Heft 
(1906) 42
Seite
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Na, mit dem nötigen Vorbehalt gefällt er mir auch ganz aut. Fang mir aber nichts mit ihm an!" warnte er.

Was denn?"

Na, ich mein' nur so. Eine solche Natur. Das ist gerade nicht derjenige, den man sich zum Lebensgefährten seines Däumelinchens wünschen möcht'."

Immer sprichst du vom Heiraten, und dann hast du gleich Angst, wie einem jemand in die Näh kommt!"

Bloß wegen deiner Doktor- und Samaritermanie", er­klärte der Papa.Ich bin ja längst drauf gefaßt, daß du mir einmal mit einem Krüppel kommst, der durchaus glücklich gemacht werden muß. Aber der mit dem Buckel wär mir doch noch lieber als einer, der durch eine

schwarze Wolke sieht. Wenn man einem erst die Seele dok­tern soll, na, das Hab ich schon g'fressen. Geht's dem Kind wirklich gut?" (Fortsetzung folgt.)

Oer bim? des viamanlenbenogz.

Lin Bild aus deutscher Geschichte.

s war im Jahre 1827 . Unstät durch die Gemächer und Säle des alten Braunschweiger Schlosses irrte ein junger Mann von etwas knabenhaftem Aussehen, schmächtig, mit schmalen abfallenden Schultern. Das dunkle Haar trug er an beiden Seiten des Kopfes in stark aufgekräuselten dicken Wülsten, wie es damals die Mode der Pariser Stutzer war. Die zier­liche Gestalt, das hübsche Gesicht mit hellblauen Augen, der kleine Mund, um den stets ein spöttischer Zug schwebte, das gab dem jungen Herzog Karl von Braunschweig etwas Eigen­artiges, ja Sympathisches, doch seine nervöse Beweglichkeit, der ewig wechselnde Ausdruck seines Mienenspiels, die Haltlosigkeit seines ganzen Wesens zerstörten wieder diesen günstigen Eindruck.

Er hatte seine Getreuen in sein Kabinett zu einer nächt­lichen wichtigen Beratung eingeladen, nicht aber seine Minister und Hofbeamten, sondern seine Vertrauten von zweifelhafter Lebensstellung, mit denen zusammen er seine kühnsten Pläne schmiedete. Doch der Zeiger der Uhr bewegte sich Zu lang­sam nach der festgesetzten Stunde hin. Ungeduld erfaßte den Herzog und so jagte er erregt durch die Räume des Schlosses hin. Einen Augenblick hemmte er seinen hastigen Rundgang vor zwei Bildern, die in einem kleinen Salon nebeneinander hingen.

Es waren die Bilder seines Vaters und seines Großvaters Zwei Fürsten, die von französischen Kugeln gefallen, Helden, deren Ruhm manchen dunkeln Flecken in ihrem Leben über­strahlte. Er war unglücklicher als sie beide, denn auf ihm lastete ster Druck einer schlimmeren Fremdherrschaft, als diejenige war, gegen die seine Ahnen das Schwert gezückt hatten der Druck einer englischen Vormundschaft, die sein ganzes Leben in Fesseln zu schlagen drohte.

Familienpietät war ihm fremd, so jung er war, längst hatte er alle solche Gefühle fortgespottet, und doch erfüllte ihn Stolz auf seine Vorfahren; er fühlte sich selbst gehoben durch ihre Taten. So blieb er im nachdenklichen Verweilen einige Zeit vor den Bildern stehen.

Armer Großvater, dachte er, das ganze Unglück der Schreckensschlacht von Auerstedt fiel auf dein Haupt und jenseits der Grenze, verbannt von dem Imperator, mußtest du dein Leben aushauchen! Und du, mein Vater, an der Spitze der schwarzen Schar der Todesreiter, ebenfalls verbannt, bis du bei Ouatrebras fielst, kurz zuvor, ehe die deutschen Kugeln dem Cäsar bei Waterloo das Schwanenlied sangen! Wo wird mein Auerstedt, mein Ouatrebras sein? Ach, ich werde an einer andern Todeswunde verbluten; die Nieder­trächtigkeit der Feinde, die mich rings umgeben, wird nur den Todesstoß geben rühmlos, ganz in der Stille; doch ich will mich zur Wehr setzen gegen die Meuchelmörder, die mich in den Schatten drängen, um mich sicherer zu treffen.

Das waren die Gedanken des Herzogs, von denen er sich losriß, indem er mit hastiger Wendung den Bildern den Rücken kehrte und in den nächsten Saal hinüberhuschte. Da schlug die Uhr die achte Stunde eine von Grazien umtanzte Rokokouhr auf dem marmornen Kaminsims.Endlich!"

Aus dem großen Saal führte eine Tür in ein dunkles Kabinett, das von einer Ampel erleuchtet war, obschon draußen noch der Tag mit spätem Sonnenschein in die engen Gassen

Von Rudolf von Gottschall.

der Residenz hineinleuchtete. Da standen um einen grün­verhangenen Tisch die Verschworenen, die der Herzog mit lässiger Handbewegung grüßte.

In der Tat, es waren Verschworene, denn hinter dem Rücken der Würdenträger des Staates faßten sie hier ent­scheidende Beschlüsse.

Da war Herr Klindworth, seines Zeichens ein Lehrer, der seinen Schulmeisterbakel in Hildesheim zurückgelassen und nun auf literarische Abenteuer ausgegangen war, die ihm mehr einzubringen versprachen; doch er hatte Hildesheim nicht allein verlassen; in seiner Begleitung befand sich die geschiedene Gräfin Görz, und auch hier im Kabinett des Herzogs war sie anwesend. Das Licht der Ampel vermochte nicht, ihre häß­lichen Züge zu verklären; doch sie war ja auch hier nicht an­wesend, um Seiner Hoheit Nektar und Ambrosia zu kredenzen. Die Dame mit den scharfgeschnittenen Zügen besaß eine be­sondere Begabung für das Pasquill; sie liebte den Skandal und wußte ihn überall herauszuwittern. Das war's, was Herzog Karl brauchen konnte. Sie fand im geeigneten Fall das rechte Schlagwort, und im Vergleich mit ihr hatte selbst Klindworth etwas Verschwommenes, Haltloses in seinem Wesen.

Und da stand neben der Gräfin ein studentisch aussehender Herr mit einigen Schmarren im Gesicht und einem wenig ge­pflegten Haupthaar, das länger herabfiel, als es der gute Ton der Höfe duldete. Herzog Karl hatte ihn von Paris mit­gebracht neben andern Juwelen, die er im Palais Royal ein­gekauft hatte. Dies Juwel war Witt von Döring, zur Zeit als die Arminen und Germanen sich in Jena rauften, einer der eifrigsten Burschenschafter, ein fanatischer Königsmörder, dem es ein leichtes schien, den Deutschen Bund aus allen Fugen zu werfen. Das wäre nun nicht nach dem Geschmack des Herzogs Karl gewesen. Doch Witt von Döring hatte, während seine Genossen durch das Hexenfeuer der Demagogen­untersuchungen die ärgsten Brandwunden davontrugen, selbst nicht den kleinsten Brandfleck aufzuweisen; nur sein guter Ruf war etwas angeschwärzt worden, als er auf einmal im Lager des Fürsten Metternich auftauchte, der der Schutzherr des Herzogs Karl war.

Außer den Fremden waren zwei Einheimische zugegen, Kanzleidirektor Ritter, den der Herzog vom Schreiber zu dieser Stelle erhoben hatte, ein Beamter mit dem üblichen Bureaugesicht, aber von sklavischer Anhänglichkeit und dabei ein Finanzgenie, wie es der Herzog brauchte bei seinen Attentaten auf die Dominial- und Kammerkassen, und Fedor von Wolfshagen, sein Kabinettssekretär, ein junger Mann von edeln Zügen, der durch Familienverbindungen zu jener Vertrauensstellung gelangt war. Der jugendliche, zur Wildheit fortgehende Ungestüm des Herzogs hatte ihn nicht zurückgeschreckt; er selbst war temperamentvoll, doch als er dem Herzog nähertrat, hatte er nur ein Kopfschütteln für dessen Gewalttätigkelten, wie er auch mit großem Mißtrauen die geheimen Ratgeber be­trachtete, die sich hier versammelten.

Der Herzog setzte sich, die andern folgten seinem Beispiel; er selbst sprang indes oft in höchster Erregung auf und stieß den Stuhl beiseite.