der kritischen Schriften, obwohl Fontane in den zwanzig Jahren seiner Rezensententätigkeit rund 740 Kritiken verfaßte. Sie ist einmal wohl eher zeitgeschichtlicher Art — immerhin waren es die ersten zwei Jahrzehnte des Wilhelminischen Reiches, in denen Fontane als Rezensent der liberalen Vossischen Zeitung das Theaterleben der Stadt Berlin bzw. des Königlichen Schauspielhauses begleitete. Auf diesen Aspekt soll hier jedoch nicht eingegangen werden. 1 Die Bedeutung der Theaterkritik Fontanes bezieht sich sodann auf seine Romanproduktion. Wohl wurden bisher die Rezensionen — meist von Fontanes Beschäftigung mit Ibsen an — immer wieder zur Darstellung seiner ästhetischen Konzeption — insbesondere des Realismusbegriffs — herangezogen, doch fehlen systematischere Untersuchungen über die Beziehungen zwischen Fontanes theaterkritischer „Theorie“ und seiner Romanpraxis. Sie bieten sich indes allein deshalb an, weil die Kritikerjahre auch die Jahre der künstlerischen Reifung Fontanes als Romanautor sind. Über die naheliegende Tatsache, daß das Theater der Zeit — seine Thematik und Problematik — den Erfahrungs- und Ideenhorizont der Romane mitgestaltete, hinaus, konnte die kritische Beschäftigung mit dem Theater nicht ohne Einfluß auf seine „Romanästhetik“ bleiben. In der Tat schälen sich Merkmale und Entwicklungstendenzen einer ästhetischen Linie heraus, die in der Beschäftigung mit dem naturalistischen Theater zu einer synthetischen Formulierung und in den Romanen zur Anwendung gelangen. Das kritische Urteil Fontanes der späten achtziger Jahre ist gewissermaßen nur die Spitze des Eisberges seiner ästhetischen Vorstellungswelt als Theaterkritiker und werdender Romanautor. Schon seit Beginn der siebziger Jahre, bei der Beschäftigung mit dem traditionellen Theater, sind Beurteilungstendenzen zu erkennen, die in diese Richtung weisen. Aus ihnen laßt sich ein in gewisser Weise konstantes, freilich verzweigtes und sich differenzierendes ästhetisches Gerüst erkennen, das sich in der späten Synthese verbirgt. Die vorliegende Untersuchung will dieses kritische Gerüst, das auch für seine Romanwelt konstitutiv wird, nachzeichnen, wobei sie sich auf das explizite Urteil und auf „implizite Indizien“ wie die kritische Haltung stützt. Sie ist systematisch und chronologisch zugleich, d. h. sie legt die Betrachtung einzelner Gattungen zugrunde und untersucht auch, welche Bedeutung sie für Fontane als Kritiker und Romanautor gewannen.
2. Das zeitgenössische Schauspiel a) Deutsches Lustspiel
Fontane unterscheidet 18fi:i drei Gi'uppen von Stücken, die
noch einer bedeutenden und uneingebildeten Wirkung sicher sind: — das Genrestück mit Originalfiguren auf historischem oder stark lokal gefärbtem Hintergrund 2 - das psychologische Konfliktstück mit noch nie dagewesenen Situationen, also Sardou, die modernen Franzosen überhaupt und ihre Nachahmer, und drittens und letztens das Amüsementstück quand meme. (II, 256) 3 Eine spontane, durchgehende Vorliebe Fontanes gilt zweifellos dem „Amüsementstück“. Von dem Prinzip ausgehend, daß „jedes Stück, das
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