Heft 
(1906) 44
Seite
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Wenn's ulir gefällt, kommt es auf eine gute Mütze voll Acker nicht an!"

Na schön. Dann bitte, geradeaus über die Grenze; da fängt nämlich das Besitztum des weiland Grafen Prahlstorff an, achtundzwanzigtausend Morgen, und sie stehen unter Sequester. Die Hauptgläubiger haben sich mit der Land­schaftsbank zusammengetan, lassen die drei Güter verwalten, um sie Zu gelegener Zeit und ohne Schaden zu verkaufen."

Ich habe davon gehört", sagte Herr Schmielke.Und wie viel verlangt das Konsortium?"

Für den Morgen zweihundertund achtzig Mark. Es ist ziemlich viel gutbestandener Wald dabei."

Werden's billiger machen, die Herren!"

Glaube kaum!"

Na auf dem gewöhnlichen Weg natürlich nicht. Aber wie läge der Fall, wenn ein ernsthafter Reflektant sich mit einem Male als Besitzer der zweiten Hypothek entpuppen und Zwangsversteigerung beantragen würde?" Und Herr Schmielke rückte am Hebel, stellte sein Auto auf eine größere Ge­schwindigkeit ein. Der Baron von Ouessendorpf aber nahm vor Erstaunen für einen Augenblick die Zigarre aus dem Mund. Ob der gescheite Kerl da neben ihm sich diese Hypothek am Ende gar schon gesichert hatte? Und wer zahlte Mix die Rente weiter, wenn aus der Partie nichts wurde? Wahr­haftig, es war Zeit, daß er selbst, und zwar sofort nach der Rückkehr, ein ernsthaftes Wörtlein mit ihr sprach, damit sie endlich eine Ahnung bekam, um was es sich eigentlich für sie handelte ...

Vorüber ging es an weiten Roggenfeldern, auf denen das Korn schon in Hocken stand; vierspännige Wagen fuhren schwerbeladen mitten übers ebene Feld, auf dem sich, nach dem Vorwerk zu, die gewaltigen Stoggen türmten.

Endlose Kartoffelschläge kamen, ab und zu purrte eine Kette halbwüchsiger Hühner erschrocken aus dem Straßengraben. Laubwaldparzellen wechselten mit grünen Wiesenschlägen, durch deren Grund ein erlenbestandenes Wässerlein rann, daneben ein Meer von wogenden Halmen, das im Abendsonnenschein tiefgolden erglänzte ...

Der kühle Wald tat sich auf, unter den sich oben zu­sammenschließenden Wipfeln der dicht nebeneinander stehenden, hochgezogenen Eichen fuhren sie wie unter dem Dach eines von tausend schlanken Säulen gebauten Domes hin. An borstigen Kiefernschonungen vorüber, in deren stachligen Zweigen weiße Spinnenschleier hingen, einen Berg hinauf, an dessen Fuß der Wald aufhörte, von der Höhe aber der Ausblick auf ein im Strahl der Abendsonne lachendes Tal. Einen baumbekränzten See, dessen Spiegel von Gold und Rosen glühte, sanft an­steigende Rasenflächen, von Gebüsch und buntleuchtenden Blumenbeeten unterbrochen, dahinter ein weitgestreckter, von einem hohen Mittelturm überragter Heller Sandsteinbau, dessen Fenster im Abendsonnenschein glühten; aber Park und Rasen lagen einsam, leer die weite, von Säulen getragene Terrasse . . .

Herr Schmielke hatte sein Gefährt verhalten, in seinem frischen Gesicht stand ein seltsamer Ausdruck, halb wie Zag­haftigkeit, halb wie Verlangen...Also das ist Schloß Prahlstorff?" . . .

Ja," sagte der Baron nachdenklich,und hier haben die Prahlstorffe hundertfünfzig Jahre gesessen, seit sie aus der Mark her eingewandert waren..."

Herr Schmielke atmete tief auf.Herr von Ouessendorpf, darf ich ganz aufrichtig zu Ihnen sein, Ihnen etwas erzählen, was außer Ihnen kein Mensch erfahren dürfte?"

Der Baron nahm die Zigarre aus dem Mund und neigte sich leicht nach vorn.Herr Schmielke, hier in dieser breiten Männerbrust ruht schon manches, was andere mir anvertraut haben. Wenn Ihnen danach zumut ist, sprechen Sie, es wird gut bei mir verwahrt!"

Na also, Herr von Ouessendorpf, dann ein paar kurze Worte. Vor ungefähr zwei Monaten kramte ich in einer müßigen Stunde auf dem Dachboden unseres Wilmersdorfer Bauern­

hauses in alten Truhen und Schränken zwischen Großväter­hausrat, und da fiel mir ein seltsames Schriftstück in die Hand, ein vergilbtes Pergament mit einem dicken Jnsiegel, dessen Wappen nicht mehr zu erkennen war. Oben darüber aber stand ,Freilaffungsbriefl und die Urkunde besagte, daß der vieledle Reichsgraf von Prahlstorff auf Gransee seinen getreuen Schmied August Mathias Schmielke aus besonderer Affektion und zum Dank für stattgehabte Lebensrettung mit einem Ge­schenk von dreißig Silbergulden freizulassen geruhte, freizulassen von aller Fronde und Arbeit und sonstigen Pflichten . . . folgte eine lange Aufzählung und zum Schluß die Erlaub­nis, das gräflich Granseer Gebiet verlassen und sich in Deutsch- Wilmersdorfer Gemarkung auf der erkauften freien Bauernstelle, ehemals im Besitz der Krögers, ansiedeln zu dürfen. Das, Herr von Ouessendorpf, las ich von meinem Urgroßvater, und seit diesem Tage schwebt vor meinen Augen ein seltsames Ziel . . Und ich muß um Verzeihung bitten, wenn ich vorhin ein wenig unaufrichtig war: die zweite Hypothek auf Prahlstorff hatte ich mir natürlich gleich in den nächsten Tagen gesichert es war kein besonderes Kunststück, denn bares Geld ist knapp in diesen teuren Zeiten und sonst auch alle vorbereitenden Schritte getan. Jetzt aber, hier vor den: Ziel ist mir der Mut ge­sunken, es ist eine Art von Ernüchterung über mich gekommen, und ich weiß nicht, ob das zu erreichen ist, was mir im allerletzten Sinne diesen Besitz begehrenswert machen würde . . . was in den Räumen da drüben aufgewachsen ist, stolz und frei ..." Er brach ab und sah zu dem Schloß hinüber, dessen Fenster im Strahl der Abendsonne lohten. . .

Der Baron von Ouessendorpf schob die ewige Zigarre in den linken Mundwinkel und nickte gedankenvoll.Haben Sie den seligen Fontane gelesen, junger Mann? Der würde in einem solchen Fall vielleicht sagen: ,Ein weites Feld? Und, wer weiß, wie oft, seit Menschen auf der Erde schreiten, dieser Kreislauf sich wiederholt hat: was Herr war, wird Knecht, und was Knecht war, wird Herr! Ich wundere mich nicht darüber, jammere auch nicht darüber, denn dieser Kreis­lauf scheint mir ein Gesetz zu sein. Was tüchtig ist, bleibt oben, was morsch geworden, geht unter. Ihr Geschlecht ist jetzt im Aufsteigen, ein Freigelassener setzt sich an die Stelle seines Herrn, holt sich mit der Zeit vielleicht den Adelsbrief mit der Ermächtigung, den Namen des fortgepflanzten Ge­schlechts neben dem seinigen zu führen. Die Jahrhunderte vergehen, und es kommt wieder ein Umschwung: irgendeiner, dessen Vorväter heute vielleicht Mauersteine tragen oder unter der Erde Kohle graben, steigt da drüben als neuer Herr die Stufen zu der Terrasse hinauf! Also, ein weites Feld, und wer zu sehen versteht, verlernt das Wundern. Was aber die Rotblonde angeht, mit der Sie wohl die Stufen da drüben Hand in Hand hinaufgehen möchten ... ja, Herr Schmielke, auf Fohlenkaufen versteh' ich mich, aber auf Komtessenherzen bin ich nicht eingepaukt. Also versuchen Sie Ihr Heil, das ein­zige, was ich Ihnen versprechen kann, das ist, Ihnen beizuflehen!"

Ich danke Ihnen, Herr von Ouessendorpf," sagte Herr Schmielke,und, wenn es dazu kommen sollte: gute Nachbar­schaft!" Er wandte sein Auto, den Rückweg legten sie schweigend zurück.

S -i-

Frau Annemarie Hartung fuhr wieder heimwärts, Zorn und Ingrimm im Herzen, all' die guten und klugen Worte, mit denen sie der andern an die Seele zu rühren gedachte, waren ungesprochen geblieben. Die Komteß Prahlstorff hatte sich zweimal geweigert, sie zu empfangen, trotzdem sie ihr beide Male durch diese alte braune Zigeunerin, die wohl ihre Die­nerin war, hatte sagen lassen, es ginge um Fragen, um die man sich mit einer sogenannten Migräne nicht herumdrücken dürfe! Und Gott sei Dank nur, daß sie beim Abschied wenigstens der Baronin von Ouessendorpf deutlich Zu verstehen gegeben hatte, daß sie den im Gange befindlichen schmählichen Handel durchschaute. Ob sie nicht zum Tee dableiben wollte,