' nichts dagegen hat, im Palazzo Schmielke auf der Kaiserallee Besuch machen. Ihr sitzt einander gegenüber in dem verschwenderisch ausgestatteten Salon, du natürlich in deinem hinreißendsten tea- Mnm, plaudert von vergangenen Zeiten und seufzt ein bißchen. Er aber zieht deine weiße Hand an die Lippen — .Ja, ja, meine Gnädigste, wer hätte das gedacht, daß wir uns in diesen! Leben überhaupt wirklich noch einmal wieder sähen . . ?"
Alix Prahlstorff hatte ihr mit weit aufgerissenen Augen zugehört. „Fanny, du hast da eben etwas gesagt von Unstimmigkeiten im Heiratskonsens?" . . .
„Na ja, mein Kind, der Selbstmord deines Papas, um die Sache mit einem dürren Wort zu bezeichnen, und all die Chojen, die vorangegangen waren, die verschwundenen Meliorationsgelder Meaelora ..."
Alix Prahlstorff schrie laut auf und warf sich in die weichen Kissen des Stuhls, ein nicht zu stillendes Schluchzen erschütterte ihren schlanken Körper. Frau Fanny aber langte, ein wenig verwundert, nach einer neuen Zigarette. „Gott, Alix, Hab' dich doch nicht so, als wenn dir diese alten Geschichten etwas Neues seien! Wollen nur hoffen, daß dein Zukünftiger Schmielke sich nicht daran stößt. Aber der gute Sacrow? Als er am zweiten Tage wiederkam, sah ich's ihm schon an der Nase an, daß etwas nicht in Ordnung war. Ein Wissender hatte ihm anscheinend Dessin gelöffelt! Aber nichts destoweniger, wenn er dem Kommandeur nur herzhaft ans Leder gegangen wäre, in Anbetracht der besonderen Um stände, deren Zusammenhang dir erst später aufgehen wird, hätte er's durchdrücken können! Alles unterkötig, wo man auch hinfaßt! Aber nein, ein Tränlein der Entsagung ist ja viel billiger, Unstimmigkeiten und kein Geld, das ist mehr als ein preußisches Leutnantsherz eigentlich reglementarisch zu erdulden verpflichtet ist!"
„Fanny, ich bitte dich, höre auf!"
„Ach nein, mein Liebchen, wenn brennen, dann aufs Weiße! Und bei solchen Affären muß ich immer an meinen verdorbenen Bruder Erich denken — der Himmel mag wissen, wie es ihm drüben in Amerika geht, und ob er's weiter als bis zum Kellner gebracht hat — ja, wie er sich über meinen verstorbenen Papa warf und schrie: .Vater, weshalb hast du mich nicht genug gehauen, als es noch Zeit war?' . . . Siehst du, Alix, so einen ähnlichen Vorwurf möchte ich mir einmal nicht von dir machen lassen! Denn du bist noch nicht mürbe genug, bildest dir in deiner blendenden Schönheit noch immer ein: Na, wer weiß, vielleicht angle ich mir noch einen reichen Standesgenossen! Also beruhige dich, die rechnen alle genau so scharf wie die Sacrow und Rehna! Aber sich einen Ruck geben, der bis auf die Knochen geht, sich klar machen: Na, da werden wir uns nach gut altpreußischer Sitte mal einschränken und krummlegen, nur, damit wir uns kriegen . . . ach nein, ein zerquetschtes Tränlein der Entsagung ist ja viel bequemer! Und siehst du" — sie trat ganz nahe an die schier fassungslos Schluchzende heran — „deshalb habe ich auch kein Mitleid mit euch beiden, mache mir gar keine Skrupel daraus, diesen Herrn von Sacrow zu der Gartenfete als Pacemaker zu laden, und damit dein zukünftiger Schmielke sich nicht einbilden soll, du hättest keine standesgemäßen Verehrer mehr, er brauchte nur zu kommen. Widerwillig Hab ich's auf mich genommen, aber wenn: ich mache keine Halbe Arbeit! Du aber, mein Kind, dank deinem
Schöpfer, daß mein guter Dicker mildtätig genug denkt, den gefährlichen Handel unter seinem Dach sich vollziehen zu lassen, und weil er sich sagt: dieser nomine Schmielke ist die letzte große Chance, die sich dir bietet! . . . So, mein Schatz/jetzt hast du meine Meinung. Hättest du mich durch
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